Stehen eine Schwangere, eine Frau mit Baby und ein Mann mit Gehbehinderung in der Bahn – kein Witz.

Ich muss mich aufregen. Das kommt, würde ich meinen, nicht allzu oft vor. Aber jetzt gerade pocht mir das Herz bis zum Hals. Ich bin es gewohnt, dass Menschen mir als Schwangere keinen Sitzplatz anbieten. Es ist sogar so, dass es mir gar nicht sonderlich auffällt. Nur immer dann, wenn jemand dann doch für mich aufsteht, bin ich positiv und freudig erstaunt. Das ist so mein Alltag und darüber ärgere ich mich schon lange nicht mehr, außerdem packe ich das Stehen noch ganz gut. Heute aber ist etwas passiert, was mich wirklich zum explodieren gebracht hat.

Ich steige in die übervolle U-Bahn ein. Mein Blick fällt auf eine Frau in Sandalen, ohne Strümpfe. Ihre langen, glänzend schwarzen Haare fallen in einem schweren Zopf fast bis zum Po. Ich glaube, man kann sagen, dass sie eher zu den weniger gut Betuchten unter uns gehört. Auf dem Arm hält sie ein Baby, vielleicht acht oder neun Monate alt in einem rosa Nickianzug. Das Baby gluckst verrotzt und fröhlich vor sich hin.

Die Frau steht. Jedes Bremsen der U-Bahn ist mit Baby auf dem Arm beschwerlich.

sitzplatz schwangere u-bahn berlin alexanderplatzIch blicke auf die sitzenden Mitfahrer*innen. Bis auf eine ältere Dame sind alle Fahrgäste scheinbar kräftig, jung und gesund. Natürlich weiß ich es nicht. Vielleicht hat jemand ein schmerzendes Knie oder ein anderes gesundheitliches Problem. Aber alle?

Fragend schaue ich die Mutter mit den schwarzen Haaren an. Sie zuckt die Schultern. Ich atme ein paar mal tief durch und merke, wie ich mich zunehmend ärgere. Mit Blick auf die anderen Fahrgäste sage ich sehr, sehr laut:

“Wollen Sie denn mit dem Baby nicht lieber sitzen?”

Alle schauen weg. Der Fußboden scheint plötzlich furchtbar interessant zu sein. Die Frau antwortet mir in gebrochenem Deutsch: “Was soll ich machen? Niemand steht auf.” Ich bin fassungslos. Selbst nach dieser Konfrontation merkt niemand, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, einen Platz frei zu machen.

Als Kind habe ich gelernt, älteren Menschen, schwachen Mitfahrer*innen, Schwangeren oder Müttern mit Babys einen Platz anzubieten. Bin ich wirklich die Ausnahme? Gibt es vielleicht einen guten Grund, den ich nicht verstehe, wieso man das augenscheinlich nicht mehr tut? Oder in Berlin nicht tut? Oder liegt es an dem ärmlichen Erscheinungsbild der Frau?

Ich. Verstehe. Es. Nicht.

Während ich noch überlege, was ich als nächstes tun oder sagen soll – denn ich bin so baff von der blanken Nicht-Reaktion der Mitfahrer*innen, dass mir zunächst nichts außer Wut in den Sinn kommt – steigt ein älterer Herr mit Krücke zu. Surprise. Niemand steht auf.

Niemand steht verdammt nochmal auf.

Er zeigt auf die Markierung eines Sitzplatzes, der diesen als Sitzplatz für Menschen mit Behinderung ausweist. Räuspert sich. “Wenn Sie bitte aufstehen würden”, krächzt er. Siehe da. Jemand erhebt sich und macht den Platz frei.

Bei der nächsten Haltestelle muss ich aussteigen. Die Mama mit Baby auf dem Arm und ich sehen uns wortlos, lächelnd, verstehend in die Augen. “Alles Gute”, wünscht sie mir. Euch auch, lächle ich zurück und steige dann mit einem letzten Blick auf die stumme Sitzmasse kopfschüttelnd aus der Bahn.

 

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There are 6 comments

  1. Kathrin

    Das ist nicht nur in Berlin so, die gleiche Erfahrung habe ich auch in Nürnberg hochschwanger auf dem Heimweg von der Arbeit gemacht, als ich im übervollen, schwankenden Bus stehend mitfahren musste. Da kann man nur den Kopf schütteln…

  2. affenmama

    Gestern Nachmittag, 4x Bus fahren, Bus Nummer 2: Ich, schwanger, ein Kind im Buggy, eins an der Hand mit Laufrad, steige in die FALSCHE TÜR des Busses ein. Das weiß ich da nur noch nicht. Da war Platz, in der mittleren Nische war bereits ein Kinderwagn und ein FAHRRAD. Ich kämpfe mich durch den FAHRENDEN, VOLLEN Bus, um mein Ticket zu zeigen. Meine Kinder warten sehr geduldig und lieb ganz hinten. Das erste was der Busfahrer sagt:”Das nächste Mal steigen Sie in der Mitte ein.” -“Ja, aber da ist kein Platz.” -“DOCH.” – “Nein, dort steht ein FAHRRAD und ein Kinderwagen.” – “DOCH. DA IST PLATZ.” – “Ok, soll ich umparken? Nur dann halten Sie bitte an. Denn als Schwangere durch den vollen, fahrenden Bus zu stapfen, während die Kinder hinten alleine warten, ist kein Spaß.” KEINE REAKTION.

    Ich könnte Bücher darüber schreiben…

  3. Jennifer

    Das ist Berlin. Ich sehe das jeden Tag in den Öffis und ärgere mich genauso wie du darüber. In meiner Schwangerschaft ist niemand auch nur ein einziges Mal für mich aufgestanden – und ich bin bis 2 Wochen vor dem ET jeden Tag mit den Öffis gefahren. Auch mit Baby oder jetzt Kleinkind kommt es nur in den seltensten Fällen vor, dass jemand hinschaut und einen Platz anbietet. Eine Schande – auch ich habe noch gelernt, dass man für Bedürftige aufsteht.

  4. avotna

    Hier im Köln Bonner Raum ist es auch so. Wenn jemand mal einen Platz anbietet oder Hilfe mit dem Kinderwagen dann bin ich so perplex, dass ich bestimmt 10 mal Dankeschön sage. Aber die meiste Zeit kämpft man als Schwangere, Mutter mit Kind oder älterer Mensch alleine.

    @affenmama war auch schon in ähnlicher Situation gewesen. 😩

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