Mum des Monats: Journalistin Nora Imlau über bedürfnisorientiertes Familienleben

Dass Nora Imlau meine Mama dieses Monats werden wollte, hat mich sehr glücklich gemacht. Die Fachjournalistin für Familienthemen schreibt unter anderem für die Zeitschrift ELTERN. Vielleicht kommt euch ihr Name daher bekannt vor. Darüber hinaus ist sie eine unermüdliche Verfechterin des so genannten “Attachment Parenting” Ansatzes, bei dem es unter anderem darum geht, auf die Signale und Bedürfnisse der Kinder von klein auf zu achten und die Bindung zwischen Eltern und Kind dadurch zu stärken.

Im Interview hat sie durchblicken lassen, wieso ihr das so wichtig ist und weshalb Schlaflernprogramme für Sie ein absolutes No-Go sind. Ich gestehe an der Stelle: ich finde Nora und das wofür sie einsteht richtig gut. Aber lest selbst…

Mum & still me: Seit wann verfolgst du den bedürfnisorientierten Ansatz bei deinen Kindern? War dir das schon bei deinem ersten Kind klar?

Nora Imlau: Ich hatte das große Glück, bereits vor meiner ersten Schwangerschaft als Studentin beim Babysitten in Kanada auf den bedürfnisorientierten Weg zu stoßen. Dadurch setzte ich mich bereits mit 22 Jahren ganz intensiv mit dem Thema auseinander und schrieb sogar eine Hausarbeit darüber. Als ich dann mit 23 selbst Mutter wurde, hatte ich bereits einen ziemlich genauen ‘Fahrplan’ für die erste Zeit mit Baby im Kopf. Ich wusste, dass ich meine kleine Tochter stillen würde, egal wie groß die Stillprobleme auch sein würden.

Mir war klar, dass sie in unserem Bett schlafen würde und dass wir sie niemals schreien lassen würden, sondern liebevoll auf ihre Bedürfnisse eingehen.

Und wir hatten bereits ein Tragetuch gekauft in dem Wissen, dass insbesondere sehr kleine Babys am liebsten fast den ganzen Tag am Körper von Mama oder Papa verbringen. Diese Vorbereitung hat sich sehr bewährt: wir hatten mit allen unseren drei Kindern eine wunderschöne innige Babyzeit!

Mum & still me: Gibt es Beispiele, bei denen Attachment Parenting in der Praxis nicht ganz so einfach ist oder du an deine Grenzen gerätst?

Nora Imlau: Attachment Parenting leben zu können, setzt voraus, die Kraft und die emotionalen Ressourcen zu haben, den dieser Weg erfordert.

Wenn ich als Mutter oder Vater gefühlt mit dem Rücken zur Wand stehe und jeden Tag im Überlebensmodus bin, ist es sehr schwer, gleichzeitig auch noch feinfühlig zu bleiben für die leisen Signale, mit denen mein Kind seine Bedürfnisse anzeigt.

Insofern gibt es auf jeden Fall Lebenssituationen, in denen es für Eltern sehr schwer ist, mit ihren Kindern bedürfnisorientiert zu leben.
Ich selbst habe das Glück, in elf Jahren Muttersein immer einen wunderbaren Partner an meiner Seite gehabt zu haben, der von unserem bedürfnisorientierten Weg genauso überzeugt war und ist wie ich. Unter diesen Rahmenbedingungen war es für uns nie schwer, Attachment Parenting zu leben – jeder andere Weg wäre uns wohl schwerer gefallen, weil er gegen unser Gefühl und unsere Überzeugungen gegangen wäre.

Mum & still me: Viele Eltern erleben den Unterschied zwischen dem Leben mit einem Kind und dem Zweifachelterndasein als sehr fordernd. Im Netz kursiert der Begriff der „Entthronung” der Erstgeborenen. Wie hast du das empfunden und wie ist es deiner Erfahrung nach, wenn ein drittes Kind hinzu kommt?

Nora Imlau: Ich mag den Begriff ‘Entthronung’ nicht, weil er für mich so klingt, als seien sämtliche älteren Geschwister verwöhnte Prinzen und Prinzessinnen, die Rabatz machen wenn sie von ihrem goldenen Thron geschubst werden. Dabei ist es für Geschwisterkinder einfach eine hoch emotionale und einschneidende Erfahrung, wenn ein neues Baby in die Familie kommt – klar werden sie da von ganz widersprochen Gefühlen regelrecht überwältigt.

Meiner Erfahrung nach ist das Wichtigste in dieser Situation, dem älteren Kind viel Geduld und Nachsicht entgegen zu bringen und ihm Zeit zu geben, sich an die neue Familienkonstellation zu gewöhnen.

Meiner ersten Tochter hat es nach der Geburt ihrer kleinen Schwester beispielsweise sehr geholfen, nach wie vor im Familienbett schlafen zu dürfen und nicht plötzlich groß sein zu müssen. Dadurch, dass das Baby sehr viel im Tragetuch war, hatte ich auch immer noch die Hände frei, um mit ihr zu spielen.
Als unser kleiner Sohn zur Welt kam, haben wir unseren Töchtern von Anfang an erlaubt, viel mit dem Kleinen zu machen und ihn beispielsweise auch Mal selbst zu Hause kurz ins Tragetuch zu nehmen. Dadurch fühlten sie sich glaube ich sehr eingebunden und wichtig in ihrer Rolle als große Schwestern, das machte ihnen die Umstellung denke ich leichter.

Mum & still me: Ich habe dich als ruhigen, entspannten Menschen kennen gelernt. Aber beim Thema Schlaflernprogramme für Babies platzt dir der Kragen. Warum?

Ich finde es einfach unsäglich, Kindern mit einem völlig normalen, gesunden Schlafverhalten zu unterstellen, sie hätten ein Schlafproblem – und sie dann als ‘Therapie’ schreien zu lassen, bis sie resigniert und erschöpft einschlafen. Besonders empört mich die Rhetorik, mit der diese Programme angepriesen werden: als wäre es gut für Babys, mittels solcher Trainings ‘schlafen zu lernen’.

Dabei müssen Babys nicht lernen, wie man schläft – das können sie schon!

Wir Eltern müssen lernen, damit umzugehen, dass kleine Kinder anders schlafen als wir. Und das können wir auch, wenn wir mit unseren Kindern an einem Strang ziehen, anstatt gegen ihnen ihr angeborenes Schlafverhalten auf Biegen und Brechen abtrainieren zu wollen.

Mum & still me: Was unternimmst du jetzt an den heißen Sommertagen gerne mit deinen Kindern?

Nora Imlau: Wir waren gerade drei Wochen im Sommerurlaub auf Rügen, da haben wir ganze Tage am Strand verbracht, im Sand gebuddelt und in der Ostsee gebadet. Mit meinen älteren beiden Kindern bin ich auch ein paarmal zusammen ausgeritten über die Insel, das war fantastisch. Zuhause im Alltag gehören zu einem heißen Sommertag die kleinen Freuden, die ich schon aus meiner eigenen Kindheit kenne: morgens gleich raus zum Spielen, mittags Siesta im kühlen Haus, am frühen Abend nochmal mit den Inlinern oder mit den Fahrrädern zum Wasserspielplatz oder zum Brombeerpflücken oder zum Eisessen.

Am liebsten mag ich die Sommerabende, an denen unsere Kinder mit ihren Freunden aus der Nachbarschaft nach dem Abendbrot noch im Garten spielen und wir Erwachsenen auf dem Balkon sitzen und uns unterhalten und der Tag einfach nicht endet, weil es noch so lange hell ist…

Mum & still me: Du hast mir von einer neuen Buchidee erzählt, an der du arbeitest. Worauf dürfen wir uns freuen?

Nora Imlau: In meinem neuen Buch wird es um Kinder mit starken Bedürfnissen und intensiven Gefühlen gehen – und darum, wie wir Eltern damit umgehen können, wenn unser Kind ‘mehr von allem’ mitbringt: mehr Unzufriedenheit, Rastlosigkeit und Willensstärke. Aber auch mehr Einfühlungsvermögen, Empfindlichkeit und Energie.

Ich habe eine echte Schwäche für diese Kinder, die oft als ‘High Need Kinder’ bezeichnet werden, obwohl sie viel mehr sind als nur ein Bündel intensivster Bedürfnisse.

Um ihnen und ihren Eltern den Rücken zu stärken und ganz konkret aufzuzeigen, was sie von uns brauchen, habe ich dieses Buch geschrieben, das im Frühjahr 2018 erscheinen wird.

Mum des Monats: Journalistin Nora Imlau über bedürfnisorientiertes Familienleben

Ich packe meinen Koffer und nehme mit…

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There are 2 comments

  1. Martina

    Liebe Sabine,

    Danke für das wundervolle Interview! Nora Imlau ist eine meiner Lieblingsautorinnen aus dem AP-Bereich und umso mehr habe ich mich gefreut, hier von ihr zu lesen 🙂

    Viele Grüße und mach bitte so weiter mit deinem fabelhaften Blog! Man findet wenige, die so liebevoll, mit Anspruch, Herz und spannenden Themen gemacht sind.

    Martina

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