Kindheit ist, was wir draus machen – Über den Film „Die beste aller Welten“

Ich tappe mit klarem Kopf und warmem Gefühl aus dem kleinen Kinosaal. Lange hat es kein Film mehr geschafft, mich so zu fesseln wie „Die beste aller Welten“ vom österreichischen Regisseur Adrian Goiginger. Darin erzählt er seine eigene Geschichte. Der siebenjährige Adrian wächst mit seiner heroinabhängigen Mutter auf. Er lebt in seiner abenteuerlichen Phantasiewelt und im versifften „Giftler“-Milieu zugleich.

Warum mich die Erzählung so berührt hat, hat bestimmt mehrere Gründe und die machen mein Urteil weniger objektiv.

Erstens: ich komme selbst aus der Gegend, in der der Film gedreht wurde. Ich habe eine ganze Weile dort in Salzburg gearbeitet. Die Orte und der Dialekt sind für mich „daheim“.

Zweitens: ich hab Pädagogik studiert, im Jugendamt lange Praktikum gemacht. Der Film hat mich auch fachlich schlicht interessiert.

Drittens, und das wiegt wohl am schwersten: ich bin eine Mama und noch dazu schwanger und unter Hormonbeschuss.

Bild: Polyfilm Verleih; http://diebesteallerwelten.at

Letztens war ich viel zu spät und als ich mein Sommerkind aus der Kita abgeholt habe, waren nur noch er und vielleicht fünf andere Kinder im Garten. Es hat meinem Herz einen solchen Stich versetzt. Dabei war er fröhlich. Aber allein der Gedanke daran, dass er sich alleine gelassen fühlen könnte, hat mich für einen Moment so durchgeschüttelt. Total pillepalle, denken vielleicht einige von euch. Mag sein. Aber daran musste ich wieder denken, als ich einzelne Szenen des Films gesehen habe.

Die Stärke der Geschichte liegt nicht zuletzt darin, dass hier nichts einfach ist. Es gibt kein schwarz und weiß.

Die Mutter riskiert die physische und psychische Gesundheit ihres Sohnes – und kümmert sich trotzdem kämpferisch und rührend um dessen Wohlergehen. Der Film beschönigt nichts. Er ist erdrückend und hart. Den zarten siebenjährigen Buben in der verrauchten Wohnung zu sehen, wie er gutgläubig mit großen Augen an der Bierdose nippt. Einmal. Dann noch einmal. Bis er alleine auf dem Balkon einschläft und am nächsten Morgen mit vor Kälte blauen Lippen aufwacht. Das ist schwer zu ertragen.

Trotzdem steht über allem eine große Liebe und tiefe Vertrautheit, die die Beziehung von Mutter und Sohn prägen. Der kleine Adrian genießt die Freiheit und die Geschichten, die ihm seinen Mama schenkt.


Als Quintessenz aus meinem Pädagogik Studium habe ich eine Wahrheit mitgenommen: es gibt viele Nuancen und Wege, die man für richtig oder falsch halten kann. Gerade ist Attachment Parenting in aller Munde. Aber das Allerwichtigste ist, dass Kinder sich geliebt fühlen.

Unser Alltag ist ihre Kindheit, heißt es so schön.

Dieser Alltag muss nicht immer perfekt sein, die Kinder brauchen nicht alle Spielsachen auf dem Markt, ein reich ausstaffiertes Zimmer und lachende, gut gelaunte Eltern. Kein Mensch kann das schaffen und bieten. Das ist okay. Was unsere Kinder stark macht, ist die Liebe und die Geborgenheit, die wir ihnen zuteil werden lassen.

Trotzdem hat Adrian Goiginger verdammtes Glück gehabt. Dass es für ihn so gelaufen ist, wie es gelaufen ist, ist die absolute Ausnahme. Von den etwa vierzig Akten über Kinder und deren Eltern, die ein*e Sozialarbeiter*in so im Schrank liegen hat, kann vielleicht mal eine davon zu einem positiven Ende gebracht und abgeschlossen werden. Die meisten Fälle übertragen sich weiter auf die nächste Generation. Dazu will ich euch bald mehr schreiben.

So oder so: schaut euch diesen Film an. Er ist eine Meisterleistung, in meinen Augen eine kleine Sensation.

Weder beschönigt er, noch verharmlost er die harte Welt, in der Adrian aufgewachsen ist. Trotzdem steht über allem die tiefe Verbindung zwischen Mutter und Sohn.

“Retrospektiv wurde mir klar, was für eine enorme Leistung es von ihr war, mir trotz ihrer Heroinsucht eine so liebevolle Kindheit zu ermöglichen.” (Adrian Goiginger, Quelle: Zeit)

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