Blinde Liebe – Wie es ist, eine Mama mit Sehbehinderung zu sein

ChristinaChristina ist seit dem Alter von 13 Jahren blind. Ihr Mann ist sehend, genauso wie ihr gemeinsamer Sohn Felix  (17 Monate).

Ich muss sagen: Respekt. Respekt vor dieser tollen, starken Frau. Vor ihrer Herzlichkeit, Offenheit und Entschlossenheit. Unser Umfeld ist auf gewisse Normvorstellungen ausgerichtet. Menschen mit Behinderungen müssen mit vielen Barrieren im Alltag klar kommen um gleichberechtigt teilhaben zu können. Das allein stelle ich mir unfassbar anstrengend vor.

Und dann ist da Christina, die ihr Leben in die Hand genommen hat. Von Beruf ist sie Psychotherapeutin und plant die Eröffnung einer eigenen Praxis, sobald ihr Sohn im Kindergarten ist. Im Moment ist sie mit Felix noch zu Hause und bietet für wenige Stunden wöchentlich psychologische Telefonberatung an.

Ich habe ihr Fragen zu ihrem Alltag mit Kind gestellt und wollte von ihr wissen, was sie anderen sehbehinderten Mums-to-be und Frauen mit Kinderwunsch raten kann.

Mum & still me: Was liebst du am Meisten am Alltag mit Kind?

Christina: Felix ist ein richtiger Sonnenschein. Sein Lachen und seine Freude, die er jeden Tag hat, wenn er etwas Neues entdeckt oder gelernt hat, empfinde ich als sehr große Bereicherung. Ich genieße die Zeit mit ihm und freue mich, wie er Schritt für Schritt die Welt erkundet.

Mum & still me: Was ist dir während der Schwangerschaft durch den Kopf gegangen?

Christina: Felix war ein Wunschkind. Schon vor der Schwangerschaft habe ich über Mailinglisten zu anderen blinden Eltern Kontakt aufgenommen, um ein Gespür dafür zu bekommen, ob ich mir das Mama sein zutrauen kann und welche Herausforderungen auf uns zukommen können. Dieser Austausch hat mir sehr geholfen und stimmte mich zuversichtlich, den Alltag mit Kind gut bewältigen zu können.

Manche blinde Eltern berichteten von negativen Reaktionen ihrer Mitmenschen auf die Tatsache, dass sie sich trotz ihres Handicaps für ein Kind entschieden haben.

Daher befürchtete ich während der Schwangerschaft, mit eben solchen Äußerungen konfrontiert zu werden. Jedoch musste ich dies erfreulicherweise nicht erleben. Sowohl unsere Familien, als auch unsere Freunde, Kollegen und Bekannte freuten sich mit uns auf unser Baby und trauten uns zu, dass wir das schaffen. Für dieses unterstützende Umfeld sind wir sehr dankbar.

Mum & still me: Mit welchen Herausforderungen musstest du dich, seitdem du Mutter bist, auseinander setzen?

Christina: In Felix’ ersten Lebensmonaten empfand ich den Einfluss meiner Blindheit auf unseren Alltag als sehr gering, denn in Dingen wie Wickeln, Anziehen und Füttern hatte ich schnell Routine. Und auch einen wunden Po oder Schmutz auf den Kleidern oder im Gesicht lernte ich zu erfühlen. Wenn ich alleine mit
Felix draußen war, trug ich ihn am Bauch, da das Schieben eines Kinderwagens schwierig ist, wenn man nicht sehen kann.

Das Einzige was ich damals schade fand war, dass ich mir manchmal nicht sicher war, ob Felix wach war oder schlief, wenn er keine Geräusche machte.

Da hätte ich gerne seine Augen gesehen. Doch da er sehr bald zu brabbeln und zu lachen begann und sich auch meistens bewegte, wenn er wach war, erledigte sich dieses Problem nach kurzer Zeit.

Die größeren Herausforderungen begannen, als er mobiler wurde und sich vom Fleck bewegte. Ich bin immer mit einem Ohr bei ihm. Im Haus höre ich gut, wo er gerade ist und was er macht, da ich hier die Geräusche schnell identifizieren kann. Im Garten oder in sehr großen Räumen, zum Beispiel in der Krabbelgruppe, binde ich Felix ein kleines Glöckchen um, damit ich hören kann, wo er sich befindet. Wenn wir zu Fuß unterwegs sind, orientiere ich mich mit einem Blindenlangstock. Für Felix verwende ich ein Laufgeschirr, das ihm ermöglicht, alleine zu laufen, ohne dass die Gefahr besteht, dass er sich zu weit von mir entfernt. Unternehmungen wie Spielplatz-, Schwimmbad- oder Zoobesuche machen wir immer in Begleitung meines Mannes, der Großeltern oder unserer Freunde. Es ist mir  wichtig, dass sich Felix dort genauso wie jedes andere Kind frei bewegen kann. Solang er so klein ist könnte ich das als blinde Mama in einer Umgebung, in der ich nicht alle Gefahren erkennen kann, nicht gewährleisten.

Beim gemeinsamen Spielen ist natürlich auch Kreativität gefragt, vor allem beim Anschauen von Bilderbüchern.

Da kommt es mir sehr entgegen, dass es mittlerweile so viele Bücher mit Elementen zum Erfühlen und zum Hören gibt. Damit ich Felix auch die Texte vorlesen und die Bilder ungefähr beschreiben kann, habe ich Klarsichtfolie mit den Texten in Blindenschrift bedruckt und habe die Bücher damit beklebt. Auch besitzen wir bereits einige Klingelbälle, mit denen wir gemeinsam spielen.

Mum & still me: Versteht dein Sohn schon, dass du manche Dinge anders wahrnimmst, als er? Wie geht er damit um?

Christina: Ich glaube nicht, dass Felix jetzt schon versteht, dass ich nicht sehen kann. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass er die Dinge, so wie ich sie tue, als normal erlebt und das nachmachen will. Da passieren dann schon mal lustige Sachen.

Beispielsweise wollte er eine Zeit lang nicht ohne meinen Stock aus der Wohnungstür gehen. Und im Moment versucht er dem Papa beizubringen, dass er mit dem Finger lesen soll.

In den nächsten Jahren werden weitere Herausforderungen auf uns zukommen wie zum Beispiel das gemeinsame Malen und Basteln oder die Unterstützung bei den Hausaufgaben. Dafür werden andere Dinge einfacher, wenn Felix sprechen kann. Insgesamt bin ich optimistisch, dass wir auch in Zukunft unseren Alltag gut bewältigen können.

Mum & still me: Was würdest du anderen sehbehinderten Mums-to-be und Frauen mit Kinderwunsch gerne mit auf den Weg geben?

Christina: Andere blinde und sehbehinderte Menschen mit Kinderwunsch möchte ich ermutigen, es zu wagen, Eltern zu werden.

Meine bisherige Erfahrung ist, dass sich die Herausforderungen gut meistern lassen.

Es sollte sich aber auch jeder darüber im Klaren sein, dass Vieles aufgrund der Sehbehinderung mehr Zeit und Energie kostet und dass man auch immer mal wieder die Unterstützung von sehenden Menschen braucht, um seinem Kind eine Kindheit mit vielfältigen Aktivitäten und wenigen Einschränkungen ermöglichen zu können.

Vor allem blinde und sehbehinderte Eltern, die wenig Unterstützung in Familie und Freundeskreis haben, und hauptsächlich auf bezahlte Assistenz angewiesen sind, haben es deutlich schwerer. Eltern mit einer Behinderung bekommen die nötige Assistenz nämlich leider nur dann durch einen Kostenträger finanziert, wenn sie sehr wenig Einkommen und Vermögen haben und Eingliederungshilfe nach SGB XII beantragen können.

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There are 2 comments

  1. Suse

    Beeindruckend, daß Christina und ihr Mann den Schritt gewagt haben.
    Das kostet sicher viel Kraft in einen herausfordernden Alltag auch noch ein Kind mit einzubauen.
    Ich wünsche der kleinen Familie ganz ganz viel Kraft und Aber auch viel Freude beim Abenteuer Familie!

    Liebe Grüße
    Suse

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