Aber ich muss es aushalten. Ich will es aushalten. Ein Aufruf zum Tag nach der Bundestagswahl 2017.

Wahlbeben nennen sie es. Ein Schockergebnis. Auch wenn ich ebenfalls erst langsam aus meiner Starre nach dem gestrigen Wahlergebnis erwache, so ist das vergleichsweise starke Abschneiden der AfD für mich keine Überraschung. Umfragen haben es angekündigt. Bei einer Befragung spielt die „soziale Erwünschtheit“ eine Rolle. Bei den geheimen Wahlen hingegen „trauen“ sich die Leute plötzlich.

Und doch: Mir graut es. Vor Leuten, die die erstbeste Gelegenheit nutzen, um mit wütend wackelnden Backen anzukündigen: „Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“ Unser Land. Unser Volk. Ein Jargon, der auch vor etwa acht Jahrzehnten schwer in Mode war.

Aufgeblasene Drohgebärden voller Selbstgerechtigkeit und Genugtuung. Es ist kaum auszuhalten. Es macht mir Angst.

Aber ich muss es aushalten. Ich will es aushalten. Die Wahrheit ist doch: dieser graue Batzen an Unmenschlichkeit, Xenophobie und Fremdenhass, an Stammtischsprüchen und trotziger Wut – den gab es auch vorher schon. Nur jetzt sehen wir ihn klar und können nicht weiter so tun, als gäbe es diese gesellschaftliche Schieflage in Deutschland nicht. Jetzt können wir uns vielleicht besser damit auseinander setzen. Wir müssen es.

Es gibt eine Geschichte in meinem Leben, die mich sehr geprägt hat. Vor mehr als zehn Jahren war ich mal bei einer Veranstaltung, bei der es um Symbole rechtsextremer Gruppierungen ging. Zu dieser Veranstaltung kamen auch eine Handvoll Mitglieder der NPD. Darunter ein Jugendlicher. Auf seine Provokation hin habe ich angefangen, mich mit ihm zu unterhalten. Wir haben Argumente ausgetauscht. Entschieden, aber respektvoll.

In seinen Augen konnte ich ablesen, wie meine Worte in ihm gearbeitet haben.

Jahre später hat er mir eine E-Mail geschrieben und sich bei mir bedankt. Dafür, dass ich ihn ernst genommen habe. Dafür, dass ich ihn von rechtem Gedankengut weggebracht habe. Er ist aus der NPD ausgetreten.

Nicht jeder ist bereit, sich ernsthaft zu unterhalten. Aber die, die es sind, mit denen müssen wir sprechen. Ohne sie in eine Opfer- oder Arschlochrolle hinein zu reden. Wir müssen zuhören, was der Grund für die Sorgen ist, die viele Menschen umtreibt. Gemeinsam überlegen, welche Wege es gibt – ohne auf Minderheiten zu hacken. Das zumindest ist mein Weg.

Und: Flagge zeigen, klar Position beziehen. Nicht im Biedermeierbürgertum vor all dem Ärger verstecken.

Das schreibe ich, während mein ungeborenes Kind in meinem Bauch boxt, mein großes Kind nichtsahnend und unschuldig schnaufend im Bett liegt und schläft. Zwei Menschlein, die das alles nicht verstehen können.

Zwei Menschlein, die ich so liebe und um die ich mich so sorge, dass sich mein Herz schmerzvoll zusammen zieht.

Diese beiden Kinder und alle anderen Kinder haben es verdammt nochmal verdient, dass wir uns anstrengen und politisch aufwachen. Ich will, dass sie in einem freien, friedlichen Deutschland ohne platte Parolen und dumpfe Feindbilder aufwachsen.

Die große Mehrheit der Deutschen hat die AfD nicht gewählt. Nichtsdestotrotz ziehen jetzt berechnende Rechtsaußen als Abgeordnete in den Bundestag ein, bekommen Geld und Mittel vom Staat und werden alles daran setzen, die 12,6 Prozent bei den nächsten Wahlen zu toppen. Das dürfen wir nicht zulassen.

Aber ich muss es aushalten. Ich will es aushalten. Ein Aufruf zum Tag nach der Bundestagswahl 2017.

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There are 2 comments

  1. Steffi

    Liebe Sabine,
    ich muss sagen ich habe wirklich Angst und Bauchschmerzen bei dem was da kommt. Auch wegen meiner Kinder. Ihrer Zukunft.Deshalb habe ich zusammen mit meinem Mann beschlossen das wir uns politisch engagieren werden. In eine Partei eintreten. Damit ich mir nachher nicht vorzuwerfen habe, ich habe nichts gegen den Rechtsruck getan. Du hast mich gestern dazu ermutigt.

    LG,
    Steffi

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