Immer nie genug.

5. November 2019

Es war wieder so ein Tag. Gegliedert in morgendliche Hektik, vollen Bürotag und Kindernachmittag – spät erst, weil ich erst später aus der Arbeit los kam, als geplant. Jetzt ist im Haus Ruhe eingekehrt. Ich warte noch ganz kurz, lege mich für fünf Minuten auf unser sabberfleckiges Samtsofa. Dazu am Rande: Leute, lernt aus meiner Dummheit und holt euch kein Samtsofa, wenn ihr Säuglinge oder kleine Kinder zu Hause habt. Die Flecken kriegt ihr nie wieder raus. Jedenfalls liege ich da und die Müdigkeit kriegt wie ein dunkler Geist aus Stranger Things langsam und schier unaufhaltsam in meine Knochen und Glieder. Aber nichts da. Jetzt wartet nämlich noch etwas auf mich, was mir sehr wichtig ist. Ich will heute Abend endlich noch einmal zu einem Thema für Mummy Mag recherchieren, das ist nicht ganz ohne und ich will ordentlich in die Materie einsteigen, bevor ich euch was zusammen texte.

Ich bin so so erschöpft, aber es muss heute sein. Weil morgen bin ich bei der Kreismitgliederversammlung der Grünen in Pankow. Erst seit Kurzem bin ich dort gemeldet, vorher hing ich noch lange an meinem Kreisverband in Traunstein, Bayern. Weil ich aber ja nun schon seit 2012 in Berlin lebe, war ich seitdem stilles und passives Mitglied.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir am besten etwas in Bewegung setzen können, wenn wir uns parteipolitisch einsetzen – schließlich leben wir systemisch in einer parlamentarischen Demokratie.

Weil ich aber auch glaube, dass es mutige und laute NGOs braucht, die den Parteien immer mal wieder in den Hintern treten, mache ich auch bei Parents for Future mit. Manchmal denke ich, es ist alles ein bisschen viel. Vor allem dann, wenn mich das Gefühl überkommt, ich wäre in jedem dieser Bereiche nur ein bisschen aktiv, nirgends richtig zu hundert Prozent. Wenn ich das Gefühl bekomme, ich mache immer nie genug.

Ich würde so gerne noch mehr tun

Ich würde mich so gerne noch mehr einsetzen. Bei Parents zum Beispiel regelmäßig an der wöchentlichen Telefonkonferenz teilnehmen oder zu den Treffen gehen. In mir brodelt es. Ich habe so viel Energie und fühle mich so, als wäre ich mit meinem Engagement erst am Anfang. Manchmal.

Nicht jetzt. Schwerfällig habe ich mich vom Sofa rüber zum Tisch gehievt. Jetzt sitze ich mit einer dampfenden Tasse Tee am Laptop und schweife gedanklich ab, von dem Thema mit dem ich mich eigentlich gerade befassen wollte (es geht darum, wie ein Leben ohne CO2 realistisch aussehen könnte). Mummy Mag ist auch so ein Beispiel. Ich liebe die Arbeit, politische Themen für das Blogmagazin aufzubereiten. Aber gerade erst musste ich meine Frequenz von zwei- auf einmal im Monat runterschrauben. Mir fehlt einfach die Zeit.

Ich will das Alles so

Mein Problem ist aber nicht die Überlastung. Ich will nichts davon missen. Ich mag die Leute so gerne, mit denen ich mich einsetze. Zuversicht und Hoffnung schleichen sich bei mir ein, dass eine andere Welt möglich ist, wenn ich auf die kleinen Erfolge blicke. Einer davon? Die Petition, bei der so viele von euch unterstützt haben, andere vielleicht zum ersten Mal mit dem Thema Klimaschutz so richtig in Berührung kamen. Ein anderer Erfolg: ich durfte Teil der Schreibgruppe sein, die für die Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen einen Klimaschutz Antrag entworfen hat, der es in sich hat. „Radikal realistisch“ zitierte die Presse den Text. Auch wenn im Grunde niemand weiß, dass ich dazu einen kleinen Beitrag leisten durfte – egal. Hauptsache die Grünen kriegen das nötige Update, was ihre/unsere Parteipositionen angeht.

Trotzdem belastet es mich manchmal, dass ich nicht für eine Sache alles geben kann, weil ich auf so vielen Hochzeiten tanze. Ob ich auch vielleicht in Sachen Kinder mehr geben müsste. Mehr Basteln, mehr Ausflüge, mehr Bespaßung. Ob ich bei Kita Events bei beisteuern müsste als abgepackte Salzbrezeln, weil ich gerade keine Zeit habe. Klar, die Nachmittage gehören meinen Buben. Nebst Einkäufen, Hausarbeiten und Co. Aber Zeit für besondere Aktionen bleibt echt kaum. Ich glaube für sie ist es okay, sie kennen es ja nicht anders. Ich hoffe es.

Immer nie genug. Weit weg, von einer perfekten Hausfrau. Keine Vollzeitbloggerin. Keine Karrierefrau. Kein Politpromi. Keine Vollblutaktivistin. Das denke ich manchmal.

Dann schaue ich auf das, was ich mache. Vielleicht muss man gar nicht alles geben. Vielleicht denkt niemand so streng über mich, wie ich selbst. Diese Achtsamkeitsmenschen empfehlen ja: denke so über dich, wie du über eine Freundin denken würdest. Es könnte sein, dass es genau diese Milde mir selbst gegenüber ist, die mir manchmal fehlt. Ja, klar, da geht noch mehr. Ich könnte engagierter sein, sportlicher, vertiefter in ein Fachgebiet. Aber ob es mir dann gut gehen würde, das wage ich zu bezweifeln. Vielleicht ist das „nicht genug“ in Wirklichkeit genau das Richtige.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

Ich stimme zu.

*