Schwanger: Die ersten Wochen Herzklopfen und Nervenkitzel

Woche 4

Ich sehe den zweiten Streifen auf dem Test. Positiv. Darf ich es wirklich glauben? Nach der frühen Fehlgeburt (Achtung, Triggerwarnung) im Februar halte ich den positiven Schwangerschaftstest mit gemischten Gefühlen in den Händen. Die Freude überwiegt aber erst einmal. Wie schön, dass es so bald schon wieder geklappt hat. Also auf ein Neues.

Nach der ersten Freude merke ich in den nächsten Tagen, dass es mir wahnsinnig schwer fällt, mich zu entspannen.

Kann nicht einfach irgend jemand gucken und sagen: “Hey, es ist alles okay. Diesmal garantiere ich dir 100 prozentige Sicherheit!” Aber die hundert Prozent gibt es nicht. Es nützt mir auch nichts, schnellstmöglich zu meiner Ärztin zu gehen. Noch würde man kaum etwas sehen. Das würde mich eher verunsichern, Ängste schüren. Daher entscheide ich mich, erst zweieinhalb Wochen später zur Frauenarztpraxis zu gehen. Etwas anderes als abwarten und möglichst ruhig bleiben, kann ich ja ohnehin nicht tun.

Tag für Tag höre ich in mich rein. Fühlt sich etwas anders an? Ich merke erste Symptome. Mir ist flau, der Kreislauf meldet sich ein ums andere Mal. Aber “reicht” das? Ist diesmal alles okay? Ich stelle fest, dass ich auf dem besten Weg bin, mich total verrückt zu machen. Also mache ich noch einen Test, mittags. Der ist sofort positiv. Und auch wenn das an und für sich nichts zu heißen hat, beruhigt es mich sofort.

Ab diesem Zeitpunkt beginne ich damit, die Schwangerschaft anzunehmen. So richtig. Da kommt ein Baby, unser Baby. Es wird alles gut werden.

Woche 5

Die postiven Gedanken überwiegen. Trotzdem schleichen sich ab und zu Sorgen und Ängste ein. Ein bisschen schade, dass ich diese Schwangerschaft nicht so sorglos willkommen heißen kann, wie die mit Noah. Aber es ist, wie es ist.

Immer öfter horche ich in mich hinein. Vielleicht ist es Einbildung, sehr wahrscheinlich ist es das – aber ich kann eine gedankliche Verbindung zu dem Pünktchen herstellen. Da ist jemand. Ich bin zu zweit. Dieses Gefühl ist wunderschön.

Die Schwangerschaftssymptome halten sich in Grenzen, sind aber da. Schon bei Noah ging es mir die meiste Zeit ganz gut. Am meisten spüre ich obenrum, dass sich was tut. Außerdem ist mir eigentlich jeden Tag leicht flau. Und ich bin schnell kurzatmig. Und über all das freu ich mich wie ein Schnitzel!

Woche 6

Inzwischen war mir schon ein paar Mal richtig schlecht – und stellt euch vor, ich freute mich aus reinstem Herzen darüber. Denn immer wieder schleichen sich Ängste ein. Vor ein paar Tagen habe ich richtig fies geträumt, dass es noch einmal schlecht aus geht mit der Schwangerschaft. Das Gefühl begleitete mich den ganzen Tag und immer wieder musste ich zwischendurch den prüfenden Blick wagen, ob wieder Blut zu sehen ist. Aber alles gut. Und auch an dem Tag, an dem ich bei der letzten Schwangerschaft ins Krankenhaus gefahren bin, weil ich eben Blut gesehen hatte, bleibt alles in bester Ordnung. An diesem Tag habe ich noch einmal viel an die vorangegangene Fehlgeburt gedacht. Aber mich auch beruhigt.

Diesmal fühlt es sich anders an. Da ist etwas.

Und noch eine schöne Sache: ich hab ein erstes Telefonat mit meiner Hebamme geführt. Ihr meint vielleicht, das sei arg früh. Meine Hebamme sieht das anders, beruhigt und bestärkt. Zumal der Geburtstermin ausgerechnet in die Nähe der Weihnachtsferien fällt – und auch Hebammen diese Zeit gerne mit ihrer Familie verbringen. Das Telefonat jedenfalls tut richtig gut und macht die Schwangerschaft noch realer. Alles wird gut. Glaube ich.

Woche 7

Ich weine und kann es nicht aufhalten. Als wäre ein Damm gebrochen, der sich über die letzten Wochen aufgestaut hat. Irgendwann wird es mir fast unangenehm, aber ich kann nicht sprechen, weil es mich vor Tränen nur so durchschüttelt. Dabei war alles, was mich meine Frauenärztin gefragt hat: “Und bei Ihnen gibt es also Neues?” Die ganzen Sorgen, die Ängste der vergangenen Wochen kumulieren an diesem ersten Kontrolltermin meiner neuen Schwangerschaft. Meine Frauenärztin erkennt, dass das einzige was mir helfen kann, ein Blick auf das Ultraschall Bild ist und ist ruhig und verständnisvoll. Und da ist es. Ein Böhnchen. Anderthalb Centimeter groß, mit einem kräftig pulsierenden Herzchen. Alles wie es sein soll, alles wo es sein muss.

Und mit einem Schlag fällt alles Zittrige von mir ab, ich werde ruhig und bestaune das Wunder. Das ist mein Baby.

Mit diesem Termin fällt eine große Last von mir ab. Ab jetzt wird nicht mehr im Konjunktiv über unseren Zuwachs gesprochen, wir bekommen ein Januarbaby.

Auch die Symptome sprechen eine deutliche Sprache. Jeden Tag ist mir flau bis schlecht. Alles was dagegen hilft ist etwas zu essen. Ihr könnt euch die Folgen ausmalen. Ich habe schon ordentlich zugelegt, eine Freundin spricht mich auf mein Bäuchlein an. Das besteht zwar noch nicht aus Baby, aber aus Fett- und Flüssigkeitsreserven. Na, so ist das eben. Der Körper hat sich schon was dabei gedacht und ich bin zwar überrascht, dass es diesmal so schnell mit der Gewichtszunahme geht, aber akzeptiere es als Teil der neuen Schwangerschaft.

Woche 8 – 9

Erdbeeren.

Wassermelone.

Ketchup.

Ich hab Lust auf frische, säuerliche Lebensmittel. Fast täglich ist mir flau, der Kreislauf ist auch etwas angeschlagen. Aber all in all geht es mir gut. Jeden Tag denke ich an mein kleines Baby. Oft höre ich von zweifach Mamis, die zweite Schwangerschaft sei so nebenbei gelaufen und fast im Alltag untergegangen. Für mich kann ich das nicht bestätigen. Vorfreude, Gedankenspiele, Zweifel und Ängste – diese Gefühle sind meine täglichen Begleiter.

Woche 10

Was ich sehe, lässt mein Herz rasen. Das ist ein Albtraum. Das kann nicht sein. Blut.

Sofort fahren wir ins Krankenhaus. Erst schüttelt es mich vor Tränen und Fassungslosigkeit, dann werde ich ruhig. Mir fehlen die Worte.

Das kann einfach nicht sein. Bitte nicht wieder eine Fehlgeburt.

Beruhigende Worte im Krankenhaus, ich solle versuchen ruhig zu bleiben, so etwas könne verschiedenste Gründe haben. Ich kann den Worten keinen Glauben schenken, ich traue mich nicht zu hoffen. Genau mit diesem dunklen, fast bräunlichen Blut ging es bei meiner letzten Fehlgeburt los.

Nach zähen Stunden im Wartezimmer endlich das große Wunder: ich höre das erste Mal das Herzchen unseres Babys schlagen. Es zappelt wie wild und ist ganz aktiv. Eine Ursache für die Blutungen lässt sich zunächst nicht finden und so verlassen wir das Krankenhaus. Ich kann mein Glück kaum fassen – und doch traue ich der Sache nicht. Blut ist nie gut.

Die Tage bis zur nächsten Untersuchung bleibe ich zu Hause. Die Anordnung der Ärzte lautet: Ausruhen, Füße hoch legen, nichts tragen. Ich halte es nicht mehr aus, die anfängliche Erleichterung wird von Sorgen verdrängt und so gehe ich einen Tag eher als geplant zu meiner Frauenärztin zur Kontrolle. Beim Ultraschall dürfen wir unser kleines Wunder wieder sehen, es geht ihm gut und alles ist zeitgemäß entwickelt. Und sie entdeckt auch die mögliche Ursache für die Blutung: ein kleiner Bluterguss, ein Hämatom, ganz in der Nähe der Fruchtblase…

Ich erfahre: Hämatome treten bei einigen Frauen in der Frühschwangerschaft auf, durch Stress, ruckartige Bewegungen, schweres Heben oder einfach durch die Einnistung. Während der Schwangerschaft ist das Gewebe viel stärker durchblutet als sonst, so dass solche Blutergüsse schnell entstehen können.

Oberstes Gebot ist jetzt körperliche Schonung. Denn schlimmstenfalls kann mit einem Hämatom die Gefahr der vorzeitigen Plazentaablösung und in Folge dessen einer Fehlgeburt drohen. Ich bin anderthalb Wochen krank geschrieben und hüte das Sofa. Mein Freund und eine Freundin kümmern sich Nachmittags um Noah, dem ich jetzt in den nächsten Tagen beibringen muss, dass ich ihn nicht mehr so viel rumtragen kann.

Woche 11

Alles sieht gut aus. Die Erholung und der Schlaf zeigen ihre Wirkung. Kein Blut mehr. Was bleibt ist der Schock und die Erkenntnis, dass ich diese Schwangerschaft nicht so sorglos und freudig wie die letzte geniessen werde können. Trotzdem bin ich unfassbar dankbar und glücklich, dass wir scheinbar nur mit einem blauen Auge davon gekommen sind. Das Hämatom nehme ich als Warnruf ernst. Ich mache langsamer.

Gegen Ende der Woche kommt meine Hebamme zum ersten Mal vorbei. Wir unterhalten uns, sie beruhigt und stärkt mich – und wir suchen und finden die Herztöne des Babys… Es ist so schön!

Notiz am Rande: Viele Frauen suchen ja erst nach den ersten drei Monaten eine Hebamme, weil sie befürchten, es könne zu einer Fehlgeburt kommen und dann brauche man sie ja nicht. Tatsache aber ist, dass Hebammen die Schwangerschaft begleiten, egal mit welchem Ausgang. Also auch, wenn ihr eine Fehlgeburt erleiden müsst, könnt ihr auf sie zählen. Das wusste ich bis vor Kurzem noch gar nicht. Ihr?

Woche 12

Here we are… Während ich in meiner ersten Schwangerschaft jetzt strahlend ganz offen allen von den Babynews erzählt habe, bin ich jetzt zurückhaltend happy. Zu Recht, wie sich herausstellt.

Kaum bei 12+2 angekommen ist es wieder da. Blut. Viel Blut. Es ist Psychoterror vom Feinsten. Wieder die Angst. Wieder Herzrasen. Wieder Tränen. Wieder zur Notaufnahme, wieder um das Leben des kleinen Würmchens bangen… Doch es gibt schnelle Entwarnung, dem Kleinen geht es gut.

Es scheint von all der Aufregung nichts mitzubekommen.

Trotzdem: ab jetzt ist absolute Bettruhe verordnet. Diesmal wird eine etwas tief liegende, nah am Gebärmutterhals befindliche Plazenta als Übeltäter ausgemacht. Und so liege ich, während ich das schreibe, im Krankenhaus, bin zuversichtlich, dass alles gut wird und ruhe mich aus, wie noch nie vorher in meinem Leben.

Woche 13

Am Stichtag zur SSW 13 erfahre ich bei der Frauenärztin, dass ich 6 Wochen im Beschäftigungsverbot bleiben soll. Schonung bleibt also weiter angesagt. Und dazu kommt, dass ich zur Unterstützung im Haushalt und mit Noah eine Haushaltshilfe bekommen soll. Am Nachmittag fängt es erneut an zu bluten, aber solange es nur “altes”, also dunkles Blut ist, bin ich schon gar nicht mehr so ängstlich, nur frustriert (und ziemlich unausstehlich). Wann wird endlich alles gut? Wann kann ich die Schwangerschaft genießen? Wann darf ich unser Glück endlich laut hinausschreien, anstatt immer unter Vorbehalt froh über diese kleine Wesen zu sein?

In den folgenden Tagen liege ich zuhause. Dank der Unterstützung durch meinen Freund, die flexible Kita, Freund*innen und die Haushaltshilfe schaffe ich es, die Ruhe konsequent einzuhalten. Auch die Familie hätte sich angeboten, sofort zu Hilfe zu kommen. Aber die Lieben wohnen ja leider nicht um eine Ecke und durch das unfassbar tolle Unterstützungsnetz, auf das wir dankenswerterweise hier zählen können, können wir der Familie die Anreise und den Aufwand ersparen – wer weiß, wie oft wir diese Hilfe in Zukunft noch in Anspruch nehmen müssen.

So oder so ist es unfassbar berührend und es erfüllt mich mit großer Dankbarkeit, dass so viele Menschen, unsere Familie und die tollen Freund*innen, für uns da sind, wenn wir Hilfe brauchen. Das ist nicht selbstverständlich.

Nachdem die erneuten Blutungen wieder nachgelassen haben starte ich ganz vorsichtig mit ersten Schrittchen und steigere die Bewegung.

Noch bin ich im Beschäftigungsverbot, sitze und liege den größten Teil des Tages auf dem Sofa – aber ich glaube, dass alles gut wird. Da ist ein kleines, quicklebendiges Baby in meinem Bauch. Schon jetzt liebe ich dieses Würmchen, ohne es so richtig zu kennen. Komisch, diese Gefühle.

 

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