Wie viel gebe ich preis?
Privatsphäre vs. Bloggerei

23. Februar 2019
Kinderfotos Privatsphäre

“Wie viel gebe ich preis?” fragte kürzlich Bella Berlin auf ihrem Instagram Kanal in die Runde. Vor kurzem schrieb sie sehr bewegend über ihre Erfahrungen in der Kindheit und Jugend, als sie so hart gemobbt wurde, dass sie ihr Mittagessen lieber versteckt auf der Toilette zu sich nahm. Auf den Beitrag hin bekam sie Mitleid, Bestärkung – wurde aber auch kritisiert. Sie lasse zu tief blicken. Immer wieder bekommt sie solche Nachrichten und doch weiß sie für sich, dass es sich richtig anfühlen muss, bestimmte Dinge öffentlich zu erzählen oder über ihre Kinder preis zu geben. Ich bin da ganz bei ihr.

Als Bella das Thema angestoßen hat (danke!), begann es auch bei mir zu rattern. Lange schon wollte ich euch erklären, wieso ich eigentlich die Gesichter meiner Kinder nie erkennbar zeige, wieso ihr ihre Namen nicht erfahrt. Ich würde es nämlich so gerne, eigentlich. Ich liebe meine Buben, bin jeden Tag voller Liebe und Staunen. Ich würde euch so gerne so viel zeigen! Stolz ihr strahlendes Lächeln mit euch teilen, ihre großen wunderschönen Augen. Lange habe ich gezögert, meine Gedanken dazu aufzuschreiben, weil es mir nicht darum geht die unter euch, die das anders handhaben, auf irgendeine Weise anzugreifen. Trotzdem brodelten die Worte schon lange im Hintergrund und wollten raus.

Wieso zeige ich meine Kinder nicht?

Je älter mein Sommerkind wird, je mehr sich seine Persönlichkeit festigt und formt, desto weniger konnte ich über ihn schreiben. Es fühlte sich zunehmend falsch an. Solange die Kleinen Babys waren, ging es viel um Grundbedürfnisse. Welche Hausmittel helfen bei Erkältung, wie gehe ich mit der ersten Autonomiephase um oder wie schlafen unsere Kinder. So Sachen. Trotzdem steckt auch immer ein Teil der Persönlichkeit meiner Kinder in meinen Texten. Wissenschaftlich neutral bin ich schließlich nicht. Aber es schien mir immer noch im Rahmen zu sein. Nicht zu nah an ihnen dran. Vielleicht war es trotzdem schon zu viel, auch was die Bilder angeht.

Gerade in diesen Tagen bin ich sehr selbstkritisch.

Vielleicht habt ihr mitbekommen, dass drei große Konzerne gerade ihre Werbung bei YouTube gestoppt haben, weil dort Pädophile sich vernetzt haben und Videos Minderjähriger gezielt untereinander geteilt haben. In Kommentaren zeigen sie sich mit genauen Minutenangaben, weile Szenen besonders “interessant” für sie sind. Dabei handelt es sich nicht um nackte Kinder oder irgendwie besonders kritische Szenen. Es sind einfach nur Kinder. Kinder, die tanzen. Kinder, die lachen. Die völlig unbedarft und naiv in dem Sumpf der digitalen Welt herumtreiben.

Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre

Das ist – natürlich – eine krasse, extreme Nebenwirkung der digitalen Präsenz. Aber davon unabhängig gibt es auch ganz andere Gründe dafür, die Kinder aus dem Blog und Instagram weitestgehend raus zu halten, bzw. genau zu prüfen, was online gehen kann und was nicht. Denn auch Kinder haben ein Recht am eigenen Bild. Spätestens ab 14 Jahren müssen wir sie defintiv fragen, ob sie damit einverstanden sind, dass Bilder von ihnen im Netz geteilt werden – soweit die Rechtslage. Doch auch vorher haben wir große Verantwortung. Das Deutsche Kinderhilfswerk warnt davor, das Persönlichkeitsrecht unserer Kinder zu verletzen. Wir sollten immer auch die langfristigen Wirkungen unserer Fotos im Kopf haben. Fotos oder Videos, auf denen die Kinder bloß gestellt werden oder die ihnen später peinlich sein könnten, haben im Internet nichts verloren. Wird ein Foto einmal gepostet, ist es schwer, es wieder zu löschen und alle digitalen Spuren zu vernichten.Eine Hilfestellung zum Umgang mit Kinderfotos im Netz hat das Kinderhilfswerk zur Verfügung gestellt.

Aber – wo ist die Grenze?

Das auszuloten, ist bei jedem einzelnen Post eine ernsthafte Aufgabe. Die meisten Eltern, die ich kenne, nehmen diese Aufgabe sehr ernst und interpretieren die daraus zu ziehenden Schlüsse für sich anders. Manche zeigen ihre Kids, in respektvollen und wunderschönen Fotos. Manche nennen deren Namen, weil es für sie richtig ist und sie die damit verbundenen Posts nicht als negativ empfinden. Ich selbst habe mich dazu entschieden, keine Namen und keine Gesichter zu zeigen – selbst so bin ich manches mal unschlüssig und poste lieber einmal weniger als einmal zu viel. Wichtig bei alledem ist vielleicht vor allem, mögliche Folgen im Hinterkopf zu behalten und zu reflektieren.

Wie viel gebe ich preis?

Mein Blog ist persönlich. Das liegt in der Natur der Sache. Ich habe über meine Schwangerschaften geschrieben, meine Geburten nacherzählt und über mein Tief nach der Geburt geschrieben. Die Artikel lassen sehr tief in meine Seele blicken. Aber – eben nur in meine Seele.

Es ist mein Blog – nicht der meines Partners oder der meiner Kinder.

Das zu trennen ist nicht immer ganz klar und easy möglich, aber ich versuche es umzusetzen. Ob es mir immer so gelingt? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, wie es mit meinem Blog weiter gehen kann, wenn ich immer weniger über meine Kinder schreiben kann und will, je älter sie werden. Aber schließlich geht es mir ja vor allem um meine veränderte Rolle als Mutter, um das neue Selbstbild, neue Aufgaben und Anforderungen und den inneren Widerstreit mit dem, was mich vorher ausgemacht hat und inwiefern sich das verändern muss oder auch nicht. Ich weiß schon jetzt: jede Phase, die meine Kinder und wir durchlaufen, ändert auch das alles immer wieder aufs Neue.

Erzählt mir – wie geht ihr mit Privatsphäre im Netz um? Welche Fotos zeigt ihr? Worüber schreibt ihr? Wie öffentlich macht ihr das alles?

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