Schwanger in England: “Dass man nie einen Arzt sieht, hat mich anfangs etwas verunsichert”

Würdet ihr euer Baby in einem anderen Land auf die Welt bringen? Selbst innerhalb Europas gibt es einige kleine, aber feine Unterschiede, was die Vorbereitung auf die Geburt und die Geburtshilfe angeht. Das habe ich von meiner ehemaligen Münchner Lieblingsnachbarin Marian erfahren. Die gebürtige Australierin ist vor ein paar Jahren auf nach Großbritannien ausgewandert.

Da sie inzwischen strahlend glückliche Mama einer kleinen Tochter ist, hab ich sie mal ein bisschen ausgequetscht. Gibt es in England auch einen drohenden Mangel an Hebammen? Gibt es dort mehr Hausgeburten? Und ab wann kommen die Kleinen in die Krippe oder KiTa?

Mum & still me: Wie ist die geburtshilfliche Versorgung in England, droht dort auch ein Engpass an Hebammen?

Marian: Schwangere Frauen und neue Mütter werden in England durch den National Health Service (NHS) versorgt, die staatliche Gesundheitsversorgung, die beliebt ist aber sehr unter Finanzmangel leidet. Theoretisch sollte jeder die gleiche Versorgung bekommen, aber leider kommt der Betreuungablauf sehr auf die lokalen Gegebenheiten an.

Fast jeder Arzt, jede Hebamme, jede Krankenschwester oder jeder Techniker mit denen wir Kontakt hatten war sehr kompetent. Sie strengen sich wahnsinnig an, das Beste zu geben – trotz knapper Mittel. Das System dagegen ist leider oft schwergängig und muss dringend modernisiert werden.

Wenn die Schwangerschaft unkompliziert ist, sieht eine werdende Mutter hier in England nur Hebammen

Wenn die Schwangerschaft unkompliziert ist, sieht eine werdende Mutter hier in England nur Hebammen, außer für die zwei Ultraschallaufnahmen, die man mit 12 und 20 Wochen bekommt und die von Technikern durchgeführt werden. Dass man nie einen Arzt sieht, hat mich anfangs etwas verunsichert. Ich hatte das Gefühl, die Hebammen kennen sich gut aus, aber man muss selbst darauf achten, dass man alle empfohlenen Checks, Impfungen usw. bekommt.

Obwohl man die gleiche Hebamme während der ganzen Schwangerschaft sehen sollte, ist es oft nicht so – mich haben vier verschiedene betreut, darunter übrigens auch ein Mann. Ich kenne mich medizinisch ziemlich gut aus und scheue mich nicht, Fragen zu stellen, aber ich könnte mir vorstellen, dass manches wegen des Stetigkeitsmangels durch das Raster fällt.

 Die Wochenbettversorgung fanden wir wirklich gut

Es gab ein Hebammenteam, das am zweiten Tag nach Hause kommt, und dann am fünften und zehnten, oder öfter. Meine Tochter Nell und ich brauchten beide zusätzliche Arztbesuche in den ersten Wochen nach der Geburt und die Hebammen haben uns jeden zweiten oder dritten Tag besucht, bis wir uns sicher fühlten. Es waren wieder Verschiedene, und das hat manchmal zu dem Problem geführt, dass jeder einem ein bisschen unterschiedliche Ratschläge gegeben hat. Andererseits war es beruhigend, mehrere Augen auf uns zu haben.

Meine Schwägerin macht gerade ein Hebammenstudium an der Uni. Sie war sehr schnell im Krankenhaus und hat schon in dem ersten Jahr des Studiums mehr als zehn Babys zur Welt gebracht. Obwohl ich das ganz gut finde, mache ich mir auch Sorgen, dass noch studierende Hebammen manchmal unter ungenügender Beaufsichtigung arbeiten.

Mum & still me: Wie wird in England mit dem Thema Hausgeburt umgegangen? Ist das dort ein Thema?

Marian: Hier in East London ist es wahrscheinlich mehr ein Thema als in anderen Ecken von England. Es wird beim ersten Hebammentermin als eine völlig unterstützte Option dargestellt und angeboten. Es gibt dann ein besonderes Team, das die Familie während der Schwangerschaft und bei der Geburt betreut. Ich glaube weniger als 1 Prozent der Frauen bringen das erste Kind zu Hause zur Welt, beim folgenden Kinder ist es etwas höher. Einige mehr fangen zu Hause an, müssen aber aus verschiedenen Gründe ins Krankenhaus verlegt werden.

Mum & still me: Wie hast du entbunden? Hast du dich gut aufgehoben gefühlt?

Marian: Es gibt viele ‘Birthing Centres’ in England. Sie sind entweder eine Abteilung im Krankenhaus oder separat, wo man in einer häuslicheren Umgebung entbinden kann und nur von Hebammen betreut wird. Die Zimmer sind groß und eingerichtet mit einem Plastik-Doppelbett und verschiedenen Geräten um eine aktive Geburt zu fördern. Sie sind auch oft mit Pools für eine Wassergeburt ausgestattet. Man darf dort Entonox (Lachgas) haben, aber keine PDA. Wenn man eine PDA möchte oder irgendwelche Eingriffe nötig sind muss man dann in die ärztliche Abteilung gebracht werden.

Die Geburt wird primär durch Hebammen begleitet

Ich habe in so einem Centre in einem Krankenhaus entbunden und wir hatten wirklich Glück – ich habe meine Hebamme Mittags mit frühen Wehen gesehen und Nell war schon um 20:30 Uhr da. Man wird im Birthing Centre von Hebammen betreut die man nicht kennt, aber sie waren super und ich fühlte mich immer ganz sicher, weil die Zimmer mit ärztlicher Versorgung nur den Flur entlang waren. Die Trennung zwischen den Abteilungen sorgte schon für eine entspanntere und innigere Atmosphäre. Mein Partner Jake war die ganze Zeit dabei und die Hebammen haben sich nur eingemischt wenn wir sie darum gebeten haben oder es nötig war.

Es werden fast 20 Babys täglich in unserem Krankenhaus geboren, also muss alles schnell gehen

Wenn alles gut läuft und es Mutter und Kind gut geht, kann man schon sechs Stunden nach der Geburt nach Hause geschickt werden. Ich finde das sehr früh beim ersten Kind, aber es werden fast 20 Babys täglich in unserem Krankenhaus geboren, also muss alles schnell gehen. Wir hatten das Glück, dass gerade wenig Bedarf war und wir noch im gleichen Zimmer zu dritt bis zum folgenden Mittag bleiben dürfen. Das waren herrlichen Stunden. Leise und ruhig fast ohne Störungen, aber wir wussten, dass die Hebammen gleich da wären, falls wir Fragen haben. Es war mir vor allem wichtig dass ich mich mit dem Stillen sicher fühle, bevor wir nach Hause gehen. Die Hebammen haben sich dafür Zeit genommen.

Mum & still me: Wie geht es euch jetzt? In welcher Phase steckt deine Kleine gerade?

Marian: Nell ist 8 Monate alt und einfach bezaubernd. Sie fängt gerade an zu krabbeln und ich bin verblüfft, wie entdeckungslustig sie schon ist. Sie probiert viel Beikost, nimmt langsam andere Babys wahr und freut sich ganz offensichtlich, wenn Jake abends nach Hause kommt. Und es ist herrlich, mit ihr jetzt in der Frühlingssonne auf einer Picknickdecke zu sitzen.

Die ersten 4,5 Monate waren wirklich schwierig, da Nell sehr unglücklich war und wir das Gefühl hatten, dass wir nichts tun konnten um ihr zu helfen – obwohl wir auch wussten, dass wir alles Mögliche getan haben. Sie ist seit dem Jahreswechsel wirklich zufrieden. Jake und ich brauchen noch eine Weile um uns zu erholen, vor allem weil sie nachts noch alle 2-3 Stunden aufwacht. Aber da es tagsüber jetzt mit ihr so viel Spaß macht, ist der Schlafmangel (meistens) durchzuhalten. Und wir sehen langsam, dass sie länger und mit weniger Hilfe schlafen kann.

Mum & still me: Wisst ihr, was Nell hatte? Hat sie viel geweint? In Deutschland nennt man Babys, die mehr als drei Stunden täglich schreien “Schreibabys”. Es gibt Extra Ambulanzen dafür. Hattet ihr auch Hilfe?

Wir wissen nicht, was Nell hatte. Ein ‘Schreibaby’ war sie auf jeden Fall. Es gibt hier keine speziellen Ambulanzen oder so. Es kam uns nicht so wie eine  typische Kolik vor, da es zu jeder Tageszeit war und nicht in den typischen Abendstunden. Es war sehr traurig, es zu durchleben und es hat uns wirklich ausgelaugt. Refluxmedizin hat nicht geholfen. Wir haben überlegt, ob es half keine Milchprodukte zu essen (obwohl es mir wirklich nicht wie eine allergische Reaktion vorkam), aber jetzt isst sie auch Milchprodukte und ich ebenfalls wieder.

Wir hatten Checks im Krankenhaus weil sie in den ersten Tagen sehr schnell geatmet hat und die Hebammen sich Sorgen gemacht hatten. Es gab dann weitere Krankenhaustermine weil sie so unglücklich war und erst mit 11 Wochen gelächelt hat.

Sie machen sich hier Sorgen wenn Babys mit 8 Wochen noch nicht lächeln.

Ich glaube es war kein Entwicklungsproblem (sie entwickelt sich jetzt ganz normal), sondern es ging ihr wirklich nicht gut. Sie war die ganze Zeit müde  und hatte vielleicht Schmerzen. Insgesamt wurde bei allen Durchsuchungen gar nichts gefunden.

Also, keine Ahnung, wir freuen uns nur, dass es vorbei ist. Wie gesagt, ist Schlafen immer noch nicht ihr Ding, aber die schlimme Tage sind vorbei!

Mum & still me: Ab wann ist es in England eigentlich üblich, sein Kind in eine Krippe oder Kindertagesstätte zu geben? Wann willst du wieder zurück an den Schreibtisch?

Es gibt hier ein ziemlich neues Gesetz namens ‘Shared Parental Leave’. Das sind 12 Monate, die die zwei Elternteile zwischen sich aufteilen können, wie sie wollen (z.B. sechs Monate beide zusammen, oder die Mama sechs Monate und der Papa dann sechs). Der Arbeitgeber muss das erlauben. Neun Monate davon werden (relativ wenig) staatlich bezahlt, eine Aufzahlung kommt auf den Arbeitgeber an. Das System ist super, aber die Statistik zeigt, dass enttäuschend wenig Väter es bis jetzt in Anspruch genommen haben.

Ich gehe anfang Mai (sniff!) wieder arbeiten, wenn Nell neun Monate alt wird. Wir haben immer vorgehabt, dass Jake dann dann drei Monate mit ihr macht. Wir freuen uns wirklich alle darauf, auch wenn ich gerne dabei wäre. Danach wird er vier Tage die Woche arbeiten und ich drei oder vier, so dass Nell zwei oder drei Tage die Woche in einer Nursery oder bei einer Tagesmutter sein wird. Wo müssen wir noch schauen, da es ganz lange Warteliste für Nurseries gibt. Es ist hier üblich, dass Mütter eher in  Teilzeit arbeiten als Väter. Ich glaube, es gibt mehr Babys und Kleinkinder hier in Vollzeitbetreuung als in Deutschland.

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