Wenn Kinder stürzen – und wir sie nicht auffangen

Ich sehe ihn fallen. Es geht ganz schnell. Auf eine Steinkante zu.

Aber fangen wir von Anfang an.

Noah war ein eher ruhiges Kind. Statt am Spielplatz wie seine Buddys sofort los zu peesen und alle Spielgeräten zu testen, setzte er sich an den Sandkastenrand und konnte stundenlang “kochen”. Auch zuhause kletterte er selten rum, es gab eigentlich fast nie wirklich riskante Manöver. Lieber saß er gemütlich bei seinen Büchern und schaute sie sich eins nach dem anderen an.

Gerade ändert sich das ein bisschen. Auch wenn er immernoch ein eher ruhiges Kind ist, probiert er sich aus. Er beginnt zu klettern, zu balancieren. Er rennt Hügel raus und runter, auf dass seine Haare nur so wehen.

Ich ertappe mich selbst dabei, ihn am liebsten auf Schritt und Tritt begleiten zu wollen, immer darauf bedacht, Stürze abfangen zu wollen.

Aber ich versuche mich zu bremsen und es fällt mir verdammt schwer. Mein Gefühl sagt mir, dass ich ihn ausprobieren lassen muss. Er muss fallen, um es verstehen zu können, glaube ich. Und er muss lernen, wozu er ganz alleine fähig ist, ohne die Mama. Ich behalte ihn im Blick, bleibe in seiner Nähe, lasse ihn aber selbst ausprobieren und bin da, wenn mir die Situation dann doch zu kritisch erscheint. Zumindest versuche ich es, da zu sein.

Heute nämlich kam ich zu spät.

Mir steckt der Schreck noch in den Gliedern. Im Park, etwa 10 cm über dem Boden, waren Steine wie eine Schlange positioniert. Für Noah eine tolle Gelegenheit, sein Gleichgewicht zu testen und auf dem scharfkantigen Gebilde, etwa 15 cm breit, hin und her zu laufen. Das hat super geklappt. Er hat gestrahlt, war richtig happy. Und wurde immer übermütiger.

Mir wird mulmig und ich rücke ihm näher auf die Pelle, die Hand fast an seinem Pulli. Aber nur fast.

Ich sage noch zu meiner Begleitung: “Hauptsache er stürzt nicht mit dem Kopf auf die Steinkante.”

Zack. Er bleibt mit dem Schuh hängen, ich sehe ihn fallen. Er stürzt mit seinem Auge knapp an der Steinkante vorbei und schrammt sich den Kopf auf.

Es war so knapp.

Es ist alles gut gegangen. Ein Sturz wie sie alle Kinder erleben, millionenfach. Ständig. Ein Sturz, der für andere Menschen vermutlich nicht einmal eines längeren Blickes würdig ist.

Aber mir ist fast schlecht vor Schreck. Ich hätte da sein müssen. Ich hätte ihn da nicht klettern lassen sollen. Oder?

Jetzt Abends ist Ruhe eingekehrt. Dem Kleinen geht es wunderbar, er hat gerade einen Riesenteller Nudeln mit Tomatensoße verdrückt.

Auch jetzt, rückblickend, glaube ich, dass es für mich falsch ist, immer auf kürzeste Distanz alles zu kontrollieren, was im kleinsten Falle zu Schmerzen bei meinem Kind führen könnte. Er soll sich selbst erproben.

Wenn ich daran denke, was für Krankheiten und welche Stürze und Schmerzen mein Kind in seinem Leben wohlmöglich noch erleben wird, sticht es mir ganz tief in mein Herz.

Ich will ihn davor bewahren. Aber nur bis zu einem gewissen Grad – denn würde ich ihn immer an der kurzen Leibe halten, würde ich ihm auf lange Sicht wohl er schaden, als ihn zu behüten.

Wie seht ihr das? Ist es euch auch schon so gegangen?

Wenn Kinder stürzen – und wir sie nicht auffangen

Unser bestes Mittel gegen Baby’s Verstopfung und Blähungen

Wenn Kinder stürzen – und wir sie nicht auffangen

Alt, alt, alt sind alle meine Kleider! Kleiderspenden per Post

Newer post

There are 8 comments

  1. Gesine

    Dazu würde ich gern einen Link posten: https://kinder-in-bewegung-kongress.de/9-dinge-die-babys-und-kleinkindern-schaden/
    Kinder müssen fallen dürfen. Du kannst und wirst (!) ihn nicht davor bewahren (können). Umso wichtiger ist es, den negativen Blick zu ändern und die Self-fulfilling proficiency stecken zu lassen. Damit dienst du langfristig mehr- für ein gesundes Selbstbewusstsein, ein gesundes Körpergefühl und das Wissen: Mama ist da und tröstet, wenn ich mich doch mal überschätzt habe. Natürlich muss man Sinn und Verstand walten lassen: kein Kind darf sich beobachtet ins Lebensgefahr bringen.
    Aber ich weiß was du meinst-am Liebsten möchte man alles von seinem Kind fernhalten, alles Schlechte, Schmerzhafte. Ich finde ja, dass das auf so vielen Ebenen die krasseste Herausforderung ist…

    1. Sabine Ponath

      Danke meine Liebe. Ich lese mir das gleich in Ruhe durch. Du hast vollkommen recht. In der Theorie weiß ich das – aber in der Praxis ist es sooo schwer. Und jetzt sehe ich ihn vor meinem inneren Auge noch immer fallen und es tut mir arg leid. Aber er muss fallen. So ist das. Und dann bin ich da.

  2. Anna

    Ja natürlich.
    In der Sekunde, in der du sie aus den Augen lässt oder kurz nicht konzentriert bist, passiert etwas.
    Ging mir auch schon so. Und es zerreißt mir auch das Herz, wenn ich daran denke, dass ein paar Zentimeter weiter schlimmeres hätte passieren können oder eine Sekunde länger halten einen Sturz verhindert hätte.
    Man kann eben nicht alles vorhersehen oder sie permanent festhalten. Die Kleinen müssen auch ihren Horizont erweitern. Schritt für Schritt. Da geht auch mal ein Schritt daneben.
    Gute Besserung und Liebe Grüße

    1. Sabine Ponath

      Danke die Liebe. Es ist verrückt, aber so in der Form ist mir das quasi noch nie passiert – und ich weiß, es wird noch so oft geschehen. Puh. Loslassen für Anfänger. Nicht nur er lernt daraus. Auch ich. Hab noch einen schönen Abend!

  3. Vici

    Puh, ich habe da genau die gleichen Gedanken wie du. Ich will die Kids am liebsten die ganze Zeit beschützen, habe oft eine Hand in der Nähe, nur zur Sicherheit. Aber andererseits freue ich mich ja auch, wenn sie alleine erkunden, selbstständiger werden und eigene Erfahrungen machen. Das will ich ihnen auf keinen Fall nehmen. Trotzdem habe ich oft Angst um sie, und sei es nur davor dass sie sich irgendwo stoßen. Da muss ich mich auch wirklich zusammenreißen! Denn wie sagte schon Dorie in Findet Nemo so schön: “Du kannst doch nicht zulassen, dass ihm nie was passiert. Dann passiert ihm ja nie was!” 😉

  4. Josefa

    Und manchmal passiert doch mal was schlimmeres…. meine beiden Großen tragen stolz ihre Narben! Eine von einem üblen Fahrradunfall, bei dem wir sogar noch selbst beteiligt waren und eine von einem Sturz in eine große Glasscherbe. Die Stunden im Krankenhaus, dein weinendes Kind auf dem Arm und du kannst nichts tun als einfach nur da sein und dich zu konzentrieren nicht in Tränen auszubrechen, werde ich nie vergessen. Aber jetzt sind diese Ereignisse Teil der Kinder und Erfahrungen, die Ihnen keiner nimmt – irgendwie auch ein Schatz für sie! Es hat also alles immer wieder auch etwas positives.
    Aber der Drang, die Kinder, egal in welchem Alter, beschützen zu wollen, ist meiner Meinung nach eine der größten Herausforderungen an das Eltern-sein und das wird vermutlich niemals aufhören.

Post a comment

*