Liebe kennt keine Grenzen: Familienfreundschaft international

Es ruhiger geworden um das Thema Flüchtlingspolitik. Zumindest in Deutschland ist die Zahl der Einreisenden nach dem umstrittenen Türkei Deal etwas zurück gegangen. Aber auch wenn es nicht mehr die Schlagzeilen beherrscht: die Integration von Geflüchteten ist und bleibt aktuell.

Eine Berliner Idee hat mir besonders gut gefallen: geflüchtete und einheimische Familien bilden Tandempartnerschaften, verbringen Zeit zusammen und lernen die kulturellen Unterschiede kennen.

Ich wollte mehr dazu erfahren und habe Karin Teuber, die die Tandempartnerschaften in Berlin vermittelt, ein paar Fragen gestellt.

Mum & still me: Was ist die Idee hinter “Start with a friend“?

Karin: Die Vision von Start with a friend ist, Kontakte und im Idealfall Freundschaften auf Augenhöhe entstehen zu lassen. Über einen Vermittler bringen wir Geflüchtete und Locals zusammen, die dann nach einem ersten Treffen entscheiden können, ob sie das Tandem über sechs Monate mit einem Umfang von ungefähr zwei Stunden pro Woche weiterführen möchten. In dieser Zeit haben sie die Möglichkeit neben ihren selbst organisierten Treffen, an verschiedenen Community Events, wie Stammtischen, gemeinsamen sportlichen und kulturellen Aktivitäten und vielem mehr teilzunehmen. Außerdem gibt es eine engmaschige Betreuung einerseits durch uns Vermittler, die jederzeit Ansprechpartner bei Fragen, Missverständnissen und Herausforderungen sind, andererseits durch einen Sozialpädagogen, der, falls notwendig, eine Tandemberatung anbietet.

Mum & still me: Wer kam auf die Idee von “Start with a friend“?

Karin: “Start with a friend” wurde 2014 durch eine kleine Gruppe Freunde quasi im kleinen Kämmerlein – im Wohnzimmer einer WG in Berlin – gegründet. Franziska Birnbach, Marten Kaspar und Sarah Rosenthal stellten in verschiedenen Gesprächen fest, dass viele Locals gerne mehr Kontakt zu Geflüchteten hätten und viele Geflüchtete mehr Kontakt zu Locals, dass es jedoch auf beiden Seiten Berührungsängste gibt.

So entstand die Idee, eine Art mittelnde Position einzunehmen, um die Ängste und Kontaktschwierigkeiten zu überwinden.

Franziska Birnbach hatte selbst ein sehr bereicherndes und zugleich herausforderndes Tandem mit einem geflüchteten Syrer und hätte sich auf fachlicher und emotionalen Ebene einen weiteren Ansprechpartner gewünscht. So gründeten sie “Start with a friend”, hinter dem von Beginn an die Idee stand, auf Augenhöhe Kontakte und im Idealfall Freundschaften entstehen zu lassen. Wir als Organisation verstehen uns dabei einerseits als Vermittler, andererseits als Ansprechpartner für die beiden Seiten des Tandems.
Damit war der Grundstein für Start with a friend gelegt und die Idee explodierte förmlich. Erst stießen immer weiter Berliner Ehrenamtliche zum Team dazu, bis sich bereits zwei Monate später mit Freiburg im Breisgau ein weiterer Standort gründete. Aus dem losen Zusammenschluss engagierter Menschen wurde im November 2015 der eingetragene Verein Start with a friend e.V.

Heute, 2,5 Jahre später können in 12 Städten deutschlandweit mit Unterstützung von Start with a friend, aus Fremden Freunde werden.

Die Tandems werden mithilfe von bundesweit über 200 ehrenamtlichen Vermittlern gebildet. Wir treffen sowohl die Locals als auch die Geflüchteten in einem persönlichen Gespräch und machen uns so ein Bild, wer zu wem passen könnte.

Mum & still me: Seit wann wurde das Modell auch auf Familien ausgeweitet? Wie viele
Familien sind schon dabei?

Karin: Ende letzten Jahres kam eine unserer Vermittlerinnen, die selbst Familie hat, auf die Idee, Tandems auch für Familien anzubieten, seit Anfang des Jahres bin ich ebenfalls für die Familien Vermittlerin. Seitdem ist unser Team auf fünf Familien-Vermittlerinnen angewachsen, da der Bedarf groß ist.

Die Anforderungen, Bedürfnisse und Wünsche an eine Tandempartnerschaft sind andere, wenn Kinder mit dabei sind und darauf wollen wir verstärkt eingehen.

Darüber hinaus wollen wir in Zukunft verstärkt auch Programm für unsere Familien-Tandems anbieten – gemeinsame Zoo-Besuche, Kinder-Theater, Picknicke. Wir haben viele Ideen, aber der Tag hat nur begrenzte Stundenzahlen. Bisher gibt es in Berlin ungefähr 30 Familien-Tandems, wobei noch zahlreiche geflüchtete Familien auf der Warteliste stehen.

Mum & still me: In welchen Städten gibt es die Möglichkeit, Familienfreundschaften
zu gründen?

Karin: Bisher haben wir das Familien-Angebot in Berlin und Köln.

Mum & still me: Hast du selbst auch Erfahrungen mit einem solchen Austausch gemacht?
Was hat dich dabei besonders bewegt?

Karin: Ich selbst bin auch über eine ganz normale Tandempartnerschaft zu “Start with a friend” gekommen. Mein Tandempartner Amir aus Syrien hat auch eine Frau und zwei kleine Kinder, die aber noch in Syrien ist und die er nachholen möchte, sobald sich seine Jobsituation stabilisiert hat. Da ich mit kleinem Kind und Job ja auch nicht wahnsinnig flexibel bin, sind Amir und ich meistens zusammen auf den Spielplatz gegangen – da bin ich mit meiner Kleinen ja sowieso jeden Tag. Deutsch sprechen kann man überall und Amir spielte total gerne mit meiner Tochter. Wir haben unglaublich gute Gespräche geführt und von Anfang an über mehr als nur Oberflächlichkeiten geredet.

Auch für meine Tochter ist mir wichtig, viel Kontakt zu Menschen aus anderen Kulturen zu haben, denn nur wenn die Generation unserer Kinder mit Diversität als Selbstverständlichkeit groß werden, kann unsere Gesellschaft offener und toleranter werden.

Als Amir im Januar erst für ein Praktikum im Krankenhaus und dann als Assistenzarzt an die Ostsee zog, wollte ich mich gerne noch mehr engagieren und wurde von “Start with a friend” gefragt, ob ich Lust hätte, als Vermittlerin tätig zu sein. Seitdem treffe ich jede Woche Geflüchtete und organisiere einmal im Monat einen Informationsabend für Locals. Die Tätigkeit macht wahnsinnig großen Spaß, man bekommt so oft positive Rückmeldungen von glücklichen Tandems oder Fotos von gemeinsamen Aktionen zugeschickt.
Eins meiner Tandems beispielsweise – beide Familien haben Kinder im Alter von circa 3 Jahren und ein 6 Monate altes Baby – gehen immer wieder zusammen in den Tierpark, weil beide dort in der Nähe wohnen. Danach schicken sie mir oft ein Bild von allen – oder zumindest von dem sehr lustigen Versuch acht Leute (von denen vier eher nicht so ruhige Kinder sind) bei einem Selfie auf ein Foto zu bekommen und ich hab schon öfter mal Tränchen der Rührung verdrückt, als ich die Fotos gesehen habe.

Da merkt man dann immer wieder, dass das sinnvoll ist, was man da mit viel Aufwand organisiert.

Mum & still me: Gibt es noch etwas, worauf du gerne hinweisen würdest?

Bild: Virginia Pech Photography

Karin: Besonders freuen wir uns auf das Familien-Kiezfest am 01.07.2017, wohin wir alle Familien ganz herzlich einladen wollen. Zusammen mit der Organisation Über den Tellerrand feiern wir am Samstag von 14-20 Uhr in der gesamten Roßbachstraße in Berlin-Schöneberg unter dem Motto „Mit Freunden über den Tellerrand kochen“

Unsere Familientandems kochen und jeder ist willkommen einfach mitzumachen.

Gegessen wird gemeinsam mit allen Gästen an einer langen Tafel. Außerdem gibt es ein tolles Kinderprogramm, Live-Musik, Tombola und einfach mal Zeit zum entspannten Austausch und Kennenlernen. Dort könnt ihr auch all eure Fragen loswerden und euch natürlich auch für ein Familientandem anmelden – wir freuen uns immer besonders über Anmeldungen von Local-Familien und Local-Männern!
Wenn ihr als Familie interessiert seid, schreibt ihr am besten einfach an die E-Mail-Adresse: families@start-with-a-friend.de.

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