Smartphone, Fernseher und Co in der frühen Kindheit: Medienkonsum bei Kleinkindern

Medienkonsum bei Kleinkindern

Auch Bücher sind Medien – für Kleinkinder besser geeignet als Bildschirmmedien?

Das Internet und Bildschirmmedien sind Alltag für uns. Es reicht eine Fahrt mit der U-Bahn um festzustellen: die Smartphones sind wie festgewachsen an den Händen der Menschen. Kinder in Deutschland wachsen „digital“ auf: 70 Prozent der Kinder im Kita-Alter benutzen das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich. (BLIKK-Studie)

In der Waldorf Pädagogik wird in den ersten sieben Jahren auf Medienabstinenz bzw. seltenen Kontakt mit elektronischen Medien gesetzt. Im Gegensatz dazu gibt es immer mehr Apps und Fernseh-Sendungen, die schon allerkleinste Kinder zur Zielgruppe haben.

Klick, Klick, Glück?

Wir Eltern stehen dazwischen und müssen unseren Weg finden. Gar nicht mal so leicht. Welcher und wieviel Medienkonsum ist für ein Kleinkind geeignet? Sollten kleine Kinder überhaupt schon mit einem Smartphone oder Tablet spielen?

„Während in früheren Generationen Kinder in den meisten Fällen keine Einschränkung in ihrer räumlichen Bewegung erlebt haben, dafür aber Einschränkungen in ihrer medialen Mobilität hinnehmen mussten, sehen wir heute eine Umkehrung der Verhältnisse.“ (Stefan Aufenanger)

Was Stefan Aufenanger in seinem Fachaufsatz einleitend schreibt, stimmt: medial steht unseren Kindern heute ein schier unüberschaubarer Kosmos an Möglichkeiten offen. Das Ziel für uns Eltern muss es sein, unsere Kinder kompetent im Umgang mit Medien zu machen. Medienkompetenz bedeutet weit mehr, als den bloßen Schutz vor drohenden Gefahren im Netz:

„Ziel von Medienerziehung ist, möglichst alle Menschen früh in die Lage zu versetzen, in einer durch Medien geprägten Welt kompetent, selbstbestimmt, sozial verantwortlich, kommunikativ und kritisch handeln zu können.“ (Robert Neuß)

Aber ab welchem Alter beginnt die Medienerziehung mit elektronischen Medien? Kleinkindpädagogin Paula Bleckmann argumentiert auf Basis der wissenschaftlichen Datenlage, je jünger Kinder seien, desto eher drohten Schäden, wie etwa Übergewicht, Schlafstörungen oder Verzögerung von Sprach- und Bewegungsentwicklung durch Mediennutzung. Selbiges gilt für die Dauer und Länge, in der die Kinder den Bildschirmmedien ausgesetzt sind. Je länger, desto schlechter. Umgekehrt gebe es in den ersten drei Lebensjahren keine Belege dafür, dass Kontakt mit Medien irgendeinen positiven Nutzen für die Kinder habe.

Draußen in der Natur sind alle Sinne gefordert. Der Duft zarter Blüten. Finger, die raue Rinde erfühlen. Das fällt bei Bildschirmmedien weg.

Eigentlich logisch, wenn man sich einmal überlegt, wie die Reize auf die Kinder einwirken. Sie müssen nur aufnehmen, können die aufgenommenen Reize aber nicht aktiv motorisch oder kommunikativ verarbeiten. Wie ein Gefäß, das immer voller und voller wird und irgendwann überläuft, reagieren viele Kleinkinder, die zu lange medialen Sinnesreizen ausgesetzt waren, überdreht, hibbelig und angespannt. Irgendwie, irgendwo muss der ganze Inhalt an verarbeitet werden. Außerdem werden nur Augen und Ohren beansprucht, die anderen Sinne bleiben auf der Strecke. Das ist ja auch für uns Erwachsene so. Im Unterschied dazu aber müssen Kleinkinder erst ein Set an Fähigkeiten erwerben, um damit klarkommen zu können. Ein Beispiel: das Wahrnehmen, Verständnis und Verarbeiten von Informationen. Das sollte zunächst durch Vorlesen oder gemeinsame Betrachten von statischen Bildern geschult werden. (vgl. Bleckmann) Als Hauptgrund für die negative Entwicklung von Kindern bei übermäßigem Medienkonsum gilt, dass dann „Zeit für diejenigen Tätigkeiten abgezogen wird, die für seine gesunde Entwicklung elementar sind.“ (Bleckmann) Auch das kreative Kinderspiel und die Kommunikation wird durch den Medienkonsum bei Kleinkindern beeinträchtigt.

Also totale Medienabstinenz für Kleinkinder? Stefan Aufenanger kritisiert, dass in den vorliegenden Studien bislang vor allem „traditionelle“ elektronische Medien wie das Fernsehen untersucht worden seien. Ob beispielsweise auch Spiele auf dem Tablet „schaden“, sei noch nicht faktenbasiert nachzuweisen. Er rät Eltern, sie sollten „eine gewisse Neugierde ihrer Kinder für digitale Medien respektieren, zugleich aber auch ihre Dialogbe- reitschaft zeigen, bei Problemen immer für sie da zu sein.“

Klar: wenn das Kind ein, zwei Mal ein Filmchen geguckt hat, wird es wohl kaum bis ans Lebensende einen Riesenschaden davon tragen. Wie immer gilt, jedes Kind ist anders und wir Eltern haben gut im Gefühl, was für unsere Kinder passt und was zuviel ist. Trotzdem fand ich folgende Tipps, abgeleitet aus dem aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand, ganz gut, um im Hinblick aufs bald dreijährige Sommerkind eine Orientierung im Umgang mit Medien zu finden.

Möglichst spät, möglichst kurz

Vier Tipps zum Konsum von Bildschirmmedien in der frühen Kindheit:

  • Je stärker die ExpertInnen sich an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern orientieren, desto später empfehlen sie den Einstieg. Je nach Fachdisziplin wird ein Einstieg mit drei Jahren (Medienpädagogik) oder gar erst im Grundschulalter (Entwicklungspsychologie) nahegelegt. (Vgl. Bleckmann)
  • Die Dosis macht das Gift: Je kürzer die Medien genutzt werden, desto besser. (Vgl. Bleckmann)
  • Am besten in Begleitung an Medien heranführen: die meisten Eltern haben ein feines Gespür dafür, wie ihre Kinder auf die Reize reagieren, an welcher Stelle man vielleicht erklären muss oder was sie unter Umständen verängstigen und überfordern könnte. (kindergesundheit-Info.de)
  • Wie nutzen wir selbst als Eltern die Medien vor unseren Kindern? Was für eine Vorbildfunktion geben wir ab? (Vor allem das fällt echt gar nicht so leicht… Mir zumindest.) (kindergesundheit-info.de)

Fazit

Wenigstens in den ersten drei Lebensjahren, je nach Kind vielleicht auch darüber hinaus, muss man Kinder nicht mit Bildschirmmedien konfrontieren. Tut man es doch, so macht neben der individuellen Konsitution unter anderem die Häufigkeit und Dauer der Mediennutzung aus, ob Kinder dadurch negativ beeinträchtigt werden oder nicht. Hauptsache, wir Eltern sind aufmerksam dabei und folgen – wie immer – unserem Bauchgefühl.

Weiterlesen:

Eine tolle und übersichtliche Tabelle, welche Medien ab welchem Alter gut geeignet sind, findet ihr auf kindergesundheit-info.de.

Darüber hinaus genutzte Quellen:

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Medienkompetenzförderung für Kinder und Jugendliche. Eine Bestandaufnahme. 

Medienmündigkeit an Waldorfschulen und Struwwelpeter 2.1 – Ein Leitfaden für Eltern durch den Medien-Dschungel 

Stefan Aufenanger: Digitale Medien im Leben von Kindern und Herausforderungen für Erziehung und Bildung.

Paula Bleckmann: Kleine Kinder und Bildschirmmedien.

Schau Hin: Wann sind Kleinkinder groß genug für die Medienwelt?

Ein Erfahrungsbericht aus dem Familienalltag mit drei Kindern von Natalia: https://www.simplylovelychaos.de


Mein Studium in Allgemeiner Pädagogik und Psychologie haben mir bei der Recherche und Auswertung für diesen Beitrag ein bisschen geholfen. Die Recherche dazu erfolgte online am Smartphone 😉

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There are 6 comments

  1. Yvonne von family.snap

    Liebe Sabine,
    danke für den tollen Beitrag. Das ist wirklich ein schwieriges Thema.
    Ich denke, wir haben für uns ebenfalls einen guten Weg gefunden. Aber ich hinterfrage häufig, ob das so ok ist.
    Ich finde es auch wichtig, dass nicht zu früh damit angefangen wird (vor 3 Jahren). Unsere Kinder werden aber sehr früh damit konfrontiert (durch uns) und die Medien sind heutzutage nicht mehr wegzudenken. Viel wichtiger ist also, dass wir ihnen den richtigen Umgang damit beibringen. Und ihnen natürlich ein Vorbild sind (da muss ich mich selbst oft an der Nase packen).
    Ich merke auch, dass die Zeit am Fernseher oder Tablet kurz sein sollte. Sonst ist schnell eine Überforderung da. Das ganze muss ja auch noch verarbeitet werden.
    Lernen in der Natur, mit allen Reizen, ist immer noch das Beste. Aber ganz ignorieren kann man die Medien nicht.
    Liebe Grüße
    Yvonne

  2. Anne

    Wie sieht es denn mit Fotos auf dem Handy angucken aus? Mein Sohn (21 Monate) liebt das. Wird auch von ihm und mir kommentiert und er darf swipen 😀

    1. Sabine Ponath

      Liebe Anne, ganz bestimmt begleitest du ihn bei seinen Ausflügen ins digitale Fotoalbum so gut, dass es für ihn gar kein Stress ist. Auch unsere zwei Söhnchen kennen Fotos oder eben Skype. Es ist alles abhängig von der Häufigkeit und Dauer, und davon, ob man die Medien dazu verwendet, die Kids ruhig zu stellen oder ob man sie dabei begleitet. Ein paar Fotos zu gucken schadet ihm ganz bestimmt nicht. Am besten weißt du es eh selbst: wie verhält er sich dabei? Wirkt er aufgekratzt oder überdreht? Oder umgekehrt lethargisch? Dann war das vielleicht noch etwas viel für ihn.
      Alles Liebe für euch! Sabine

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