Kinderdorfmutter Marianne Liebscher: “Das ist unglaublich bereichernd.”

In einer behüteten Familie mit liebenden Eltern aufwachsen – das ist wunderschön, aber nicht selbstverständlich. Nicht immer ist das Familienleben harmonisch. Manchmal sogar ist das Kindeswohl so gefährdet, dass die Kinder und Jugendlichen ganz aus dem bekannten Umfeld genommen werden müssen. In diesen Härtefällen sind sie darauf angewiesen, in ein geborgenes, sicheres Nest aufgenommen zu werden.

Bild: Maximilian Geuter ©SOS-Kinderdorf e.V.

Eine Möglichkeit, bei der Kinder ein neues Zuhause finden, ist bei SOS Kinderdorf. So richtig hatte ich keine Vorstellung, wie das Leben dort organisiert ist. Die Kinderdorfmutter Marianne Liebscher aus dem SOS-Kinderdorf Saar hat mir einen Einblick gewährt, für den ich sehr dankbar bin. Ich habe allergrößten Respekt davor, wieviel Zeit, Energie und Liebe sie in die Kinder investiert und wünsche ihr für Ihre unglaublich wichtige Arbeit weiterhin alles Gute.


Mum & still me: Wieso haben Sie sich dazu entschieden, Kinderdorfmutter zu werden?

Marianne Liebscher: Ich bin selbst in einer wohlbehüteten Familie aufgewachsen. Nach der Schule begann ich eine Ausbildung bei der Sparkasse. Mir hat mein Beruf Spaß gemacht, aber nach 16 Jahren bin ich immer mehr ins Grübeln gekommen.

Das Leben meinte es gut mit mir, und doch war da immer wieder dieser Gedanke, dass das nicht alles sein konnte.

Als ich mit Mitte 30 eine Anzeige von SOS-Kinderdorf gelesen habe „Kinderdorfmütter gesucht“, dachte ich: Das ist es! Ich habe mich trotz privater Widerstände bei SOS-Kinderdorf beworben. Intuitiv habe ich geahnt, dass mir dieser Beruf mehr Erfüllung bringen wird. Heute weiß ich: Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Ich kann Kindern Halt geben und sie ein Stück in ihrem Leben begleiten. Das ist unglaublich bereichernd.

Bild: Maximilian Geuter ©SOS-Kinderdorf e.V.

Mum & still me: Welche Kinder leben bei Ihnen? Leben sie bei Ihnen zuhause oder wohnen Sie alle gemeinsam in einem Kinderdorf? Und wie muss man sich ein solches Kinderdorf vorstellen?

Marianne Liebscher: Bei mir leben zurzeit vier Kinder zwischen 9 und 17 Jahren, drei Jungs und ein Mädchen. Gemeinsam wohnen wir in einem Einfamilienhaus im SOS-Kinderdorf Saar. Das Kinderdorf besteht aus vier Kinderdorffamilien, drei familienanalogen Wohngruppen und einer Kinder- und Jugendwohnguppe. Die Häuser sind relativ groß, sodass jedes der Kinder ein eigenes Zimmer hat.

Vier Wochen am Stück bin ich jeweils rund um die Uhr für die Kinder da, danach habe ich ein paar Tage frei.

Da die Kinder aus schwierigen Verhältnissen kommen und daher besonders viel Liebe und Zuwendung brauchen, werde ich von einer pädagogischen Fachkraft und einer Hauswirtschaftskraft unterstützt. Wenn ich nicht im Dienst bin, übernehmen die Beiden die Betreuung und Erziehung der Kinder. Ansonsten übernehme ich die Aufgaben einer klassischen Mutter: Ich koche für die Kinder, spiele mit ihnen, helfe bei den Hausaufgaben, lese ihnen Gute-Nacht-Geschichten vor etc. Darüber hinaus schreibe ich die Berichte fürs Jugendamt, organisiere Arztbesuche, diskutiere mit den Schulen. Und es gehört auch zu meinen Aufgaben, den Kindern Kontakt mit ihren leiblichen Eltern zu ermöglichen.

Bild: Maximilian Geuter ©SOS-Kinderdorf e.V.

Mum & still me: Wie schaffen Sie es, eine Beziehung zu den Kindern aufzunehmen und an sie “ran zu kommen”?

Marianne Liebscher: Jedes Kind ist einzigartig. Um mit einem Kind in Beziehung zu treten, braucht man erst mal ganz viel Zeit, die man mit den Kindern verbringen kann. Das ist durchaus anstrengend, aber nur so kann man sich gegenseitig kennenlernen und das Vertrauen kann sich entwickeln.

Mum & still me: Gibt es ein Schicksal, das Sie besonders berührt hat?

Marianne Liebscher: Jedes Kind, das in einem SOS-Kinderdorf lebt, hat sein eigenes Schicksal. Oft kennt man nur kleine Bruchstücke aus dem Leben der Kinder, wenn sie hierher kommen. Was ich besonders schlimm finde ist, wenn Kinder schwer misshandelt wurden – sowohl körperlich als auch seelisch.

Bild: Maximilian Geuter ©SOS-Kinderdorf e.V.

Mum & still me: Lässt sich Beruf und Privatleben bei so einer Arbeit überhaupt trennen?

Marianne Liebscher: Wenn ich im Dienst bin, habe ich so gut wie kein Privatleben. Im Kinderdorf kann ich das Privatleben vom Beruf nicht trennen. Mein Lebensmittelpunkt ist ja auch die Kinderdorffamilie, hier verbringe ich die meiste Zeit im Jahr. Hier wohne und lebe ich. An meinen freien Tagen verlasse ich das Kinderdorf und versuche ein wenig Abstand von allem zu bekommen.

Das ist manchmal schwierig, Sorgen und Probleme nimmt man oft mit.

Mum & still me: Wie lange leben die Kinder bei Ihnen und was passiert danach mit ihnen? Ist es schwer für Sie, nach der gemeinsamen Zeit Abschied zu nehmen?

Marianne Liebscher: Wenn die Kinder erwachsen sind, die Schule beendet und sie einen Ausbildungsplatz haben, ziehen sie aus dem SOS-Kinderdorf aus. Im besten Fall sind sie dann selbstständig und gründen später ihre eigenen Familien.

Es kommt aber auch vor, dass Kinder schon früher die Kinderdorffamilie verlassen. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, z.B. kehren Kinder manchmal wieder zu den Eltern zurück.

Je länger die Kinder bei einem leben, umso besser lernt man sich natürlich kennen. Es kann eine enge Bindung und Beziehung entstehen. Aber wie bei eigenen Kindern müssen auch hier die Kinder lernen ein eigenverantwortliches, selbständiges Leben zu führen. Die Kinder ziehen zu lassen, fällt mir aber schon schwer.

Bilder: Maximilian Geuter ©SOS-Kinderdorf e.V.

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