Kaffeeklatsch
Glücklich sein ist so nicht lame

23. Oktober 2019

Stundenlang saßen wir da, als Studis. Eine Kanne Kaffee nach der anderen blubberte in der Filtermaschine vor sich hin. Vor uns ein Päckchen abgepackter Marmorkuchen. Wir haben geredet. Über unsere Sorgen, über Liebeskummer und vergeigte Prüfungen. Über die Party am Donnerstag. Wir hatten so viel Zeit. Und so viel Aufregung.

Es war einmal…

Jetzt ist das Leben anders. Weniger aufregend im Studentinnen-Sinne. Was fehlt, ist Zeit. Ich rase atemlos durch meine Woche. Schweinsgalopp. Aufstehen, ab ins Bad, Kids fertig machen, aufs Fahrrad. Pedale Pedale Pedale, ankommen. Rechner an, Kaffeemaschine an. Hirn fokussieren. Zweiter Kaffee. Ich wollte früh gehen. Schaffe es kaum mich los zu reißen. Ich will alles geben, kann es nicht. Muss los. Aufs Fahrrad. Schnellschnellschnell. Dann: großes Glück, Erde an meiner Hose, Rotznäschen in meiner Halsbeuge vergraben. Tausend Küsse. Einkaufen gehen. Hoffentlich ohne Krisen, dafür Brötchen in die klebrigen Händchen drücken. Wieder aufs Fahrrad. Schnell nach Hause. Langsam wird es dunkel. Die Kinder toben noch im Hof, ich packe die Einkäufe aus, lege ab, spüre erste Erschöpfung im meine Glieder kriechen. Keine Zeit: Abendessen! Also Essen, dann noch gemeinsam lesen, kuscheln, spielen. Zähne putzen, Schlafanzüge an… Dann wird es ruhig.

Habe ich heute noch was vor? Jetzt beginnt der nächste Teil meines Arbeitstages: Telefonkonferenzen mit Grünen oder Parents for Future. Textarbeit. Auswärtige Sitzungen (dann wieder losloslos). Oder einfach mal Yoga oder Bouldern. Oder duschen. Oder Zeit für Partnerschaft oder Freundinnen.

So ist mein Leben jetzt.

Das klingt irgendwie… voll. Aber ich bin glücklich. Ich mag das so. Mein Leben ist ausgefüllt mit Familienliebe, mit Engagement, mit Kreativität. 

Kürzlich im Gespräch mit Freundinnen dachte ich daran. Und auf die Frage, wie es mir gehe, fiel mir nur „gut“ ein. Weil, es ist ja gut. Alles gut, antworte ich also.

Denke im ersten Impuls, alle weiteren Details würden meine Freundinnen langweilen. Zögere, weiter zu erzählen, weil ich ihnen das Komplizierte einerseits und das Alltagszeugs andererseits ersparen will. 

Freundschaft <3

Freundschaft

Aber sofort kommen Nachfragen. Wir quatschen wieder, füllen den Abend (Für Kaffeeklatsch habe ich kaum noch Zeit. Eher ein Gläschen Vino, mal.) mit Gelächter, tiefen Gedanken, guten Fragen. Haben neue Themen, neue Sorgen und Gedanken, auch wenn ich mich angekommen fühle und alles nicht mehr so fragil ist. Sitzen da, wie früher. Stundenlang, wenn es geht. Wir sind ruhiger geworden, bedachter. Es gibt immer noch große Meilenstein Themen.

Ich merke auch selbst umgekehrt: mich interessieren eben nicht nur die Dramen, die Umbrüche, die Krisen.

Am Leben meiner Freundinnen interessiert mich auch das Kleine.

Was es zu Essen gab. Was sie heute froh gemacht hat. Ob die Kinder gut geschlafen haben. Ob meine Freundinnen einen neuen Sportkurs angefangen haben. Ihr wisst, was ich meine.

Glücklich sein ist nicht lame. Das Leben ist fordernd genug. Je weniger Aufregung on top, desto mehr Ressourcen für andere wichtige Baustellen, die uns der Alltag eben so beschert. Die Geschichten mögen jetzt andere sein. Unsere Gespräche bleiben tief und wertvoll.

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