Filmkritik TULLY (2018) – Muttersein zwischen bedingungsloser Liebe und totaler Selbstaufgabe

Marlo (Charlize Theron) ist vollkommen erschöpft. / Quelle: http://www.focusfeatures.com/tully Tully Filmkritik

Marlo (Charlize Theron) ist vollkommen erschöpft. / Copyright: DCM Film

Die Hände noch leicht aufgeweicht, feucht vom Spülwasser. Die Müdigkeit steckt mir nach einem dieser ganz normalen Familienalltagstage in den Knochen. Es geht mir gut. Aber ich bin platt. Ich frage mich: wieso sollte ich mir ausgerechnet jetzt den Film TULLY ansehen, in dem es um eine erschöpfte Mutter geht? Familienalltag hab ich doch jeden Tag, brauche ich das auch noch als Abendprogramm, wenn ich endlich die Füße hochlegen kann? Eines vorweg: ich sollte es nicht bereuen. Ich würde im Laufe des Abends schmunzeln und auch ein paar Tränchen verdrücken.

Meine Filmkritik zu TULLY

“You’re empty.”

Die Macher von JUNO erzählen in TULLY die Geschichte von Marlo, gespielt von Charlize Theron. Die dreifache Mutter ist vollkommen durch. Erschöpft wäre noch zu wenig gesagt. Sie reibt sich komplett für ihre Kinder auf, die Beziehung zu ihrem Mann ist mehr Zweck-WG als Partnerschaft und zu allem Überfluss will die frisch geborene Mia auch nachts Marlo’s volle Aufmerksamkeit.

Die Ausschnitte aus ihrem stressigen Alltag sind nicht immer leicht zu ertragen. Der Stress überträgt sich auf mich. Etwa, wenn ihr Sohn im Vorschulalter minutenlang laut brüllend einfordert, dass sie auf einen ganz bestimmten Parkplatz fährt, ihr dabei mit den Füßen vom Rücksitz aus immer wieder in die Lehne tritt. Puh, denke ich. Ich schwitze mit der Hauptdarstellerin und kann gut verstehen, dass sie letztlich einknickt und darauf wartet, dass eben dieser Parkplatz frei wird, anstatt auf einen der vielen anderen zu fahren. Oder das schrille Kreischen des Neugeborenen, das scheinbar ohne Unterhalt Berührung, Milch, Liebe einfordert. Diese Frau ist kurz vor dem totalen Zusammenbruch.

Marlo ist von ihrer Mutterrolle und den damit verbundenen Aufgaben und Herausforderungen so eingenommen, dass sie selbst daneben gar keinen Platz mehr zu haben scheint. Ihre Persönlichkeit ist abgetaucht. Ihr Bruder Craig (Mark Duplass) vermisst seine “alte Schwester”. Ihr Mann ist durch die Arbeit so gestresst, dass er sich blind darauf verlässt, dass alles “läuft”. Laufen tut es. Marlo funktioniert. Sie selbst bleibt auf der Strecke. Ist trotz Familie alleine.

Der scheinbar einzige Moment, in dem sie zur Ruhe kommt, ist Abends beim gemeinsamen zärtlichen Ritual mit Söhnchen Jonah (Asher Miles Fallica). Sie bürstet sanft dessen ganzen Körper ab, um dem Kind, das alle für merkwürdig halten, Stress und Druck zu nehmen. Diese Szenen sind in goldenes Licht getaucht. Marlo lächelt sanft und ich frage mich, wem dieses Ritual wohl mehr Frieden bringt.

“I’m here to take care of you.”

Sprudelnd vor Lebensfreude: Night Nanny Tully / Quelle: http://www.focusfeatures.com/tully/image/mackenzie-davis

Sprudelnd vor Lebensfreude: Night Nanny Tully / Copyright: DCM Film

Den Wendepunkt stellt eine Nacht-Nanny dar, die Marlo nach anfänglichem Widerstand dafür einstellt, nachts auf Mia aufzupassen, so dass sie schlafen und sich erholen kann. Die Nacht-Nanny Tully, gespielt von Mackenzie Davis, sprüht vor Lebensfreude, Jugendlichkeit und gibt alles, um Marlo’s Leben einfacher zu machen. Wie ein Mainzelmännchen putzt und backt sie nachts, während sie liebevoll das Baby in den Schlaf begleitet. Tully will alles wieder in Ordnung bringen. Den Druck aus dem Familienleben nehmen. Ja, sogar die Partnerschaft von Marlo und Drew (Ron Livingston) will sie wieder in Schwung bringen. Tully wird von der immer lächelnden Hilfe schließlich sogar zu Marlo’s enger Vertrauten und Freundin. Alles fast zu schön um wahr zu sein. Aber dann kommt alles anders. Vollkommen überraschend, aufwühlend anders. Mehr will ich an der Stelle nicht verraten…

Tully und Marlo sind sich sehr nah / Copyright: DCM Film

Tully und Marlo sind sich sehr nah / Copyright: DCM Film

TULLY gibt dem Phänomen “Erschöpfte Mutter” ein Gesicht

Tully Filmkritik, Baby Mia in der Trage, Auge in Auge mit Sohn Jonah / Quelle: http://www.focusfeatures.com/tully

Baby Mia in der Trage, Auge in Auge mit Sohn Jonah / Copyright: DCM Film

Mit TULLY behandelt ein Film ganz ehrlich, schonungslos und trotzdem auf eine sympathisch, pragmatische Art alle Momente des Elternseins. Auch die der Ungeduld, der Wut und den Situationen, in denen man am liebsten schreiend alles stehen und liegen lassen würde. Es aber nicht tut. Weil man die Kinder, die Fam

ilie eben doch liebt. Außerdem greift die Geschichte eine besorgniserregende Realität auf: “20 Prozent aller Mütter sind so fertig, dass sie Behandlung brauchen. Und weitere 30 Prozent sind zwar nicht pathologisch erschöpft, aber sie fühlen sich kurz vorm Zusammenbruch”, erklärte unlängst Diplom-Pädagogin Friederike Otto (mehr dazu hier: http://mumandstillme.com/) TULLY legt den Finger in eben diese Wunde und fordert auch alle Angehörigen auf, hinzuschauen und sich zu kümmern.

Davon ganz abgesehen: der Soundtrack ist ein Knaller.

Fazit:

Unbedingt anschauen. Dieser Film ist nicht immer angenehm. Wenn etwa die Kamera Marlo’s wunde Brustwarzen zeigt. Autsch. Aber TULLY zeigt eben auch dahin, wo es weh tut. Schnörkellos, sympathisch witzig und voller Warmherzigkeit.

Filmstart ist am 31. Mai 2018.

Regie: Jason Reitman
Drehbuch: Diablo Cody
Musik: Rob Simonsen

 

 

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