Weihnachten
Wie schafft man Erinnerungen?

6. Dezember 2019

Seit ich mich erinnern kann, lief bei uns zuhause Weihnachten immer gleich. Es war eine Zeit des Zaubers, voller Plätzchenduft, warmen Kerzenschein und klirrend knirschendem Schnee. An Heiligabend der Tag, der sich bis zur Bescherung immer ewig zog, in meinem Kinderköpfchen. Nie werde ich diese Weihnachtsfeste vergessen, immer trage ich sie als etwas ganz Besonderes in meinem Herzen. Jetzt habe ich selbst zwei kleine Kinder und stehe vor der Herausforderung, für sie neue Rituale zu schaffen, an die sie sich später hoffentlich auch positiv erinnern werden.

Neue Traditionen

Ich würde gerne so viel mehr geben, mehr backen, mehr basteln und Geschichten erzählen und frage mich, ob der Zauber der Adventszeit für sie überhaupt spürbar ist, angesichts unseres vollen Alltags. Dazu kommt, dass wir andere Traditionen aus unseren Herkunftsbundesländern mitgebracht haben, als sie her in Berlin gefeiert werden. Einen Weihnachtsmann gab es bei uns nie. Stattdessen am Nikolausabend des Nikolaus mit Bischofsmütze und an seiner Seite den gruseligen Kramperl (der das eine oder ander Mal auch draußen vor der Tür warten musste, weil wir Kinder uns zu sehr vor ihm fürchteten). Den Tannenbaum übrigens holten wir erst am 23. Dezember n die Stube, schmückten in auch erst dann oder spätestens am 24. Dezember, nicht vorher. An Heiligabend brachte das Christkind die Geschenke im Verborgenen und läutete mit dem Glöckchen, wenn wir eintreten durften. So war das bei uns und vieles davon bedeutet mir sehr viel und ist mir auch symbolisch so wichtig, dass ich es genau so weiter vorleben möchte.

Info: Ab wann erinnern sich Kinder? Ab wann beginnen Kinder, Erinnerungen abzuspeichern? Bislang dachte ich, dass wir uns erst ab drei Jahren erinnern können, an das, was zuvor geschah. Fragt ihr aber euer dreijähriges Kind, werdet ihr feststellen, dass es durchaus Erinnerungen an vorherige Erlebnisse hat. Das große Vergessen setzt laut Studien um das siebte Lebensjahr herum ein. Dafür gibt es sogar einen eigenen Begriff: Kindheitsamnesie. Scheinbar hängt das Vergessen mit der Sprachentwicklung von Kindern zusammen. „Während wir uns Erlebnisse vorher anhand von Bildern, Handlungen oder Gefühlen gemerkt haben, speichern wir sie nun zunehmend in sprachlicher Form. Das könnte den Abruf von nichtsprachlichen Gedächtnisspuren erschweren.“ (vgl. https://www.spektrum.de/) Das heißt trotzdem im Umkehrschluss nicht, dass die ersten Lebensjahre nicht so wichtig sind. In dieser sensiblen Zeit wird das Urvertrauen (vgl. Stufenmodell nach Erikson) gebildet, also eine tiefe Sicherheit geborgen, sicher und versorgt zu sein. Tiefe Traumata aus dieser Zeit können noch lange nachhallen, auch wenn wir heute nicht mehr wissen, was genau eigentlich in der frühen Kindheit geschehen ist.

Weihnachtsmann oder Nikolaus?

Gerade jetzt standen wir wieder einmal vor dem „Problem“: auf dem Kita Fest spielte eine Erzieherin liebevoll einen verkleideten Weihnachtsmann, der den Kindern Mandarinen und Schoki geschenkt hat. Der Kleinste wurde panisch und schrie die ganze Kita zusammen, der ältere Bruder tröstete ihn: „Du musst doch keine Angst haben, das ist nur ein verkleideter, lieber Mann, der sich anhört wie unsere Erzieherin.“ So ähnlich erzählten wir es ihm nämlich auf seine kritischen Nachfragen hin: ist der Bart echt? Und ist der Weihnachtsmann der Nikolaus? Und wieso kommt der zweimal (im Falle unserer Kita kommt er sogar noch einmal, beim Weihnachtsfrühstück vor der Schließzeit)? Meine Lösung war da tatsächlich nur zu sagen: der Weihnachtsmann ist ein lieber Mensch, der sich in der Weihnachtszeit verkleidet und Kindern eine Freude machen möchte. Ein bisschen Magie und Glauben wollten wir den Kindern aber erhalten. Der Nikolaus zum Beispiel, sei jemand ganz anderes. Der komme meist abends vorbei, oder aber er legt nachts etwas in die sauber geputzten Schuhe. Hier haben wir uns den Traditionen dieser Stadt notgedrungen angepasst. Aber immerhin können wir so trotzdem die Erzählung vom Nikolaus mundgerecht abgewandelt einbringen.

Wir geben unser Bestes, schmücken die Wohnung, singen zusammen Weihnachtslieder und backen ab und zu Plätzchen, so wie es auch früher bei uns selbst war. Ich würde das gerne noch mehr machen, würde gerne viel mehr basteln. Aber es ist gerade nicht die Zeit dafür. Mein Trost ist: meine Kinder haben ja nicht den Vergleich. Für sie reicht vielleicht das, was wir ihnen geben. Ihr Augen funkelten heute morgen vor Aufregung, als wir vor der Haustüre nach den Stiefelchen geschaut haben. Das eine Mal Plätzchen backen, das wir bisher hingekriegt haben, ist noch in bester und fröhlicher Erinnerung. Ich will weiter alles dafür geben, dass die kleinen Jungs die Weihnachtszeit immer mit einer wunderschönen Phase in Verbindung bringen werden. Es sind dann halt andere Erinnerungen, als meine. Anders. Aber deshalb nicht weniger schön.

Die Legende vom Heiligen Nikolaus von Myra (Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_von_Myra : Ein armer Mann beabsichtigte, seine drei Töchter zu verkaufen, weil er zu wenig Geld hatte um sie standesgemäß zu verheiraten zu können. Nikolaus, noch nicht Bischof und Erbe eines größeren Vermögens, erfuhr von der Notlage und warf in drei aufeinander folgenden Nächten je einen großen Goldklumpen durch das Fenster des Zimmers der drei Jungfrauen. In der dritten Nacht gelang es dem Vater, Nikolaus zu entdecken, ihn nach seinem Namen zu fragen und ihm dafür zu danken.

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