Diagnose: Missed Abortion – über verlorene Hoffnung und neuen Mut

Meine Leser*innen haben in den letzten Tagen und Wochen mitbekommen, dass bei mir gerade keine einfache Zeit herrschte. Ich möchte euch bewusst öffentlich erzählen, was mir passiert ist. Ich hatte eine frühe Fehlgeburt, eine “missed abortion”, ein “Windei”.

Warum schreibe ich das?

Ich habe in dieser Zeit viel gelesen, viele gute Artikel und Geschichten von Frauen, die sich geöffnet haben, zum Beispiel die Geschichte von Halitha. Dadurch wurde mein Schicksal greifbar und besser verständlich. Du bist nicht allein, habe ich mir gedacht. Für die Offenheit dieser Frauen war und bin ich sehr dankbar. Deshalb möchte ich ebenfalls meine Geschichte erzählen und Betroffenen damit sagen: ihr seid nicht alleine. Es geht vielen so. Und wir schaffen es, danach weiterzumachen und neuen Mut zu fassen.

Daneben habe ich in den letzten Tagen gemerkt, dass es mir gut tut, über alles was passiert ist zu sprechen (und zu schreiben). Für mich gibt es persönlich keinen Grund, nicht darüber zu sprechen. Ich schäme mich nicht für das, was geschehen ist. Wieso auch. Es geht mir auch nicht darum, Mitleid einzusammeln. Im Gegenteil – ich will, dass normal mit mir umgegangen wird. Aber auch Fehlgeburten sind Teil der Natur und unseres Lebens. Ich möchte aus dem, was mir passiert ist, kein dunkles Geheimnis machen.

Ich bitte nur sensible, ängstliche Frauen und insbesondere Schwangere an dieser Stelle, sich zu überlegen, ob sie weiter lesen möchten. Man hört so viele Geschichten, so viel Negatives. Manchen Menschen spukt das zu sehr im Kopf herum und macht es unnötig Angst.


Diagnose: Missed Abortion – über verlorene Hoffnung und neuen Mut

Kurzatmigkeit, spannende Brüste, Appetit auf ALLES, besonders wenn Ketchup drauf ist… Als meine Tage ausbleiben warte ich noch ein bisschen und hole mir dann zwei Tests im Drogeriemarkt. Den ersten mache ich gleich Mittags, mit Herzklopfen. Negativ. Ich denke mir nicht viel dabei – mittags ist die Hormonkonzentration in der Regel anfangs noch viel zu gering, um im Test angezeigt zu werden. Es wird empfohlen mit dem Morgenurin zu testen. Also am nächsten Morgen ein neuer Anlauf… Auch diesmal negativ. Oder? Ganz leicht ist da ein zweiter Strich zu sehen. Aber nur so minimal, dass ich denke, es mir nur einzubilden. Ich weiß ja, wie es eigentlich auszusehen hat. Was solls, denke ich. Dann eben nicht. Wir haben keinen Druck, es macht nichts. Ein bisschen schade finde ich es zwar schon. Aber uns läuft ja nichts davon.

Meine Tage bleiben aber weiter aus. Entgegen dem Rat der Apothekerin (“Wenn der Test einmal negativ war, dann wird er es auch beim zweiten Mal sein. Ich empfehle Ihnen bei Ihrer Ärztin einen Bluttest zu machen.”) hole ich mir einen dritten Schwangerschaftstest. BÄM. Sowas von positiv! Eine Welle der Freude und des Glücks durchfährt mich.

Ich traue dem Braten nicht

Trotzdem: irgendwie traue ich dem Braten diesmal nicht recht. Das ist eigentlich noch zu milde ausgedrückt. Ich weiß nicht wieso, aber diesmal habe ich einfach Schiss. Bei der ersten Schwangerschaft habe ich mich tiefenentspannt in Erinnerung. Alles schien immer okay zu laufen. Große Sorgen habe ich mir nie gemacht. Also versuche ich es auch diesmal. Mein rationaler Kopf sagt mir: Entspann dich. Genieße! Freu dich!

Wenn ich über diese Schwangerschaft spreche, drücke ich mich dennoch sehr vorsichtig aus. Freundinnen gegenüber wundere ich mich, dass die Symptome diesmal so milde ausfallen. Kaum Übelkeit, die anfänglichen Gelüste sind kaum mehr da. Was man eben sonst so hat. Aber sie beruhigen mich. Jede Schwangerschaft ist anders.

Jede Schwangerschaft ist anders

Nach einigen Tagen ist es dann soweit und ich habe in der SSW 6 + 0 meinen Termin bei der Frauenärztin. Dort sehe ich immerhin eine Fruchthöhle. Zeitgemäß ausgebildet. Und laut Ärztin alles tippitoppi. Aber habe ich nicht bei der letzten Schwangerschaft in dieser Woche schon ein Pünktchen mit schlagendem Herzen gesehen? (Zuhause gucke ich in meinem Büchlein nach: ja, habe ich).

Trotzdem: die Ärztin beruhigt mich, sagt mir das, was meine Ratio mir ja auch ständig einzuhämmern versucht. In zwei Wochen solle ich nochmal vorbei kommen. Dann könne man auch schon mehr sehen.

Zwei Wochen. War jemand von euch schon einmal in einer ähnlichen Situation?

Zwei Wochen können wie Jahre erscheinen.

Das Wochenende vergeht und alles scheint in Ordnung zu sein. Ich höre auf mich zu wundern, dass ich diesmal kaum Schwangerschaftssymptome verspüre. Jede Schwangerschaft ist anders. Mein Mantra.

Windei – was für ein hässliches Wort

Vier Tage nach dem Termin bei der Ärztin entdecke ich leicht bräunlichen Ausfluss. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Ich verdränge negative Gedanken. Ausfluss ist okay. Der kann alle möglichen Farben haben. Über den Tag hinweg kontrolliere ich immer wieder, aber es scheint alles in Ordnung zu sein. Abends dann, plötzlich etwas Blut. Nicht viel. Aber genug um sofort zu entscheiden: Blut ist in der Schwangerschaft keine gute Sache. Da helfen auch positive Gedanken nichts. Die Ärztin hat schon Feierabend. Also ins Krankenhaus.

Im Warteraum rasen meine Gedanken.

Blut muss nichts Negatives bedeuten.

Ob ich total übertrieben habe und jetzt grundlos in der Notfallambulanz sitze?

Aber doch… Irgendetwas sagt mir, dass etwas grundlegend nicht in Ordnung ist.

Mein Bauchgefühl will es meiner Ratio klar machen: hier stimmt etwas nicht.

Ich werde aufgerufen.

Die junge Ärztin stellt erstmal beruhigend klar: es ist absolut richtig gewesen, dass ich gekommen bin. Das Blut muss trotzdem nichts Schlimmes bedeuten. Wir sehen im Ultraschall nach. Und was ich sehe, bedarf keiner großen Erklärung. Trotzdem höre ich die Worte der Ärztin wie gedämpft: “Für den Zeitpunkt der Schwangerschaft, die siebte Woche, müsste man etwas mehr sehen. Zumindest einen Dottersack. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um ein so genanntes Windei.”

Windei. Was für ein hässliches Wort. Und mit diesem Wort, ziehen meine Hoffnungen dahin. Mein Bauchgefühl hatte recht. Von Anfang an.

Ein Windei bedeutet, dass die Fruchthöhle und Plazenta sich wie in einer regulären Schwangerschaft entwickeln. Über Tage und Wochen erfolgt nach wie vor eine hohe Schwangerschaftshormonausschüttung. Der Körper denkt, dass eine Schwangerschaft besteht. Aber ein Embryo kann sich nicht entwickeln und so bleibt die Fruchthöhle leer.

Ich erfahre, dass ich nichts falsch gemacht habe. Dass das recht häufig vorkommt (Wieso habe ich davon aber noch nie gehört?). Dass es keine Folgen für einen weiteren Kinderwunsch hat.

Mir kommen die Tränen und es ist okay. Die Ärztin ist verständnisvoll, nimmt sich Zeit, tröstet. Die Anspannung, die Fragezeichen der letzten Wochen – all das fällt von mir ab. Ich werde ruhig. In einer Woche habe ich einen erneuten Kontrolltermin bei meiner Frauenärztin. Es kann sein, dass bis zu dem Termin schon ein Abgang (schon wieder so ein hässliches Wort) stattfindet. Die Krankenhausärztin will mir keine Hoffnungen machen.

Zeit für Trauer, Zeit zum Abschied nehmen

In den sieben Tagen bis zum Arzttermin fange ich an, das Internet zu durchforsten. Es gibt so viele Geschichten, in denen das vermeintliche Windei doch ein kleines verstecktes Embryo birgt. Vielleicht, so denke ich, ist ja doch alles in Ordnung? Blut jedenfalls, ist keines mehr zu sehen. Es ist alles wie vorher.

Was wäre, wenn der Besuch im Krankenhaus nicht passiert wäre – ich wäre noch immer einfach hoffnungsvoll schwanger. Alles wäre gut. Vielleicht ist alles bloß ein großer Irrtum? Zumal ich dieses kleine Restchen an Hoffnung, auch wenn es nur ein Fünkchen ist, anfangs schwer aufgeben kann. Brav nehme ich weiter meine Folsäure ein, ich bleibe den Schwangerschafts Tabus erstmal treu. Das ist zwischenzeitlich auch quälend. Ich verhalte mich wie eine Schwangere – obwohl doch da gar nichts ist?

Die Woche, die ich bis zum nächsten Termin habe, stellt sich als wertvoll für mich heraus. Denn ich finde mich Tag für Tag mehr mit dem, was nunmal ist, ab. Ich bin innerlich immer ruhiger. Ich nehme an, was da geschehen ist. Manchmal überkommt mich Traurigkeit. Ich lasse sie zu. Aber davon abgesehen möchte ich keinen Ausnahmezustand. Ich gehe weiter arbeiten, wir haben Familienbesuch. Ich erlaube mir, die Familie zur Entlastung einzuspannen, die passen viel auf den Kleinen auf und helfen im Haushalt. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch meine Freundinnen sind in diesen Tagen intensiv für mich da, hören mir zu. Ein solches Umfeld ist unglaublich wertvoll.

Neuen Mut fassen

Als der Tag der nächsten Untersuchung kommt, bin ich nicht aufgeregt. Ich sehe vor mir, was kommen wird und möchte mit meiner Ärztin die nächsten Schritte abklären. Wieder bestätigt sich im Ultraschall die Diagnose Windei. Meine Frauenärztin trichtert mir einmal mehr ein:

Niemand kann etwas dafür. Ich habe nichts falsch gemacht. Es ist Lauf der Natur, kommt häufig vor und hat nichts für weitere Schwangerschaften zu bedeuten.

Das erneut zu hören tut gut.

Tröstend für mich war und ist, dass da nie ein Menschlein zu sehen war, dass ich noch keine Bindung aufgebaut hatte und dass es so früh geschehen ist. Und ein großes, tröstendes Glück ist, dass ich bereits ein so wunderbares Kind auf die Welt bringen durfte, das zuhause auf mich wartet. Und auch wenn es vielleicht nicht für alle verständlich ist: ich war dann irgendwie froh, mit meiner Ärztin die nächsten Schritte zu besprechen um abschließen zu können. Um neuen Mut fassen zu können.

Mir wurde in meinem Fall eine Ausschabung nahe gelegt, am besten schon in den nächsten Tagen. Eine Fehlgeburt, oder kleine Geburt, wie es auch genannt wird, will ich mir ersparen. Die Schmerzen und das Blut – all das würde mich glaube ich zusätzlich belasten. Genau in der SSW 8 + 0 ist es soweit.

Die Ausschabung (oder Kürettage, wie das auch genannt wird) ist heutzutage ein Routineeingriff, bei dem die Gebärmutterschleimhaut entfernt wird. Das wird ambulant gemacht, der Eingriff dauert 10 bis 15 Minuten. Nach 4 bis 5 Stunden darf man schon wieder nach Hause, wenn der Kreislauf stabil ist. Ich bin sehr froh, dass meine Ärztin mir eine längere Krankschreibung ausgestellt hat – denn auch wenn man körperlich relativ schnell wieder auf den Beinen ist, tut es der Seele meiner Meinung nach gut, das Erlebte ebenfalls heilen zu lassen.

Der Eingriff selbst ist okay. Als ich aus der Vollnarkose erwache, fühle ich mich im ersten Moment ein wenig leer. Ich nehme noch einmal bewusst Abschied. Aber körperlich ist es nicht schlimm. Kaum Schmerzen (dank ordentlich Schmerzmittel), wenige Stunden später bin ich wieder auf den Beinen.

Auch wenn ich ruhig bin. Auch wenn ich das Schicksal angenommen habe. Ich trauere um diese Schwangerschaft. Um das, was sein hätte können. Ich hatte schon einen Namen im Kopf, der wird für immer für dieses kleine Etwas reserviert bleiben. Ich bin traurig, aber ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Es ist Teil der Natur und jetzt für immer Teil meines Lebens, meiner Geschichte.

Und trotzdem hat mich diese Erfahrung nicht gebrochen. Ich habe neuen Mut und sehe nach vorne. Freue mich auf den Frühling und den Frühsommer und alles, was die nächsten Monate noch so für mich bereit halten. Und ich bin unsäglich dankbar für mein starkes, enges Familien- und Freundesumfeld. Egal was kommt – euch alle habe ich an meiner Seite (und ihr mich an eurer). Danke!

 

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There are 20 comments

  1. Gesine

    Liebe Bine,

    ich finde es wirklich großartig, dass du hier die Worte dafür findest.
    Es ist so wichtig, darüber zu lesen. Und du hast so recht-es ist ja kein Makel, nichts wofür man sich schämen muss oder was nicht gut ist, wenn es jemand über einen weiß. Trotzdem weiß ich (zu gut), dass es schwierig ist, darüber zu schreiben, es öffentlich zu machen.
    Danke für deinen Mut. Ich hoffe viele Betroffene lesen deine ehrlichen, zuweil traurigen Worte und fühlen sich nicht allein damit.
    Du bist eine tolle, starke Frau, die ein großartiges Bauchgefühl hat.
    Abgesehen davon bin ich mir sicher, dass es ein Geschwisterchen für Noah geben wird 😉
    Sei fest gedrückt.

    1. Sabine Ponath

      Danke liebe Gesine, deine Worte tun gut und freuen mich. Ich hoffe wirklich sehr, dass der Beitrag anderen Betroffenen minimal helfen kann. Auch wenn das komisch klingt. Denn zum Beispiel fand ich es ganz abstrus, als im Krankenhaus die Schwestern immer meinten “Alles Gute”, weil sie vielleicht auch damit “helfen” wollten. Und ich hab nur immer gedacht – nichts wird gut. Aber die Texte anderer Betroffener haben mich berührt und mich gestärkt. Deshalb wollte ich diesen Schritt letztendlich gehen…
      Schönes Wochenende für euch ❤

  2. Tanja

    Liebe Sabine,

    DANKE für diesen Beitrag. Es ist so ausführlich und einfühlsam geschrieben und macht sicherlich vielen anderen Mut, die in einer ähnlichen Situation sind. Ich habe Freundinnen, denen dies VOR ihrem ersten Kind passiert ist und es zerreist einem das Herz, dies mitanzusehen. Umso wichtiger, dass man das Geschehene verarbeitet und dann in die Zukunft blickt. Ich finde es mega mutig, dass du dies geteilt hast. Fühl dich gedrückt! Tanja

    1. Sabine Ponath

      Danke meine Liebe. Ich war zunächst sehr unsicher, weil ich dachte “es gehört sich nicht” öffentlich darüber zu sprechen. Aber dann hab ich mich gefragt – warum eigentlich? Ich würde mich freuen, wenn es anderen Betroffenen Kraft und Mut geben würde – oder zumindest das Gefühl, dass sie nicht alleine sind.
      Alles Liebe für euch ❤

  3. Natürlich Schöner

    Liebe Sabine,

    fühl dich feste gedrückt. Mir ist ein solches Erlebnis glücklicherweise erspart geblieben, aber meine beste Freundin hat es auch erlebt und von daher weiß ich, dass es einfach seine Zeit braucht, damit fertig zu werden. Ich finde es auch gut, dass du darüber sprichst, denn obwohl jede 5. Frau dies einmal erlebt, ist es doch irgendwie ein Tabuthema. Nimm dir die Zeit zu trauern und irgendwann wird es mit Sicherheit auch ein zweites Kind für dich geben.

    Übrigens hat die Apothekerin unrecht. Bei meiner Tochter hatte ich zunächst auch einen negativen Test, obwohl ich überfällig und innerlich fest davon überzeugt war, schwanger zu sein. Hab dann ein paar Tage später nochmal einen gemacht und der war dann positiv.

    LG Michaela

  4. Isa

    Du hast Mut, deine Geschichte so zu erzählen, wie du fühlst. Nichts falsch gemacht zu haben oder Evoulutionsselektion, hin oder her, es ist schwer aber wir wachsen an diesen Schicksalschlägen.
    Meine kleine Familie und ich haben auch Ende des dritten Trimesters unser kleines verloren, das war im November. Langsam kann ich mich auf das Freuen was kommen mag….und dir wünsche ich das auch.
    Liebe Grüße

    1. Sabine Ponath

      Liebe Isa, es tut mir sehr leid, was du und ihr durchmachen musstet. Ich wünsche dir viel Kraft, weiter zu machen. Und trotzdem – unsere Erinnerung, die bleibt. Danke für deine Worte und alles Gute für euch ❤

  5. NordlichtMom

    Das kenne ich zu gut! Als es mir letztes Jahr im Sommer passiert ist war ich auch unfassbar Dankbar für meine Freunde und Familie! Die Natur wird einen Grund gehabt haben warum man so eine Prüfung als Frau durchleben muss… manchmal denke ich darüber nach manchmal bin ich etwas traurig aber dann wiederum ist es gut zu wissen das man schwanger werden kann und das man ein wunderbares Kind schon hat… ich drücke dir die Daumen das es wieder klappt und dann alles gut geht

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