Interview: 2018 nächste Masern Epidemie in Berlin?

In Berlin und in anderen Landkreisen droht in diesem Jahr eine neue Masern Epidemie. Impfen ist ein persönliches Thema. Impfen ist ein Thema von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Beides stimmt, irgendwie. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Pro und Contra rund um den kleinen Pieks meist heftig unter Eltern diskutiert werden.

Ich persönlich bin durchaus kritisch. Wir haben nicht alles durchimpfen lassen. Die 5-fach gab bzw. gibt es bei unseren Kindern erst im späteren Babyalter, nicht gleich mit wenigen Wochen. Und auch auf die Rotaviren-Impfung haben wir bewusst verzichtet. Alles das Ergebnis aus Beratung, Durchackern von Fachliteratur (ich fand besonders hilfreich: “Impfen Pro & Contra” von Dr. Martin Hirte, Knaur Verlag, ISBN 978-3-426-87619-0) und sorgfältiger Abwägung. Eins war für mich aber klar: Meine Kinder werden mit dem MMR-Impfstoff gegen Mumps, Masern und Röteln gewappnet. Der Kleinste kann jedoch erst mit einem Jahr immunisiert werden.

Deshalb habe ich kürzlich aufgehorcht, als ich gehört habe, es drohe eine neue Masern Epidemie in diesem Jahr.

Dr. med. Alexander Rosen (Leiter der Kindernotaufnahme an der Charité Universitätsklinik, Campus Virchow-Klinikum) hat mir dazu ein paar Fragen beantwortet…

2018 oder 2019 könnte ein größerer Masern Ausbruch anstehen

Mum & still me: Sie befürchten eine neue Masern Epidemie. Warum ist das Thema Masern nach der letzten großen Krankheits-Welle jetzt nicht bis auf weiteres vom Tisch?

Dr. med. Alexander Rosen warnt vor Masern Epidemie

Dr. med. Alexander Rosen warnt vor Masern Epidemie

Dr. med. Alexander Rosen: Wie viele andere Infektionskrankheiten haben auch die Masern einen saisonalen Verlauf, das heißt es gibt jedes Jahr eine „Erkrankungswelle“, die mal heftiger und mal milder verläuft, ähnlich wie bei der Influenza (die „echte“ Grippe). Eigentlich war erklärtes Ziel der WHO, die Masern in Europa bis zum Jahr 2015 ausgerottet zu haben – so wie schon die Pocken, die Kinderlähmung oder Diphterie. Aber das mangelnde Impfverhalten der Eltern macht uns ÄrztInnen immer wieder einen Strich durch die Rechnung.

Deutschland stellt dabei neben Italien, Rumänien und Griechenland in den letzten Jahren die größte Zahl an registrierten Masernfällen.

Die Folge dieser Ausbrüche waren rund 50 Todesfällen aufgrund von Masern in der EU in den letzten 2 Jahren und und eine noch höhere Zahl von Kindern, die aufgrund einer Maserninfektion schwere Komplikationen wie Hirnhautentzündungen, lebensbedrohlichen Lungenentzünungen oder bleibenden neurologischen Schäden und Behinderungen haben.

Besonders bitter ist das natürlich für die Kinder, die entweder noch zu jung waren, um geimpft zu werden oder aufgrund von anderen Krankheiten keinen Impfschutz aufbauen konnten, also zum Beispiel Kinder, die wegen einer Krebserkrankung Chemotherapie erhalten. Sie profitieren am allermeisten von der sogenannten „Herdenimmunität“, also dem Schutz durch eine umfassende Durchimpfungsrate in ihrer Umgebung. Die letzten großen Ausbrüche mit jeweils über 1.500 berichteten Fällen im Jahr haben wir 2006, 2011, 2013 und 2015 gesehen.

Nachdem 2016 und 2017 nun eher ruhige Jahre waren, könnte 2018 oder 2019 wieder ein größerer Ausbruch anstehen, vor allem, da sich an den Grundvoraussetzungen wenig bis nichts geändert hat.

Weiterhin lehnen eine relevante Zahl von Eltern die wissenschaftlichen und medizinischen Argumente für eine Impfung ab und entscheiden sich dafür, ihre Kinder und ihre Umgebung der potentiell gefährlichen Krankheit auszusetzen.

Mum & still me: Wieviel Prozent der Einjährigen sind hierzulande geimpft?

Dr. med. Alexander Rosen: Da es in Deutschland kein nationales Impfregister gibt und die verfügbaren Daten zur Impfquote hauptsächlich auf freiwillige Angaben bei der Einschulungsuntersuchung beruhen, ist es gar nicht möglich, auf diese Frage eine fundierte Aussage zu treffen.

Was wir wissen, ist dass in Deutschland im Jahr 2010 91,5 Prozent aller Kinder bis zur Einschulung vollständig, also zweimal gegen Masern geimpft waren.

Leider reicht diese Quote aber noch nicht. Die WHO geht davon aus, dass eine adäquate Herdimmunität, die Masernausbrüche effektiv verhindern kann, nur durch Durchimpfungsquoten von über 95 Prozent zu erreichen sind.

In der Feinanalyse der Daten zeigt sich, dass einzelne Bundesländer knapp über dieser Marke lagen, während nur Durchimfungsquoten von 87 Prozent erreichten. Auf Landkreisebene waren diese Differenzen noch gravierender.

Das erklärt auch, weshalb Masernausbrüche oft so regional begrenzt auftreten.

Spitzenreiter bei der Zahl der Erkrankungsfälle in der letzten großen Ausbruchswelle 2015 war beispielsweise Berlin mit rund der Hälfte aller deutschen Fälle (ca. 1.200 von 2.400) und einer 10 Mal so hohen Erkrankungswahrscheinlichkeit als im Rest der Republik. Für uns Kinderärzte sind das Daten, bei denen wir Eltern mit ungeimpften Kindern in der Masernsaison eigentlich von Besuchen in Berlin abraten müssten. Damals mussten in Berlin ja auch besonders betroffene Schulen und Kitas geschlossen werden.

Mum & still me: Welche Risiken bestehen als mögliche Impffolgen? Wieso ist Impfen trotzdem die bessere Option?

Dr. med. Alexander Rosen: Masern wird in Deutschland sinnvollerweise gemeinsam mit Mumps, Röteln und Windpocken (Varizellen) als MMRV-Impfstoff geimpft. Wie bei allen Impfungen kann es lokal an der Stichstelle zu einer Reizung, Rötung, Schwellung und Schmerzen kommen. Diese Reaktion ist per se keine „Nebenwirkung“, sondern entspricht der gewünschten Immunreaktion des Körpers mit den geimpften Virusbestandteilen.

Falls nicht adäquat desinfiziert oder nachträglich Bakterien in die Stichstelle gelangten, kann es auch zu einer lokalen Entzündung kommen, die behandlungsbedürftig ist – wie bei jeder Verletzung oder jedem Mückenstich auch.

Da es sich bei MMRV um eine Lebendimpfung handelt, kann es im Laufe von 5-11 Tagen nach Impfung zu Fieber und Allgemeinsymptomen wie Gliederschmerzen, Ausschlag („Impfmasern“) oder Abgeschlagenheit kommen.

Das ist zwar nervig, aber im Gegensatz zu den echten Viruserkrankungen, gegen die geimpft wird, nicht gefährlich. Statistisch gesehen haben 98 Prozent aller Masernerkrankten den typischen Ausschlag und Fieber, nach der Impfung sehen wir diese Symptome in abgeschwächter Form bei ca. 3-5 Prozent aller Geimpften. Während bei den echten Masern bis zu 8 Prozent aller Erkrankten Kindern einen Fieberkrampf bekommen, sind es bei den geimpften weniger als 1 Prozent.

Eine Entzündung des Gehirns tritt bei bis zu 0,1 Prozent aller an Masern erkrankten Kindern auf, ähnlich hoch ist die Sterblichkeit bei Maserninfektionen (bis zu 1:1000).

Nach Impfungen werden Hirnentzündungen und andere lebensbedrohlichen Komplikationen nicht gesehen. Diese Unterschiede muss man sich immer vor Augen führen, wenn man eine individuelle Impfentscheidung für sein Kind treffen möchte – unabhängig von den möglichen Auswirkungen, die ein an Masern erkranktes Kind auf andere Kinder oder immungeschwächte in seiner Umgebung haben kann.

An den Gerüchten, dass die MMR-Impfung bei Kindern Autismus oder Allergien verursachen würde, ist nachweislich nichts dran.

Diese Fragestellungen wurden mittlerweile in zahlreichen internationalen Studien untersucht und es konnte kein Anhalt für einen Zusammenhang gefunden werden. Ganz im Gegenteil: statistisch scheinen geimpfte Kinder sogar niedrige Raten an Allergie zu haben als ungeimpfte, wobei eine Kausalität auch hier nicht nachgewiesen werden kann und dies auch nur eine zufällige Übereinstimmung sein kann.
Zudem wurde dem Urheber der Autismus-Angstmache mittlerweile aufgrund unlauterer wissenschaftlicher Vorgänge die Approbation entzogen und seine Positionen gründlich diskreditiert. Dennoch scheint sich das Autismusgerücht in manchen Kreisen hartnäckig zu halten, was aus Sicht von uns Kinderärzten sehr bedauerlich ist.

Mum & still me: Manche Kinder reagieren stark auf die Impfungen. Haben Sie Tipps, wie man negative Reaktionen im Rahmen der MMR Impfung vorbeugen kann, bzw. behandeln kann?

Dr. med. Alexander Rosen: Man sollte die Stichstelle desinfizieren und sauber halten, zum Beispiel durch ein Pflaster. Bis sich die Haut geschlossen hat, sollte man besser keinen Sand oder Dreck an die Stelle kommen lassen und auch nicht baden. Wenn das Kind Fieber oder Zeichen von „Impfmasern“ bekommt, bleibt einem nichts übrig, als so zu handeln, wie man auch bei anderen Virusekrankungen vorgeht: eine symptomatische Therapie mit körperlichen Schonung, ausreichender Trinkmenge und bei Bedarf zur Senkung des Fiebers Paracetamol, Ibuprofen oder lokale Anwendungen wie Wickel.

Niemand hat gerne ein krankes Kind zu Hause, aber zumindest muss man bei Fieber und Krankheitssymptomen nach einer Impfung keine Angst vor schwerwiegenden Komplikationen haben, wie das bei der echten Maserninfektion der Fall ist.

Es ist sehr bitter wenn man Eltern, die ihr Kind noch nicht impfen konnten und welches sich in der Krabbelgruppe mit Masern angesteckt hat, darüber aufklären muss, dass es eine nicht unerhebliche Chance gibt, dass das Kind eine lebensbedrohliche Entzündung des Gehirns oder neurologische Spätschädigungen durch Verkalkungen im Gehirn haben kann. Meistens dämmert es den Eltern dann erst, was für eine potentiell gefährliche Krankheit Masern eigentlich sind. Oft entscheiden wir uns bei solchen Fällen dann gemeinsam mit den Eltern für die Gabe von intravenösen Immunglobulinen, also einer aufgereinigten Mischung aus fremden Abwehrstoffen. Das ist zwar auch nicht ohne Risiko, aber deutlich weniger riskant als die möglichen Komplikationen der Maserninfektion.

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There are 4 comments

  1. Stefanie R

    Die fünffach bzw sechsfach Impfung später zu geben sehe ich kritisch da einige der zu Impfenden Erkrankungen besonders für kleine Säuglinge gefährlich sind, allen voran der Keuchhusten.
    Hierzu ist es für Schwangere möglich, sich im letzten Drittel der Schwangerschaft impfen zu lassen und die Babies so zu schützen. Sinnvoll ist es auch, vor allem natürlich wenn man später impft, den Impfschutz von Mama, Papa, Oma und Opa etc zu überprüfen und um eine Auffrischung zu bitten wenn die letzte Impfung (Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten) länger als fünf Jahre her ist.
    Nicht zu vergessen die Pneumokokken, ein extra Pieks, der die kleinsten von Lungen – und vor allem vor einer lebensgefährlichen Hirnhautentzündung schützen kann.

    Wenn die Kinder nur fünffach und nicht sechsfach geimpft sind ist es wichtig, vor der Pubertät die Hepatitis B Impfung nachzuholen, da die Krankheit zu den sexuell übertragbaren Krankheiten gehört.

  2. Stefanie

    Oh Entschuldigung, das wollte ich nicht aber das erste Mal kam eine Fehlermeldung. Bitte den ersten kürzeren Kommentar löschen.

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