Geburtsbericht: Hallo kleine Silvesterrakete – Die Geburt des Winterbabys


Endlich schien alles so herrlich normal. Nach Blutungen in der frühen Schwangerschaft hatte sich alles eingependelt, alles sah bei den routinemäßigen Kontrollen gut, gesund und zeitgemäß aus. Gleichzeitig fühlte ich mich sehr agil und fit trotz Bauch, vielleicht weil es eben gehen musste. Unser Umzug musste schließlich bewältigt werden. Ab und an dachte ich für mich: „Komisch, so groß kommt mir der Bauch diesmal gar nicht vor.“

Kurz vor Weihnachten wurde bei einer Untersuchung im Krankenhaus deutlich, dass der Bauchbewohner ein wenig zu leicht für seine Größe war. Auch die Fruchtwassermenge war nicht mehr allzu gut. Als auch nach einer Woche keine Gewichtszunahme zu verzeichnen war, erklärte mir die diensthabende Ärztin, dass das Baby scheinbar nicht mehr so optimal durch die Plazenta versorgt wird.

In diesem Fall sollte die Geburt eingeleitet werden.

Da man bei „Zustand nach Kaiserschnitt“, also nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt damit vorsichtig sein muss, um die alte Narbe nicht über Gebühr zu strapazieren, wird in diesem Krankenhaus eher auf die sanfte Tour mittels Stäbchen eingeleitet.

Es geht los. Oder?

Freitag Abend also wurden mir fünf der schmalen Dilapan Kunststoff Stäbchen eingesetzt. Entgegen meiner Befürchtung tat das nicht weh. Es war einmal kurz etwas unangenehm, nach dem Einsetzen aber spürte ich nichts mehr. Jetzt hieß es abwarten. Durch das Verfahren sollte der Muttermund sanft mechanisch gedehnt werden. Unter Umständen werden dadurch auch Wehen angeregt. Die Stäbchen sollten alle zwölf Stunden ausgetauscht werden. Spätestens Sonntag morgen aber würde man dann, so wurde es mir erklärt, mit dem Wehentropf starten. Und so war es dann auch. Wehen spürte ich nur minimal. Ich konnte noch zwei Nächte Schlaf und Kraft tanken. Unterdessen eröffnete sich der Muttermund schon einmal um 4 cm.

Sonntag Morgen war vereinbart, dass ich mich um halb 9 mit meiner Hebamme Christiane im Belegkreissaal treffen würde.

Ein komisches Gefühl, den Koffer zu packen, sich frisch zu machen und zu wissen – jetzt geht es gleich los, in ein paar Stunden habe ich mein Baby in den Armen.

Denn klar war: durch den voran gegangenen Kaiserschnitt würde man nicht ewig abwarten. Wenn nichts vorwärts gehen würde, würde es erneut auf einen Kaiserschnitt hinaus laufen.

Verrückt, so mit Plan in die Geburt zu gehen, zu wissen, dass unser Baby noch heute auf die Welt kommen würde.

Andererseits auch sehr praktisch, denn so konnten wir in aller Ruhe eine Babysitterin fürs Sommerkind engagieren. So ging ich in einer Mischung aus aufgeregt, vorfreudig, aber auch merkwürdig ruhig in meinen Birkenstock den Flur aus der Gynäkologie Richtung Kreißsaal. Dort erwartete mich schon Christiane. Zum Frühstück gabs erstmal einen Einlauf. Hatte ich so entschieden. Erstens kann der unter Umständen die Wehen in Gang setzen und zweitens geht man so etwas „leichter“ in die Geburt. Details erspare ich euch, aber es war auch wirklich kein Drama. Danach hat mir Christiane noch ein Tässchen Kaffee zur Stärkung geholt. Meine letzte Tasse Kaffee seit nunmehr über vier Wochen. Das muss einfach kurz mal an der Stelle Erwähnung finden. Ich vermisse Kaffee nämlich. Aber solange die Stillpausen nicht verlässlich lange sind, gibt’s kein Koffein für mich. Narf. Zurück zur Geburt…

Als nächstes wurde der Wehentropf angelegt. Was soll ich sagen. Es war erstmal easy. Da waren ein paar Wehen, aber nicht der Rede wert. Meinem Freund sagte ich noch um halb 11 Uhr am Vormittag, er könne sich Zeit lassen. Alles entspannt.

Dann ging es Schlag auf Schlag.

Als auch gegen 11 Uhr noch nicht wesentlich etwas passierte, entschieden die Stationsärzte, man müsse nun die Fruchtblase eröffnen. Das sollte etwas Schwung in die Sache bringen. Dumm nur, dass die Fruchtblase schon offen war und es wegen dem wenigen Fruchtwasser nicht bemerkt wurde. Meine Hebamme gab schnell mit dem Versuch auf, die Fruchtblase zu öffnen. Sie wollte nicht so grob rummachen und bat die Assistenzärztin um Hilfe. Auch sie zog den Gummihandschuh, der vorne am Zeigefinger mit einer feinen Nadel bestückt ist, vergeblich an. Verwundert rief sie den Oberarzt zu Hilfe. Dieser war nun weniger zimperlich und gab sich alle Mühe, die nicht vorhandene Fruchtblase zu öffnen. Ich spürte zum einen, dass mein Baby zurück zuckte im Bauch. Zum anderen nahmen die Wehen mehr und mehr zu und wurden irgendwann so stark, dass ich kaum mehr sprechen konnte. Erst spät, zu spät, wandte ich ein, ob es nicht sein könne, dass die Fruchtblase schon offen sei und nur wenig Fruchtwasser vorhanden gewesen sei. Vorher kam mir der Gedanke gar nicht, weil das Vorgehen so selbstverständlich schien. Der Oberarzt stutzte, mit Hilfe von mehr Licht und diversen Instrumenten wurde ein genauerer Blick auf die Sache geworfen. Siehe da. Keine Fruchtblase, dafür ein (sehr) zerkratzter Babykopf. Wie arg die Kratzer aussahen, stellten wir allerdings erst viel später fest.

Unterdessen wurden die Wehen schier unerträglich. War das dieser Punkt, von dem Frauen immer sagten, sie könnten nicht mehr?

Es fühlte sich so an. Ich hörte den Oberarzt fröhlich sagen, bis 20 Uhr sei mein Kind sicher da. Bis 20 Uhr?! Niemals würde ich das so lange aushalten. Welchen Abstand die Wehen hatten? Keine Ahnung. Die Pausen kamen mir wahnsinnig kurz vor. Ich schloss die Augen und sammelte Kraft, um nach einem Schluck Wasser fragen zu können. Mühsam murmelte ich (oder schrie ich?), bis 20 Uhr würde ich das nicht schaffen. Ich spürte schon Pressdrang. Aber geht das nicht etwas zu schnell? Christiane ahnte schon, dass es wohlmöglich schneller gehen könnte, prüfte den Muttermund und siehe da: vollständig eröffnet. Sie gab ihr „okay“, es konnte losgehen und ich durfte mit aller Kraft unser Silvesterbaby Richtung Tageslicht schieben.

Plötzlich wurde es hektisch. Die Herztöne des kleinen Kerlchens sackten immer wieder ab. Nach jeder Presswehe wurde er scheinbar wieder ein Stückchen zurück gezogen. Christiane machte mir Mut, da ich panische Sorgen hatte, etwas könne mit dem Kind nicht stimmen. Ich solle in den Bauch zum Baby atmen. Das half. Trotzdem musste nun von außen alles beschleunigt werden. Der Oberarzt entschied: die Saugglocke müsse zum Einsatz kommen. Die Assistenzärztin schob von oben mit dem Kristeller Handgriff, der Oberarzt zog von unten mit der Saugglocke. Was soll ich sagen, schön war es nicht. Aber – nach ein, zwei letzten Wehen, war er da. Die Nabelschnur war wie der Henkel einer Handtasche um seine Schulter gelegt und hatte ihn gebremst. Ohne Saugglocke wäre es wohl nicht gegangen. Aber da war er nun und meldete sich empört und lautstark – unser zweiter Sohn.

Nie werde ich das Gefühl vergessen, wie mir das kleine, zarte Vögelchen mit seinen nur etwas mehr als 2700 Gramm auf die Brust gelegt wurde. Diese feuchte Wärme, der kleine Körper. Dann die ersten wachen Blicke aus den wunderschönen Augen. Ein gegenseitiges  Bündnis für immer und ewig. Als die Rakete letztlich auf die Welt kam, war es halb 2 Uhr Mittags. Dass es so schnell gehen würde, hätte wohl niemand gedacht.

Für mich war diese Geburt einerseits wunderschön. Ich durfte nach meinem Kaiserschnitt eine Spontangeburt erleben. Klar, mit Saugglocke und Einleitung nicht ganz so „spontan“, aber ihr wisst schon, was ich meine. Andererseits habe ich an den Geburtsverletzungen auch über vier Wochen später noch zu knabbern. Saugglocke, Kristellerhandgriff oder die Geschwindigkeit – ein oder mehrere dieser Faktoren forderten ihren Tribut. Aber die Natur hat es schon clever gemacht. Langsam verblasst die Erinnerung an die Schmerzen. Die Wunden heilen. Was sich hingegen eingebrannt hat – dieses Gefühl meinen Sohn zum ersten Mal auf dem Bauch zu spüren. Sein Händchen, das meinen Finger fest umschließt.

Was bleibt, ist Liebe.

Nachtrag:

Ein großes Dankeschön an meine Familie, die uns nach der Geburt unterstützt hat und sich um alles kümmerte, als ich nicht aufstehen durfte. Danke auch an die lieben Freunde, die uns im Wochenbett bekocht haben und uns zur Seite standen. Und natürlich auch ein riesiges Dankeschön an Christiane für die ruhige und liebevolle Begleitung der Geburt und Sissi für ihre herzliche und professionelle Wochenbettbetreuung. Ihr beide seid großartige Hebammen und wir sind sehr, sehr glücklich, dass ihr uns ein Stück des Weges begleitet habt. 

 

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There are 3 comments

  1. Simona

    Liebe Sabine,

    nochmal: Herzlichen Glückwunsch!
    Ich habe beim lesen mitgefiebert und als ich vom Kopf der kleinen Winterrakete las bin ich etwas zusammen gezuckt. Armes Baby!
    Mein 2. Sohn war auch so eine Rakete. Ins Krankenhaus musste ich mit dem RTW unter Presswehen gebracht werden, 3 Wehen im Kreissaal reichten und er war da.
    Übrigens hatte K. auch ein ganz ähnliches Geburtsgewicht: 2770 g. Ich weiß wie winzig das ist <3, vor allem da sein großer Bruder fast 1 Kilo mehr auf die Geburtswaage brachte und er mir damals auch so klein erschien.
    So, nun genug von mir (uns).
    Ich wünsche euch von Herzen alles Liebe und Gute, auf das ganz schnell alle restlichen Blessuren verschwinden und ihr weiter ganz wundervolle Babyflitterwochen zu 4 habt.
    Herzliche Grüße
    Simona

  2. Simona

    Nein, bei K. hatte ich so gut wie nichts. Könnte ich nochmal entscheiden, würde ich meine Hebamme anrufen und das Kind in Ruhe zu Hause bekommen. Na ja, wichtig war das er unbeschadet auf die Welt kommt, so war es ja auch.

    Bei N. musste ich genäht werden. Zum Glück war ich so voller Hormone, ich erinnere mich an kaum noch was davon.

    Das hat die Natur gut eingerichtet!

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