BLOGPARADE: 5 Jahre #aufschrei – Und jetzt? #bleibtlaut

Fünf Jahre #aufschrei. Was haben wir aufgeschrien. Sexismus, auch der feine, kleine, versteckte Sexismus im Alltag hatte plötzlich einen Namen. Lisa Caspari schrieb 2014 für die Zeit:

Es wurde offen geredet, nachgedacht. Über Grenzen, die bewusste und unbewusste Herabstufung von Frauen. Über Komplimente und Herrenwitze.

Man müsste meinen, seitdem habe sich alles geändert. Aber hey, da war doch was, letztes Jahr. 2017 setzte die Diskussion rund um #metoo nochmal einen drauf und nahm sich das Thema sexuelle Belästigung vor.

Kleine Info am Rande: “Während Sexismus die soziale Konstruktion von Unterschieden zwischen Frauen und Männern bezeichnet und damit die ideologische Grundlage für Diskriminierung aufgrund des Geschlechts bildet, stellt sexuelle Belästigung als ein geschlechtsbezogenes, unangemessenes Verhalten eine mögliche Form resultierenden, sexistischen Verhaltens dar.” (Quelle: BPB)

Heute ist mir etwas passiert, was mich nachdenklich gemacht hat. Etwas Feines, Kleines, Verstecktes – aber doch so groß.

Ein Arsch wie eine Vierzehnjährige

Ein Tag wie jeder andere. Es ist sonnig, angenehm warm. Ich laufe am frühen Nachmittag an einer viel befahrenen Straße entlang. Vor mir läuft eine junge Mutter, einen Kinderwagen schiebend. Hinter mir zwei Männer, die ihre Mittagspause genießen, jeder ein Bierchen in der Hand. Ich selbst trage das Baby in der Manduca, bin auf dem Weg zur Kita, den Großen abholen. Eine Situation, die vollkommen belanglos ist. Die so jeden Tag passiert. Nur dass die beiden Männer so dicht hinter mir laufen, dass ich ungewollt Fetzen ihres Gesprächs aufschnappe.

“Die ist mir zu schmal. Ne schau doch mal.”

“Wasn? Ein Arsch wie eine Vierzehnjährige. Apfelbacken.” Anerkennendes Schmatzen.

“Ja, ne. Für so ne Mutter. Ich steh trotzdem mehr so auf breitere Hintern.”

In dem Moment weiß ich zwei Dinge.

Erstens: die Männer unterhalten sich nicht über meinen Po, sondern den der Frau vor mir. Ich bin nicht wirklich schmal.

Zweitens: es ist egal, um welchen Hintern es geht. Dass diese beiden Kerle sich herausnehmen in voller Lautstärke die Körperteile einer Frau so zu vermessen und zu bewerten, das bringt meinen Puls auf 200. Es fühlt sich unangenehm an. Die Frau da vorne mag nicht hören, was sie sagen. Ich aber umso mehr. Ich fühle mich unwohl, beobachtet. Die beiden Männer müssen wissen, dass ich sie höre. Sie laufen ganz nah hinter mir und sprechen sehr laut über den Typ Hintern, den sie “geil” finden.

Ich drehe mich um. Ein bisschen zu aufgeregt vor Ärger sage ich: “Ich finde es total daneben, dass Sie so reden.” (Ja, Schlagfertigkeit war noch nie so meins. Was Besseres ist mir auf die Schnelle nicht eingefallen.)

Die beiden erscheinen mir ein Tickchen röter, als sie vorhin durch Bier und Sonne und lautes Reden schon waren. Einer setzt an: “Es ging ja nicht um Sie, sondern die Dame da vorne.”

“Das ist doch egal! Wie würden Sie es finden, wenn jemand hinter Ihnen laufen würde und ihre Körpermaße so kommentieren würde. Das ist nicht okay.”

Die beiden sind zu zweit, ich allein. Sie stammeln etwas von “Ich machs aber trotzdem.” und irgendwas, was ich nicht recht verstehe, aber ich merke, es ist Ihnen unangenehm. Sie laufen an mir vorbei, gehen weiter.

Bleibt laut

So etwas ist nicht weltbewegend. Es passiert täglich. Mehrfach. Man könnte mit den Schultern zucken. Aber auch wenn ich die beiden Männer heute nicht zu Feministen gemacht habe: ich habe Ihnen etwas entgegen gesetzt. Vielleicht denken sie noch einmal nach, diskutieren darüber. Vielleicht denken sie bei der nächsten passenden Gelegenheit an das, was heute passiert ist. Vielleicht auch nicht. Aber ich fühle mich gut, denn ich bin für meine Überzeugung eingestanden.

Fünf Jahre nach dem #aufschrei hat sich vor allem eines geändert: wir sind wacher geworden. Wir waren laut, wir bleiben es. Im Kleinen, wie im Großen. Sexismus ist nach wie vor an der Tagesordnung. Jasna Strick, Autorin, Bloggerin und Referentin zu den Themen Geschlechtergerechtigkeit und Feminismus meint dazu auf dw.com:

Wir befinden uns gerade mitten in einem rechtskonservativen Rückschlag. Da gehört eben nicht nur dazu, dass die AfD von vielen Leuten gewählt wird, sondern damit geht ein gewisses Familien- und Frauenbild einher.

Aufruf zur Blogparade #bleibtlaut

Nachdem mir diese kleine Episode heute passiert ist, habe ich mich gefragt, ob es euch auch schon einmal so ergangen ist. Ob ihr Opfer von Sexismus wurdet oder Zeug*innen dessen. Ob ihr seit #aufschrei darauf vielleicht anders reagiert habt, als ihr zuvor darauf reagiert hättet. Was Sexismus, was die #aufschrei Debatte für euch, euren Alltag, euren Umgang mit euren Kindern bedeutet. Es gibt noch so viel zu sagen, es gibt noch so viel zu tun. Lasst uns laut bleiben. Auf Instagram, Twitter, hier auf unseren Blogs – und vor allem auch im realen Leben da draußen.

Seid ihr dabei?

Ich würde mich wahnsinnig freuen. Denn es bleibt so wichtig. Schreibt mir hier in den Kommentaren, was ihr dazu zu sagen habt. Schickt mir eure Blogbeiträge und ich füge sie hier im Artikel ein. Tweetet laut und deutlich #bleibtlaut. Nach den Sommerferien, Ende September, will ich auswerten, was ihr mir alles geschrieben habt.

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There are 9 comments

  1. Stefanie R.

    Super dass du was gesagt hast! Viel zu oft sag ich in solchen oder ähnlichen Situationen nichts weil mir einfach gar nichts einfällt und ärgere mich dann den ganzen Tag 🙊

    1. Sabine Ponath

      Danke, ich bin diesmal auch ganz froh. Gerade weil ich auch oft erst spät weiß was ich sagen soll. Vielleicht kommt es ja aber gar nicht so sehr darauf an, was man sagt, sondern dass man überhaupt etwas tut.

  2. Die #Freitagslieblinge am 15.Juni 2018 - das kleine WARUM

    […] So viele schöne neue Texte in dieser Woche. Da gibt es den Text über Urlaub für Kinder bei Zuckersüße Äpfel und es gibt tolle Gravity Falls Bilder bei Einevonachtzigmillionen und einen tollen Artikel bei SUPERPOWERGIRLS zum Thema Studieren mit Kindern und diesen sehr berührenden Text bei Mumandstillme, macht ihr mit bei der Blogparade?! […]

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