Trotzen: Hilfe, ich habe einen Zornigel zu Hause!

Nein, drei Tage Fieber und ein Grippevirus waren nicht genug. Unser Kind hat quasi zeitgleich den Zornigel in sich entdeckt. Für ein paar Tage befand sich unsere kleine Familie im Ausnahmezustand. In der Theorie kannte ich das Phänomen ja. Hab ja mal Pädagogik studiert, lang ist’s her. Und auch von bekannten Kiddies kennt man es: zappelnd und zornig weinend am Boden liegende Wüteriche. Die Theorie sagt:

Auf Frustrationen mit Trotz zu reagieren, gehört zum normalen Verhalten von Kleinkindern. Auffällig wäre ein fehlendes Trotzverhalten!

Das schreibt zumindest der Experte Remo Largo im Kassenschlager “Babyjahre”. Nun gut, also ist unser Muckel nicht auffällig? Naja. Unauffällig sieht anders aus. Noah brüllt. Und das im drei Minuten Takt. Quasi ALLES, was wir tun oder was er anfängt ist falsch, falsch, sowas von falsch! Dann wirft er sich nach hinten, lässt sich mit einer Dramatik schluchzend zu Boden fallen, vor der jede Operndiva vor Neid erblassen lassen würde. Bin ich nicht schnell genug zur Stelle, haut er sich dann auch noch sein Köpfchen am Boden an. Ein Erdbeben von einem Heulanfall durchfährt mein bis dato meist braves Lämmchen.

Woher kommt das bitte plötzlich?

Im zweiten Lebensjahr beginnt eine sprunghafte Entwicklung der kindlichen Autonomie, verbunden mit der Herausbildung des Selbst und der Entwicklung eines Selbstgefühls.

Trotzkind Trotzen Hilfe Tipps(In: “Frühe Kindheit 0 – 3: Beratung und Psychotherapie für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern” von Manfred Cierpka)

So gesehen: ja, es stimmt. Noah kann laufen wie eine Eins. Er gibt selbst die Richtung vor und ist ständig in Bewegung. Dazu kommt ein überraschend großer Wortschatz und seine Fähigkeit ganz klar zu sagen, was er will und was nicht. Dieser eigene Wille entspricht weder immer unseren elterlichen Vorstellungen noch seinen eigenen motorischen Fähigkeiten.

Dazu kommt noch etwas. Kleinkinder haben die “Nestphase” in der Familie hinter sich. Die Eltern engagieren immer öfter Babysitter um wieder Zeit zu zweit zu haben oder die Kleinen gehen in die Krippe. Manfred Cierpka schreibt dazu:

Führt einerseits der Erwerb der neuen Kompetenzen im »System Eltern und Kind« zu einem stärkeren Gefühl der Verbundenheit und Intimität, kommt es andererseits entwicklungspsychologisch beim Kind und lebenszyklisch bei den Eltern zu einer verstärkten Autonomie und damit Abgrenzung voneinander.

Das ist für alle keine ganz einfache Phase. Gut, liebe Theorie. Jetzt liegt nun mein kleiner Wüterich auf dem Boden und es macht ihn sichtlich zutiefst unglücklich.
Was tun?
Ersteinmal: durchatmen. Es geht vorbei. Ein Trotzanfall dauert so in der Regel 30 Sekunden bis 5 Minuten. Ab dem vierten Lebensjahr werden Trotzanfälle seltener, dann ist das Gröbste überstanden. Auf einen Anfall folgt dann schnell totale Erschöpfung, Erleichterung, die Minis suchen wieder unsere Nähe und oft wissen sie schon gar nicht mehr, was eigentlich das Problem war (vgl. Manfred Cierpka).
Trotzdem gibt es ein paar Dinge, die ihr während dem Trotzanfall versuchen könnt, zu machen bzw. nicht zu machen:
  • Lasst euer Kindchen einfach in Frieden vor sich hinwüten;
  • Trösten macht es oft nur schlimmer, dann stachelt ihr die Kleinen erst so richtig an;
  • Bestraft die Kiddies auf gar keinen Fall in den Situationen;
  • Bestrafung kann in so einem Fall schon bedeuten, sich zu entfernen: also bleibt einfach ganz ruhig in der Nähe und wartet ab;
  • Bei manchen Kindern hilft es auch gut, sie abzulenken, bevor sie blind vor Trotz sind.

Oder kurz gesagt: weder bestrafen, noch belohnen – einfach ruhig abwarten. Das sagt sich jetzt so leicht. Und glaubt mir, nach der Dauersirene, die wir mit dem kranken Kindchen für ein paar Tage hatten, fiel uns das echt nicht leicht. Irgendwann ist selbst ein Mensch mit Stahlnerven schlicht überstrapaziert. Das Trotzen ist purer Stress – für Groß und Klein. Meine Ohren haben von dem lauten Weinen gesummt, mein Herz wie wild geklopft und es fühlt sich auch einfach ganz traurig und schrecklich an, den kleinen Mucki so leiden zu sehen. Aber es ist im Grunde eine einfache Rechnung: je ruhiger und “entspannter” ihr versucht zu bleiben, desto schneller entspannt sich der Zwergi wieder und desto seltener werden die Trotzanfälle auch.

Kinder müssen erst lernen, ihre Gefühle einzuordnen und später auch ein Stück weit kontrollieren zu können. Sie erleben diese Frustration als etwas ganz Großes und Neues. Das zu lernen dauert Jahre. Und manche lernens nie wirklich:

Ein Überbleibsel der frühkindlichen Trotzreaktionen sind beispielsweise Jähzornausbrüche älterer Kinder und Erwachsener.

(Remo H. Largo)

Bei uns hat sich momentan (schnell auf Holz klopfen) die Häufigkeit und Intensität von Zornigel-Situationen ziemlich reduziert. Ein Glück. Eine Verschnaufpause vor der nächsten Phase. Ihr wisst wovon ich schreibe…
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There are 4 comments

  1. 25 total gute und logische Gründe für einen Trotzanfall -

    […] Heute ist das Kindchen ein kleiner Charmebolzen. So niedlich. So fröhlich. Durchatmen – die harte Phase der letzten paar Zorntage ist scheinbar für den Moment überstanden. Damit hab ich endlich Zeit und Ruhe um durchzuatmen und eine kleine Retrospektive der besten Gründe für Zorn- und Trotzanfälle der letzten Tage zu erstellen. Trotzen ist ja eine ganz wichtige Sache für kleine Große. Ich hab über meinen Zornigel schon vor einer Weile mal geschrieben. […]

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