Zwei Jahre: mein kleiner, großer Lehrmeister

Du bist zwei Jahre alt und ohne, dass du es weißt, bist du mein kleiner, großer Lehrmeister.

Durch dich habe ich das Chaos in mein Leben aufgenommen und es anzunehmen gelernt. Der Haushalt muss nicht perfekt aussehen (und seit du da bist, ist er auch weit davon entfernt). Dinge liegen zu lassen, sie so sein zu lassen, wie sie gerade sind, weil es Wichtigeres gibt: Den Moment. Das gemeinsame Lachen. Wenn du dich auf meinen Schoß kuschelst und andächtig zuhörst, wie ich dir eine Geschichte vorlese.

Und alles andere plötzlich klein und unwichtig erscheint.

Durch dich bin ich viel geduldiger geworden. Du tickst nicht nach der Uhr. Du gibst deinen eigenen Takt vor. Oft ist es so, dass ich gerne los möchte, eine Verabredung im Nacken. Und ich weiß: wenn ich dich jetzt dazu zwingen würde, deine Schuhe anzuziehen, dann wärst du unglücklich und du würdest mir das zeigen. Ich versuche dir, so oft ich kann, die Zeit zu geben und dann sehe ich: nur ein, zwei Minütchen warten, bis das Spiel in deinem Kopf vorbei ist und du bereit bist, die Schuhe anzuziehen. Und du kommst ganz entspannt zu mir, aus freien Stücken. Das fühlt sich so viel besser an.

Die Welt aus deinen Augen zu sehen, zeigt mir, dass ganz kleine Dinge ganz groß und wichtig sein können.

Der kleine Kehrwagen, der alltäglich den Bürgersteig auf und ab tuckert, der ist für dich eine Sensation. Jedes Mal wieder! Du könntest ihn stundenlang beobachten.

Durch dich lerne ich, mich mit meinen Ängsten auseinander zu setzen und dich dennoch ausprobieren zu lassen. Meine Angst vor Treppen hat lange dominiert, aber ich vertraue dir und weiß, dass du ausprobieren und lernen musst. Stufe für Stufe gehst du alleine, erst noch an meiner Hand, bald schon ganz selbstständig. Das Herz klopft mir dabei bis zum Hals und ich bleibe immer in deiner Nähe. Aber ich weiß, dass ich dir das nicht zeigen darf und dich meine Zuversicht spüren lassen muss.

Deine respektvolle, vorsichtige Art, sich anderen Menschen anzunähern. Ein bisschen schüchtern, immer bereit den Rückzug anzutreten. Aber wenn du jemanden für dich gewonnen hast, dann quietscht du vor purem Lebensglück ganz tief aus deinem fröhlichen Wesen heraus jedes Mal, wenn du ihm oder ihr wieder begegnest. Anfangs fiel es mir schwer, dass du so zurückhaltend warst. Immer in meiner Nähe bleibend. Ich wollte, dass du keine Angst haben musst. Aber es ist keine Angst, glaube ich mittlerweile. Du brauchst einfach deinen Moment um dein Gegenüber und die Situation einschätzen zu können. Und du musst auch nicht jeden mögen. Geht mir ja nicht anders. Du hast mich gelehrt, Respekt vor deiner Entscheidung zu haben.

Du magst noch klein sein, aber du weißt was du möchtest. Du bist ein kleiner Mensch mit einem eigenen wundervollen Wesen.

Vor allem aber hast du mein Herz weit und groß gemacht. Dass da so viel Liebe Platz drin hat, so viel bedingslose Liebe, die keine Erwiderung benötigen würde, das haut mich immer noch ab und zu um. Ich erwarte nichts von dir. Und doch schenkst du mir dein absolutes Vertrauen, du suchst meine Nähe, du schaust mich an und ich weiß: du fühlst dich geborgen. Du weißt, wie sehr ich dich lieb hab und gibst mir das zurück.

Immer wieder lese ich bei anderen tollen Bloggermamas, dass sie sich bei ihren Kindern bedanken, dass sie ihre Mütter sein dürfen. Wie schmalzig, dachte ich mal. Ach. Von wegen. Es ist so ein unfassbares Glück, dass du in unserem Leben bist, jeden Tag mit deinem strahlendem, klugem, sprudelnd fröhlichem Wesen bereicherst. Dafür bin ich zutiefst dankbar.

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