Glücklich scheitern: Abschied von meiner Doktorarbeit

“Gerne möchten wir Sie über die Rückmeldung zum Wintersemester 2017/2018 informieren.”

Diesmal nicht. Ich bin raus, ich nehme Abschied.

Abschied von meiner Doktorarbeit.

Als ich mein Studium abgeschlossen habe, war mir klar: an meinem Abschlussarbeitsthema will ich weiter forschen. Habt ihr schonmal von “Bildung für nachhaltige Entwicklung” gehört? Fürchterlich sperriger Begriff. Aber im Grunde geht es darum, den Menschen pädagogisch das Handwerkszeug mitzugeben um ihre Zukunft selbst nachhaltig gestalten zu können.

Wie können wir unsere Lebensgrundlagen erhalten, so dass unsere Nachkommen mindestens die selben Bedingungen vorfinden, wie wir heute?

Dafür gibt es ein paar ganz nützliche Kompetenzen, deren Erwerb einem dabei helfen kann. Darunter fallen zum Beispiel die Fähigkeit, weltoffen Wissen aufzubauen, die Kompetenz Empathie und Solidarität für Benachteiligte zeigen zu können oder die Fähigkeit selbstständig planen und handeln zu können. Das ist jetzt Blogger-Sprech, fachlich ist das Ganze etwas komplizierter.

Jedenfalls war mir klar: ich will eine Doktorarbeit dazu schreiben. Mein Doktorvater wäre auch schnell gefunden gewesen. Aber dann habe ich ein Jobangebot bekommen, das mir als spannende Perspektive erschien und ich habe das Thema Doktorarbeit erst einmal vertagt.

Die Jahre vergingen. Immer im Hinterkopf war da dieses Thema, der Wunsch da weiter machen zu können. Als ich nach Berlin umgezogen bin und dort eine neue Stelle angenommen habe, habe ich mein Glück versucht, mich erkundigt, wie und ob man nebenberuflich promovieren kann und habe Kontakt zu meinem späteren Doktorvater aufgenommen. Meine Chefin hat das Vorhaben total unterstützt, mich bestärkt und mir die Reduzierung der Arbeitsstunden ermöglicht.

Da war ich also plötzlich an dem Punkt, von dem ich so lange geträumt habe.

Es hat eine Zeitlang wahnsinnigen Spaß gemacht. Der Austausch mit spannenden Menschen auf Konferenzen und Summer Schools war so inspirierend. Und auch das bewusste Vertiefen in die Materie – das hat sich für den Kopf ein bisschen so angefühlt, wie der Körper sich nach dem Sport fühlt. Man muss sich immer ein bisschen aufraffen, um sich hin zu setzen. Aber wenn man es gemacht hat, ist es unbeschreiblich. Das Bewusstsein erweitert sich und man vergisst alles außenrum und ist nur noch in der Sache. Dann habe ich sogar eine kleine Lehrtätigkeit angenommen und ein Blockseminar gegeben. Es war eine schöne Zeit.

Dann wurde ich schwanger.

Plötzlich haben sich meine Interessen verschoben. Ich war viel müde. Es fiel mir immer schwerer, mich aufzuraffen und an den Schreibtisch zu setzen. Dazu kam, dass ich in all den Jahren noch nicht mal ein Drittel der Dissertation voran gebracht hatte. So sehr es auch Spaß gemacht hatte – nebenberuflich zu promovieren lässt der Sache wenig Raum. Man verliert immer wieder zwischendurch den Faden und muss sich dann doppelt anstrengen, um wieder da anzusetzen, wo man aufgehört hat.

Dazu war mir klar: es gibt viele starke Frauen, die mit Kind promovieren. Aber Arbeit plus Dissertation plus Baby? Hut ab, für die, die das hinkriegen. Für mich ist das nicht machbar.

In einem letzten Aufbäumen hatte ich mich für ein Promotionsstipendium beworben. Dissertation und Baby – das hätte vielleicht geklappt.

Ich kam bis in die letzte Auswahlrunde – und scheiterte.

Seltsamerweise empfand ich keine Trauer. Es war okay so. Mein Weg sollte eben ein anderer sein. Und machen wir uns nichts vor: ich war nie ein ausgezeichnetes Talent, war immer schwer beeindruckt von den Promotionskolleg*innen und ihren Ansätzen. Ja, ich hab mich schwer getan.

Gleichzeitig bereue ich auch nicht, dass ich den Versuch gewagt habe. Es hat mir ganz neue Perspektiven eröffnet und neue Menschen in mein Leben gebracht.

Ich nehme dankbar und mit einem Lächeln Abschied.

Jetzt ist der Moment gekommen, in dem ich endgültig Abschied von meiner Doktorarbeit nehme und mich exmatrikulieren lasse. Mein Leben hat sich anders entwickelt. Ich bin sehr glücklich, so wie es jetzt ist.

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There is one comment

  1. Claudia

    Ich persönlich finde ja, dass es für alles im Leben DEN Platz gibt, und irgendwann kommt halt der Punkt, an dem man Abschied nehmen muss von einem lang aufrecht erhaltenen Traum. Ich bewundere, dass Du es nicht direkt als “Scheitern” empfindest, sondern Du es auch mit “glücklich” beschreibst. Ich wünsche Dir für Deinen weiteren Weg alles Gute!

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