Geschwisterkindern gerecht werden

10. Januar 2020
Geschwister beim Basteln

Zwei Jahre nun sind wir schon zu viert. Zwei Jahre voller Wäscheberge, schlafloser Nächte, vor allem aber zwei Jahre voller Staunen und Liebe. Wie das Leben mit zwei Kindern sich so anfühlt, habe ich hier geschrieben. Für mich ist, neben der explodierenden Hausarbeit, eine der größten Herausforderungen, meinen Kindern gerecht zu werden. Beziehungsweise die Grenzen meiner möglichen Zuwendung anzuerkennen.

Geschwisterkindern gerecht werden – Bedürfnisse anerkennen

Bevor wir uns anschauen, welche Tipps es gibt, um auch zwei Kindern halbwegs gerecht zu werden, lohnt es sich erst einmal genauer zu analysieren: wer sind meine Kinder eigentlich? Also, so richtig. Mir hat dabei Remo H. Largos Buch „Kinderjahre“ (gibts zum Beispiel hier: Kinderjahre: Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung / Partnerlink) die Augen geöffnet.

Er stellt darin klar, dass jedes Kind vollkommen einzigartig und individuell ist und unterschiedlich stark ausgeprägte Fähigkeiten und Bedürfnisse mitbringt, deren Grundlage schon von Geburt an besteht. Durch Erfahrungen differenzieren sich Eigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltensweisen immer weiter aus oder verändern sich. Aber es gibt trotzdem ein angeborenes Entwicklungspotenzial, über das hinaus sich ein Kind „selbst unter optimalen Lebensbedingungen nicht“ entwickeln kann. Kinder sind eben keine formbaren Tonklumpen, sondern bringen ein Set an Fähigkeiten und aber auch eigenen Interessen mit. Wie verschiedenen diese Fähigkeiten und Interessen selbst unter Geschwisterkindern sind, zeigt diese einfache Rechnung:

„Bei der Zeugung erhält das Kind je 23 Chromosomen von Mutter und Vater. Diese 46 Chromosomen sind jedoch nicht mehr identisch mit denjenigen von Mutter und Vater. Bei der sexuellen Fortpflanzung werden die Genkomplexe auf den Chromosomen durch die sogenannte Reduktionsteilung (…) neu zusammengestellt (…). So können sich bei Mutter und Vater je 8,39 Millionen verschiedene Keimzellen ausbilden. Wenn Ei und Spermium bei der Befruchtung miteinander verschmelzen, ergeben sich daraus 35 Milliarden Kombinationsmöglichkeiten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elternpaar 2 identische Nachkommen zeugt, ist daher äußerst gering.“ (Remo H. Largo, 2019: Kinderjahre, S. 73)

Geschwisterkindern gerecht werden

Sprich: so wie jedes Kind, sind auch Geschwister untereinander verschieden in ihrer Veranlagung und damit in Bedürfnissen. Braucht Kind A vielleicht viel Zuwendung und Kuschelzeit, will sich Kind B vielleicht lieber alleine entfalten und braucht weniger Nähe. Dabei unterscheidet Largo sechs Grundbedürfnisse (vgl. Remo H. Largo, 2019: Kinderjahre: S. 112):

  • Existenzielle Sicherheit
  • Körperliche Integrität
  • Geborgenheit
  • Soziale Anerkennung
  • Selbstentfaltung
  • Leistung

Mit Blick auf diese Bedürfnisse können wir unsere Kinder besser verstehen und ihre Eigenschaften einordnen, ohne in Schubladendenken zu verfallen. Largo empfiehlt deshalb, entlang dieser Bedürfnisse ein individuelles Profil anzulegen. Ob ihr das nun entlang des Prinzips aus Largos Buch macht, oder ihr euch die Kinder einfach genau anschaut und überlegt, was ihnen wichtig ist und wie ihr dazu beitragen könnt, die Bedürfnisse zu erfüllen, ist vielleicht erstmal zweitrangig. Ich glaube vielmehr, dass es schon genügt, sich sein Kind überhaupt erstmal bewusst anzuschauen. Die Aufteilung entlang von Grundbedürfnissen fand ich aber hilfreich und spannend (mehr dazu eben im Buch Kinderjahre).

Jedes Kind ist einzigartig, mit meinen Kindern am Chiemsee

Geschwisterkinder vergleichen? Nur ohne zu werten

Vor Kurzem beim Kinderarzt ist es mir selbst passiert. Der Arzt meinte, mein Winterkind sei ja sehr sensibel. Ich hingegen hatte das als Eigenschaft „im Vergleich“ immer eher meinem großen Sommerkind zu geschrieben. Dabei stimmt es ja, beide meine Söhne sind auf ihre Art sehr empfänglich für Stimmungen und Emotionen, sind sozial sehr aufmerksam. Seit der Kleine geboren war, konnte ich nicht anders, als immer wieder zu vergleichen: so war das damals, als das Sommerkind soundsoalt war. Nur um festzustellen: vieles läuft jetzt ganz anders. Auf Instagram kritisierte eine Leserin einmal: dieses ewige Vergleichen, das sei doch Mist. Ich verstand ihren Punkt: Durch das Vergleichen machen wir vielleicht so manches Mal Schubladen auf, die so abgegrenzt sind, dass Grauzonen hinten runter fallen. Im schlimmsten Falle werten wir (unbewusst) durch unsere Äußerungen sogar. Trotzdem finde ich Vergleiche okay, solange sie voller Wertschätzung geschehen – solange die Kinder davon nichts mitbekommen. Ich zum Beispiel liebe es, ab und zu zu gucken, wie mein Großer aussah, als er so alt war, wie der kleine Bruder jetzt. Der Vergleich erst macht es zum Teil ja auch möglich einzuordnen, welche Bedürfnisse bei meinem Kind anders oder besonders hoch ausgeprägt sind. Mit Vergleichen meine ich eben nicht, den Kindern gegenüber zu kommunizieren, was das Geschwisterchen besser macht oder nicht. Ganz zu recht schreibt etwa Nathalie Klüver in in ihrem Ratgeber „Willkommen Geschwisterchen“ (Partnerlink):

„Wir Eltern sollten unsere Kinder nie gegeneinander ausspielen. Jedes Kind hat sein eigenes Entwicklungstempo, das Sie ihm zugestehen sollten.“

Geschwisterkinder

Tipps um beiden Kindern gerecht zu werden

Unsere Kinder fordern uns also auf ihre ganz eigene Art. Wollen wir ihnen gerecht werden, müssen wir uns ihre Bedürfnisse individuell anschauen. Vergleiche unter den Kindern sollten wir lieber lassen, wenn wir unter den Geschwistern keine Eifersucht und Rivalität sähen wollen. Das soweit als Grundlage. Wie aber klappt das in der Praxis? Folgende Dinge fand ich für unser Familienleben sehr hilfreich und wichtig:

  • Wir können uns nicht zerreißen. Will das Baby gestillt werden, dann ist es tatsächlich so: wir werden dem Geschwisterkind in diesen Minuten nicht gerecht, wenn es gerade einen Turm aus Bauklötzchen bauen will oder etwas zeigen möchte. Das müssen wir anerkennen – ich bin der Überzeugung, es hat es auch ein Gutes, wenn die Kinder jeweils lernen: jetzt ist jemand anderes dran, warte bitte einen Moment. Während des Stillens kann man aber auch das Geschwisterkind kuscheln oder ihm etwas vorlesen, wenn es das möchte.
  • Die Situationen, sich eben nicht um die Bedürfnisse beider Kinder gleichzeitig kümmern zu können, treten im Familienleben aber auch unabhängig vom Stillen auf. Ich versuche es den Geschwistern, die warten müssen, auf Augenhöhe (das meine ich wörtlich: ich beuge mich gerne wenn es geht auf Sichthöhe der Kinder herunter und schaue ihnen in die Augen) zu erklären. „Warte bitte, ich möchte deinem Bruder ein Brot schmieren, dann kann ich dich auf den Arm nehmen.“ Zum Beispiel.
  • Ich nehme mir Auszeiten für nur eines der beiden Kinder. Wir unternehmen dann auch einmal exklusiv zu zweit etwas. Ich erlebe das jeweilige Kind dann viel intensiver, oft ist die Stimmung dann sehr entspannt. Mich freut es dann besonders, wenn das Kind in der Zeit auch nach seinem Geschwisterchen fragt und sich auf das Wiedersehen zu freuen scheint.
  • Gerade die Großen müssen bei der Geburt eines Babys viel zurück stecken. Nathalie Klüver empfiehlt in „Willkommen Geschwisterchen“ deshalb, die älteren Kinder in die Säuglingspflege einzubinden und bewusst darauf zu achten, auch den großen Kindern Nähe durch körperliche Gesten zu vermitteln.
  • Will das große Kind unbedingt auf den Spielplatz, das kleine zuhause ein Buch lesen, teilen wir uns als Eltern auf. Wenn das nicht geht, ist vor allem das Sommerkind mit 4,5 Jahren im Alter zu klären, inwiefern ein Kompromiss gefunden werden kann. Wir gehen zum Spielplatz, dafür schauen wir auf dem Weg bei der Baustelle vorbei, die der Kleine so gerne beobachtet. Nur zum Beispiel.
  • Zwei Kindern, also zwei eigenständigen Menschlein gerecht zu werden, das zieht Kraft. Deshalb ist es mir wichtig, auch auf Ruhezeiten zu achten und mir als Mutter Freiräume zu behalten. Auch die Mittagspause, die der Kleine noch zum Schlafen nutzt, war früher Kraftzeit für mich. Da aber der Große schon lange tagsüber nicht mehr schlafen mag, ist es unsere „Ruhezeit“. Wir gucken zusammen Bücher, er puzzelt ein bisschen, ich döse auch mal auf dem Sofa vor mich hin und der Große hört ein bisschen Hörbuch.

Gerecht werden, das heißt für mich nicht übersetzt, sich vollkommen aufzuopfern. Sondern zu schauen: geht es meinen Kindern so, wie wir gerade leben und unseren Alltag gestalten gut? Findet jeder seinen Platz? Kann sich das Kind entlang seiner Bedürfnisse entwickeln und bleibt genug Raum für Ruhe und Geborgenheit? Aber eben auch vorzuleben, dass manchmal Geduld gefragt ist.

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