Berlin den Berlinern?
Wie ich einmal zu laut wurde

18. Dezember 2018

Ich lebe seit 2012 in Berlin. Noch nie war ich Anfeindungen ausgesetzt, weil ich woanders herkomme. Bis heute.

Eigentlich war es eine ganz normale Situation an einem ganz normalen Abend. S-Bahnhof Schönhauser Allee, es ist etwa 18 Uhr und entsprechend ist viel los. Alle wollen schnell nach Hause, haben Hunger und sind müde. Auch wir sind unterwegs, meine Jungs und ich. Wir kommen von einem Kindergeburtstag.

Der Aufzug am S-Bahnhof hier ist nicht der Größte, aber es passen zwei Kinderwägen rein und ein paar Leute. Diesmal steht vor mir eine Frau mit einem Fahrrad, sonst niemand. Eigentlich kein Problem für eine Fuhre nach oben. Ich bitte sie, das Rad noch zwei Centimeter nach rechts zu schieben, bzw. das Schloss, das an ihrem Fahrradkorb hängt, ein Stückchen zu Seite zu machen. Sie tut das, grummelnd, wir passen alle easy in den Fahrstuhl.

An dieser Stelle könnte die Geschichte zu Ende sein.

Wir alle wären nach oben gezuckelt und von dort aus nach Hause gefahren. Stattdessen sagt sie zu mir: „In Heidelberg sind die Aufzüge größer.“

Ich verstehe sie erst nicht richtig und denke, sie meint, es müssten größere Fahrstühle gebaut werden. Lächelnd entgegne ich ihr, dass sie recht hat und der Fahrstuhl an unserer U-Bahn Haltestelle in Pankow demgegenüber riesig sei. Dann schüttelt sie den Kopf und sagt: „Nein ich meine in Schwaben oder Bayern oder wo auch immer ihr alle herkommt. Wenn ihr nicht da wärt, hätten wir genug Platz.“

Für einen Moment bin ich baff. War das ihr Ernst? Feindselig und kalt kam das. Berlin den Berlinern? Das kommt mir aus einem anderen Kontext nur allzu bekannt vor. Was ich ihr dann entgegne kommt als Kurzschlussreaktion, die ich bereue. „Nazi“, murmle ich. Ich weiß nicht mehr, was sie darauf sagte. Es war jedenfalls nichts positives. Ich sagte ihr, dass sie ja scheinbar wolle, dass jeder nur dort leben dürfte, wo er geboren wurde.

Was soll diese unsinnige Anfeindung?

Ich höre noch „bleibt doch einfach da, wo ihr herkommt“, sie sagt noch mehr, ihr erinnere mich nicht daran, dann öffnet sich die Aufzugtür, sie steigt auf ihr Rad und macht sich vom Acker.

Mein Herz springt mir fast aus der Brust, so schnell klopft es. Ich rufe ihr laut hinterher, bedenke sie mit einem Schimpfwort, das ich nicht verhindern kann „B*%#…tch, was soll das? Eine Mutter mit zwei Kindern ohne Not dumm anzumachen?! Es ist doch genug Platz für alle da!“

Ich merke – das war zu laut. Zu viel Schimpfwort. Die Leute gucken mich erschrocken an. Mein kleiner Großer hat Riesenaugen und die Finger im Mund. Das war falsch. Es nützt ja auch nichts, sie anzuschreien. Ich hätte sie nicht beschimpfen dürfen, hätte sie entweder mit Ironie schlagen müssen oder hätte sie fragen müssen, woher ihre Feindseligkeit kommt. Ich tröste mein Sommerkind, sage ihm, dass das falsch von mir war. Hinterher ist man immer schlauer. In dem Moment im Fahrstuhl aber, da rauschte mir das Blut vor Wut in den Ohren.

Wohnraum in Berlin? Mangelware

Klar, Gentrifizierung ist scheisse. Berlin ist zwar nicht die teuerste Großstadt in Deutschland, aber die Stadt mit den höchsten Mieterhöhungen. Veränderung ist etwas spannendes, großartiges für eine Stadt – Verdrängung hingegen lässt sie ausbluten. Ich finde es selbst ätzend, dass Wohnraum in Berlin für manche unerschwinglich geworden ist. Ich würde selbst auch gerne bezahlbarer wohnen. Aber das hat doch nichts damit zu tun, dass man sich gegenseitig anätzt? Gentrifizierung ist ein politisches Problem. Mietpreisbremse, Bestands- und Milieuschutz, wirksame Kontrollen. Darüber können wir reden. Aber sich alle, die nicht gebürtig aus der Hauptstadt kommen wegwünschen, das ist doch Quatsch.

Und dann ist da noch etwas: ich komme aus Bayern. Da macht man sich lustig über die Norddeutschen. Alle jenseits des Weißwurstäquators sind für Oberbayern „Preissn“, also Preußen. Wer Brötchen statt Semmel sagt, kriegt ein Paar hochgezogene Augenbrauen und ein „Bei uns hoast des Semmen“ entgegengeschleudert. Diese sture, ausgrenzende  Art hat mich seit jeher wahnsinnig gemacht. Aber es ist mir allemal lieber, als offene Feindseligkeit.

Was habe ich falsch gemacht?

Hätte ich keine Arbeit in diesem Bundesland annehmen dürfen? Meine Kinder nicht in Berlin zur Welt bringen dürfen? Dürfen wir arbeiten, aber nicht wohnen? Hätten wir kein Eigentum zur eigenen Nutzung erwerben dürfen? Wo doch die Mieten schon fast so hoch geworden sind, wie Zinsen bei der Bank?

Liebe Frau im Fahrstuhl, falls du das liest: es tut mir leid, dass ich dich beleidigt habe. Das war drüber und ich will mich dafür entschuldigen. Aber lass uns reden – woher kommt die Bitterkeit? Wieso hast du mich beschimpft? Vielleicht können wir dann nochmal von vorne anfangen?

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3 Comments

  • Reply Klaus 19. Dezember 2018 at 14:39

    ne bine, brötchen ist schon ganz richtig 😉

  • Reply Stefanie R. 19. Dezember 2018 at 20:13

    Puh, krass! Das finde ich wirklich heftig, also was du die Frau gesagt, gedacht, gemeint hat. Aber auch deine Reaktion hat mich überrascht, hätte ich dir nicht unbedingt zugetraut! Nimm das als Kompliment!
    Ich bekenne mich schuldig, auch oft über Preißn zu schimpfen, aber eher lustig gemeint. Ob das bei denen dann auch immer so ankommt, weiß ich aber natürlich nicht…
    Jedenfalls bin ich tatsächlich noch nicht oft auf die Idee gekommen, die Zuagroassten also die Zugezogenen nicht hier haben zu wollen. Eine meiner besten Freundinnen ist aus Sachsen! Viele nette Kollegen sind nicht von hier. Ist doch fein wenn sich die Leute bissal durch mischen!

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    Ich stimme zu.

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