Liebe deinen Körper? Warum ich mit Body Positivity nichts anfangen kann.

Puh, ich ahne jetzt schon: wenn ich nach dem Schreiben dieses Texts auf speichern klicke und ihr alle ihn lest, dann werde ich mit meiner Meinung nicht mit allen von euch einig sein. In den letzten Wochen gab es einen Schub in Richtung Body Positivity, also die Bewegung in der es darum geht, seinen Körper zu lieben. Zuletzt angestoßen von dem Dokumentarfilm “Embrace”. Ich finde es toll, wenn Frauen es schaffen, sich von Kopf bis Fuß zu lieben. Jede Zehe. Jede Rundung. Alles. Das muss ein sehr erhabenes, losgelöstes Gefühl sein. Die Wahrheit ist aber: ich kenne niemanden, der von sich behaupten würde, jede Faser seines Körpers zu lieben. Ich glaube, das ist auch okay so.

Zwischen dem schrecklichen Selbsthass, “Bodyshaming” und der demonstrativen Selbstliebe muss auch Raum sein für etwas Realität.

Vor einigen Jahren hab ich jemanden, der mir sehr nahe steht, einmal sehr erschüttert. Ich habe ihr mitgeteilt, eine Diät machen zu wollen. Sie meinte damals zu mir, sie hätte immer geglaubt, ich sei mit mir happy, fühle mich wohl und zwar genau so wie ich bin. Ich hab ihr erklärt, dass ich mich gut finde und auch happy bin. Ich mag mein Gesicht, mein Lächeln, meine Knubbelfüße. Ich mag meine Daumen irgendwie ganz gerne und meinen Bauchnabel. All in all bin ich echt zufrieden mit mir im Paket. Aber Tatsache ist auch: ich hatte mich in den ersten Jahren, in denen ich angefangen habe zu arbeiten, ziemlich gehen lassen. Jeden Feierabend dachte ich, ich müsse mir noch etwas “Gutes” tun. Gut waren in der Regel Kartoffelchips. Für Sport hatte ich keine Energie, keinen Nerv mehr. Alles vollkommen in Ordnung, wenn man sich damit wohlfühlt. Ich habe mich damit aber einfach nicht wohl gefühlt. Mein leichteres Ich hatte mehr Schwung, mehr Energie, mehr Dynamik. Das fehlte mir. Also hab ich mir irgendwann ein Herz gefasst und das Projekt Diät gestartet, 13 Kilo abgenommen. Es war alles andere als ein Spaziergang, aber ich konnte das Gewicht halten und fühlte mich wieder befreit und gut. Ich glaube auch, dass es meinem Körper so besser ging. Liebte ich deshalb meinen Körper mehr als vorher? Ich fühlte mich auf alle Fälle sehr, sehr wohl in meiner Haut.

Mein dynamisches, jüngeres Ich wurde vor etwa zweidreiviertel Jahren schwanger. Wie bei vielen Frauen hat die Schwangerschaft und Geburt Spuren hinterlassen. Etwas festere Beine, Cellulite, Bauchröllchen, eine etwa 10 cm lange Kaiserschnitt-Narbe. Hasse ich meinen Körper deswegen? Um Gottes Willen nein! Ich finde es ganz erstaunlich, wie sich ein menschlicher Körper durch die Schwangerschaft und Geburt verändert. Gerade die Narbe empfinde ich nicht als Makel, sondern weiß, dass die ihr zugrunde liegende Operation meinem Kind (und vielleicht auch mir) das Leben gerettet hat. Liebe ich meinen Körper? Nope. Ich find mich okay, echt. Ich mag mich sogar sehr. Aber ich fühlte mich vorher eben wohler.

Ich finde es schwierig, dass uns jetzt mehr und mehr mit moralischem Zeigefinger gesagt wird, wir müssten uns so lieben, wie wir sind. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Es gibt nicht nur Bodyshaming und Body Positivity. Jede Frau ist anders, bringt eine andere Geschichte mit. Wir sind alle Einzelfälle. Die lassen sich schwer in diese Schemata drängen. Es muss auch erlaubt sein, abnehmen zu wollen – solange das in einem gesunden und nicht krankhaften Rahmen ist. Genauso wie es überhaupt kein Thema sein sollte, welchen Umfang die Beine einer Frau haben sollten, die eine Leggins tragen möchte. Versteht mich also nicht falsch: ich finde es total wichtig, dass wir alle mal hinterfragen, woher wir unsere Schönheitsbilder haben, dass Verschiedenheit normal wird und dass die Normierung von Körpermaßen der Vergangenheit angehört.

Ich glaube nur, dass der Hype um Body Positivity auch Druck aufbauen kann.

Viel wichtiger finde ich, seinen eigenen Körper zu akzeptieren. Er wird sich immer ändern, er hat viele Aufgaben zu bewältigen. So ist das eben. Ich kann mich schön finden. Muss es aber auch nicht zu hundert Prozent. Nina Pauer schreibt auf Zeit-Online:

Die andauernde Vergewisserung, dass es liebenswert ist, einem Ideal nicht zu entsprechen, macht dieses umso präsenter. Das ungute gedankliche Kreisen um den eigenen Körper wird durch ein gut gemeintes ersetzt.

Ja, es ist anstrengend, jahrelang gegen Falten und Fettpolster anzudenken. Sie heiß und innig lieben zu müssen aber auch.

 

 

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There are 7 comments

  1. Madelaine

    Vielen Dank für deinen tollen Blogeintrag!👍
    Du hast genau das ausgedrückt, was ich auch denke. Ich bin nie durch die welt gerannt und habe mich ständig über kleine makel an mir beschwert, sie waren da, haben mir nicht gefallen aber im großen und ganzen war ich sehr zu frieden mit meiner figur. Jetzt nach der schwangerschaft sieht es leider nicht mehr so aus. Alles ist nicht mehr so straff, hängt und mich stört leider auch ein wenig meine KS-narbe. Ich hoffe, dass ich mich noch an sie gewöhnen werde…
    Und mich stören diese ständigen kommentare, dass man nunmal nach einer schwangerschaft anders aussieht und sich damit abfinden soll genauso so sehr, wie die modells die nach 4 wochen wieder ihre alte figur haben und das propagieren. Ich denke jeder sollte das machen, womit er sich wohlfühlt. Und man darf gerne auch zugeben, dass einem etwas nicht gefällt. Ich werde definitiv weiter dabei bleiben und sport machen um meinen körper wieder straff zu bekommen, damit ich ihn wieder so wie vor der schwangerschaft lieben kann, auch mit seinen makeln, aber wenn er wieder mehr der körper ist, der er mal war.
    Also nochmal Vielen dank für deine tollen worte 😘

  2. Simona

    Danke für diesen Text! Ich bin auch der Meinung, dass der Trend “Body Positivity” zwar gut gemeint ist, aber genauso Stress machen kann.
    Bei mir ist es so, dass ich meinen Körper nach den Schwangerschaften mehr mag. Obwohl der Bauch weich und rund ist. Aber in ihm sind die wichtigsten Menschen meines Lebens entstanden. Das macht mich dankbar und stolz. Ja das ist etwas kitschig, aber die Wahrheit. Ok, meine Beine mochte ich schon immer 😉
    Trotzdem mache ich Sport, für ein besseres Körpergefühl, um fit zu sein, nicht nur dünn. Und es macht mir Spaß und die Erfolge freuen mich.
    Eigentlich muss man sich doch Fragen, warum Frau sich irgendwie immer rechtfertigen muss. Zu dick, zu dünn, zu viel Muskeln oder zu wenig. Rasierte Beine oder eben nicht.
    Ist man nicht am schönsten, wenn man glücklich ist? Strahlt und leuchtet? Gibts da eine bestimmte Konfektionsgröße? Ich weiß bestimmt, dass dem nicht so ist.
    Alles Liebe und sei einfach so wie du sein willst,
    Simona

  3. Claudia

    Ein sehr ehrlicher, guter Artikel, dem ich zu hundert Prozent zustimme. Zwischen Bodyshaming und der “bedingungslosen” Liebe seines Körpers gibt es ja noch eine Menge dazwischen. Wie alles im Leben ist auch das eigene Körpergefühl weder schwarz noch weiß, sondern liegt irgendwo in der Mitte. So jedenfalls sehe ich das und habe Deinen Beitrag gerne gelesen!

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