Cybergrooming, Stalking und Co: Wie wir unsere Kinder am besten schützen
Interview mit Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger

31. Januar 2020
Kind mit Tablet / Cybergrooming

Uff, harter Tobak. Aber wichtig. Nach meinem Interview zu Cybergrooming und Co. mit Cyberkriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger war mir erstmal mulmig. Sofort habe ich die letzten Bilder durchgesehen, auf denen meine Kinder – wenn auch nur verdeckt – zu sehen waren. Was im Netz jeden Tag passiert, das will man am liebsten gar nicht wissen. Als Eltern ist es aber unsere Pflicht, uns über den ganzen Mist zu informieren und unsere Kinder zu schützen.

„Letztlich wurde das Internet von Erwachsenen für Erwachsene geschaffen, Sicherheitsaspekte von Kindern spielten dabei keine Rolle. Dies muss die Gesellschaft jetzt auffangen“, ist auch die Meinung von Thomas-Gabriel Rüdiger.

Also. Be prepared für leichte Übelkeit und schlechte Gedanken – aber mehr Wissen. Ich danke dem Cyberkriminologen von Herzen für seine Arbeit und sein stetiges Aufklären…

Cyberkriminologe Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger
Thomas-Gabriel Rüdiger

Mum & still me: Sie sind Kriminologe, also Wissenschaftler im Polizeidienst. Was genau machen Sie?

Thomas-Gabriel Rüdiger: Genau genommen bin ich sogar Cyberkriminologe und war davor Polizeihauptkommissar. Das ist tatsächlich auch ein Unterschied. Als Polizist ist es letztlich die Aufgabe Straftaten und Straftäter zu verfolgen, als Cyberkriminologe erforsche ich hingegen die Ursachen und Auswirkungen von digitalen Delikten aber auch Aspekte wie die Frage, warum im digitalen Raum das Gefühl einer Rechtsfreiheit entstanden ist. Dazu veröffentliche ich Fachpublikationen, unterrichte an meiner Hochschule junge Polizeianwärter und bin regelmäßig als Referent auf Fachveranstaltungen unterwegs oder werde auch als Experte in einen Landtag oder dem Bundestag geladen. Langfristig versuche ich mit meiner Arbeit auch die Cyberkriminologie im deutschsprachigen Raum zu etablieren.  

Das Gefühl einer Rechtsfreiheit…

Mum & still me: Mitte Januar diesen Jahres hat der Bundestag abgestimmt, dass Ermittler*innen mit Fake-Bildern und -Videos von Missbrauch an Minderjährigen mögliche Täter*innen überführen dürfen. Was ist Ihre Meinung dazu? Ist das hilfreich?

Thomas-Gabriel Rüdiger: Das ist auf jedenfall ein Thema, dass die Gesellschaft kontrovers diskutieren sollte, da es gute Argumente für und gegen die Einführung gab. Ich selbst bin aber der Meinung, dass das ein nützliches Instrument sein kann, um wirklich schwerste sexuelle Missbrauchsfälle von Kindern aufzuklären und die pädokriminelle Szene massiv zu verunsichern. Aus meiner Sicht überwiegen die Vorteile gegenüber den nachvollziehbaren ehtischen Bedenken – vor allem da ja kein Kind in irgendeiner Form geschädigt wird, es dabei hilft auch Opfer ausfindig zu machen und damit zu schützen.

Mum & still me: Wie viele solche Straftaten lassen sich tatsächlich bislang aufklären?

Thomas-Gabriel Rüdiger: Sie müssen es so sehen, es gibt im Prinzip keine Deliktsform die nicht auch irgendwie über das Tatmittel Internet begangen werden kann. Das lässt sich daher so absolut kaum sagen, da man die Delikte nicht zusammen betrachten kann. Eine Beleidigung ist ein ganz anderes Delikt, als beispielsweise Cybergrooming, Sextortion oder auch ein Angriff mit Ransomware. Wir unterscheiden hier allgemein zwischen sog. Cybercrime im engeren Sinne – dass sind tatsächlich klassische Computerdelikte wie Computerbetrug oder auch den Einsatz von Malware – und Cybercrime im weiteren Sinne – das sind im Prinzip alle Delikte bei denen das Internet eine Rolle spielt. Letzteres reicht von einer Beleidigung über Whatsapp, über Volksverhetzung im Internet bis Cybergrooming. 

Dabei kann man vereinfacht sagen, dass die Aufklärung von Cybercrime im engeren traditionell schwieriger ist als die von Cybercrime im weiteren Sinne. Das liegt einfach daran, dass hier fast immer irgendeine Form von zwischenmenschlicher Interaktion stattgefunden hat, die dann wiederum gute Ansätze für Ermittlungen liefern. Beispielsweise hat Cybergrooming – also die onlinebasierte Anbahnung des sexuellen Kindesmissbrauchs – eine Aufklärungsquote von stetig über 80 Prozent. 

Tägliche Kriminalitätserfahrung als Normalität

Mum & still me: Ist die Polizei ausreichend ausgestattet, um im digitalen Raum Missbrauch aufzudecken? 

Thomas-Gabriel Rüdiger: Die gesamte Struktur der Polizeiarbeit ist kaum auf den digitalen Raum vorbereitet. So kann die hohe Aufklärungsquote aus kriminologischer Sicht auch nachteilhaftig ausgelegt werden. Nämlich, dass die Täter offenbar nur eine so geringe Angst vor Strafverfolgung haben, dass sie kaum Maßnahmen beitreiben um die Strafverfolgung zu behindern. Hintergrund ist tatsächlich, dass die Wahrscheinlichkeit für ein digitales Delikt überhaupt angezeigt zu werden, signifikant niedriger ist als bei Delikten, die im physischen Raum begangen werden.

Ich spreche in dem Zusammenhang einerseits von einem Broken Web Phänomen und anderseits von einer digitalen Kriminalitätstransparenz.

Das bedeutet, dass Menschen täglich Kriminalität im digitalen Raum als Normalität wahrnehmen, bspw. die täglichen Phishing Emails, die letztlich versuchte Betrugsdelikte darstellen können. Diese tägliche Kriminalitätserfahrung wird als Normalität wahrgenommen. Gerade die sichtbare Wahrnahme von Kriminalität – beispielsweise beleidigende oder volksverhetzende Kommentare, aber auch sexuelle Belästigungen von Kindern – zeigt Menschen zudem, dass das Risiko im Netz offenbar gering ist eine Strafverfolgung zu erleben. Dies führt zur Senkung der Hemmschwelle und damit zu weiteren Delikte, das beschreibe ich als Broken Web Phänomen. Ein Problem ist, dass es an sichtbarer Normenkontrolle mangelt. Im Straßenverkehr kann man immer wieder erleben, wie Menschen sich normentreuer verhalten, wenn Sie die Polizei auch nur zufällig wahrnehmen. Im Netz nimmt man die Polizei so gut wie gar nicht wahr. 
Das Problem hierbei ist ja auch, dass eine Polizei und auch das Strafrecht aus einem einzelnen Land auf einmal faktisch zuständig sein soll für einen grenzfreien globalen digitalen Raum in dem Menschen miteinander interagieren und kommunizieren können. Das bedeutet, dass ein Täter aus einem x beliebigen Land weltweit über das Internet – bspw. über Videochat – Kinder sexuelle missbrauchen kann. Mittlerweile gibt es Fälle in denen der Täter nicht einmal der Sprache des Opfers fähig sein muss, er kommuniziert dann über Übersetzungsprogramme. Es gibt vermutlich Milliarden onlinebasierte Kommunikationen täglich.

So etwas kann keine nationalstaatliche Polizei ernsthaft absichern.

Für diese grundlegenden Fragen braucht es Antworten, die es faktisch noch nicht gibt. Deswegen braucht man sich beispielhaft nicht vorstellen, dass in allen Onlinespielen und anderen Sozialen Medien täglich Polizisten unterwegs wären um Täter zu überführen. 

Kinder am Handy / Cybergrooming
Bild: Pixabay

Mum & still me: Was macht das mit einem, so einen Job zu haben?

Thomas-Gabriel Rüdiger: Was mich persönlich teilweise stört ist manchmal eine Art gesellschaftliche Gleichgültigkeit vor allem sexuellen Belästigungen und Cybergrooming Kindern gegenüber im Netz. Das wird als eine Art Normalität wahrgenommen. Wenn die Polizei sich vor zehn Jahren im Netz als Kind ausgegeben hat, dauerte es häufig nur Sekunden bis Täter eindeutig sexualbasiert die Polizisten angesprochen haben. Heute ist es immer noch dasselbe, das darf einfach nicht sein.

Da ich selbst Kinder habe, hoffe ich hier für diese Generation mehr Sicherheit im Netz schaffen zu können.

Ich will nicht, dass auch diese Generation sexuelle Übergriffe als Normalität empfinden müssen. Letztlich wurde das Internet von Erwachsenen für Erwachsene geschaffen, Sicherheitsaspekte von Kindern spielten dabei keine Rolle. Dies muss die Gesellschaft jetzt auffangen. 

Eltern müssen sich im Netz auskennen um ihre Kinder schützen zu können

Mum & still me: Wie können wir uns als Eltern am besten verhalten? 

Thomas-Gabriel Rüdiger: Aus meiner Sicht ist es das wichtigste, dass Eltern die Ansprechpartner ihrer Kinder bei digitalen Themen werden und nicht die Kinder die Ansprechpartner der Eltern. Dies bedeutet, dass Elten sich tatsächlich mit dem Netz, Onlinespielen und aktuellen Programmen wie TikTok auseinandersetzen müssen.

Wenn ein Kind kommt und ein neues Spiel spielen möchte, müssen die Eltern es selbst installieren und zwei Wochen intensiv spielen.

Die Erfahrungen die sie dabei machen versetzen sie in die Lage ganz anders mit den Kindern über Risiken zu sprechen. Drastisch gesagt, wenn eine Mutter bei Instagram unerwünscht ein strafbares “Dickpic” erhält, kann sie über dieses Risiko viel glaubwürdiger mit ihrem Kinder reden, als wenn sie sagt ich habe da mal gehört das es so was geben soll. 

Gleichzeitig müssen Eltern Ihren Kindern auch vermitteln, dass sie immer ihre Vertrauenspersonen sind und wenn etwas im Netz passiert, sie den Kindern nicht das Smartphone wegnehmen oder irgendwas verbieten. Diese Angst führt nicht selten dazu, dass sich Kinder nicht trauen mit ihren Eltern zu sprechen. Gleichzeitig müssen Eltern, aber auch die Schule, den Kindern nicht nur vermitteln, wie sie sich schützen sondern auch wann sie sich strafbar machen.

Fast 40 Prozent der Tatverdächtigen im Bereich Cybergrooming sind Kinder und Jugendliche selbst, es handelt sich also auch um ein großes Problem von Peer Gewalt.

Fast täglich gibt es Fälle bereits an Grundschulen wo Nacktbilder – wir reden dann meist über Kinder- und/oder Jugendpornografie – von Kindern und ähnliches geteilt werden, meist auch Ergebnisse solcher Prozesse. Hier müssen wir entgegensteuern. 

Dazu gehört auch, dass Eltern Kindern nicht einfach in den ersten Klassen der Grundschule bereits ein Smartphone in die Hand drücken, ohne sie darauf vorzubereiten was das bedeutet. Teilweise sind heute Kinder ohne Smartphone in der dritten Klasse bereits in der Minderheit. Das ist so, als wenn man faktisch Tätern weltweit die hypothetische Möglichkeit einräumt, mit dem Kind fast rund um die Uhr Kontakt aufzunehmen. Ich benutze auch gerne den Vergleich, das ist so als wenn man jemand ohne Führerschein ein Auto überlasst und sich wundert warum es drei Minuten später zu einem Unfall kommt. 

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Viel von dem worüber ich schreibe und spreche basiert häufig auf eigenen Erlebnissen oder Erfahrungen die ich im Netz mache. Heute wurde mir beispielsweise bei #clashofclans (Altersfreigabe durch usk 6!! Jahre) ein Zufallsgegner zugewiesen, der aus den Mauern seiner Stadt den Schriftzug “Trump“ geschrieben hat. Das heisst jeder der diesen Gegner zufällig zugewiesen bekommt, liest dies. Auch wenn es im ersten Moment unproblematisch erscheint, zeigt es doch im zweiten Moment, dass auch in #onlinegames Menschen ihre politische Meinungen darstellen und äussern (auch Extremisten wie ich ja schon mehrfach gezeigt habe). Kinder können also in Onlinegames, die für Sie freigegeben sind, relativ unkontrolliert auf die Ansichten und Ideologien (von Extremismus oder #cybergrooming reden wir jetzt noch nicht mal) von ihnen völlig unbekannten Erwachsenen und auch Jugendlichen treffen. Es stellt sich die Frage warum empfinden wir es in onlinegames offenbar als normal das Kinder mit unbekanntem Erwachsenen spielen, während wir auf jeden Spielplatz in derselben Situation vermutlich die Polizei rufen würden? Leider habe ich zu diesem Thema nicht einen wissenschaftlichen Artikel oder Studie gefunden. Es zeigt, das gerade Onlinespiele in gesellschaftlichen Debatten vollkommen unterrepräsentiert sind. Habt ihr schon ähnliche Erfahrungen peter Begegnungen in #onlinegames gehabt? #cyberkriminologie #digitalerkinderschutz #jugendmedienschutz

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Kinderfotos: Niemand sollte sich etwas vormachen

Mum & still me: Sind schon harmlose Kinderfotos aus dem Alltag gefährlich? Es gibt ja immer wieder Diskurse, wieviel man von seinen Babys und Kindern online überhaupt zeigen darf, auch weil sie ein Recht auf Privatsphäre haben. Aber wann wird es Ihrer Erfahrung nach wirklich kritisch oder gefährlich? Gibt es Grundregeln, an die wir uns halten können?

Thomas-Gabriel Rüdiger: Meine Grundregel ist es, dass Eltern eigentlich die Risiken für ihre Kinder minimieren sollten und nicht erhöhen. Bilder von seinen Kindern – auch Babys – ins Netz zu stellen erhöht aber das Risiko auch für die Kinder selbst, noch bevor diese die Möglichkeit haben selbst die Entscheidung zu treffen. Gerade kam ja heraus, dass das Programm Clearview AI aus den USA automatisch öffentliche Bilder aus den Sozialen Medien saugt und dann – soweit man weiß – nur Sicherheitsbehörden für einen Datenabgleich zur Verfügung stellt. Wenn man diese Technik mit Alterungsprogrammen kombiniert – wie sie vermutlich jeder schon einmal selbst auf dem Handy genutzt hat – wird vielleicht ersichtlich, dass ein öffentliches Bild schon reichen könnte damit ein Kind für immer nachvollziehbar und durch Gesichtserkennung auch verfolgbar ist.  Das ist zwar ein Risiko dem alle Erwachsenen oder älteren Jugendlichen ausgesetzt sind, diese gehen dieses Risiko letztlich selbst ein. Kinder haben dann aber diese Wahl nicht.

Auch Verpixelungen bringen fast gar nichts, da diese teilweise jetzt schon zurückgerechnet werden können und was da technisch in Zukunft noch möglich ist, können wir noch gar nicht sagen. Man denke nur an biometrische Daten – es gab bereits Fälle in denen Fingerabdrücke auf einem Glas von einem Bild auf Instagram ausgewertet werden konnte. Auch ist es so, dass durch die Kombination weiterer vulnerabler Informationen – die Eltern durch ihre eigenen Accounts nicht selten bereitstellen wie Wohnort, Name des Kindes, Haustiere, Kleidungsstil – ein Täter, der es darauf anlegt, ein Kind durchaus finden kann. Es kann auch sein, dass z.B. ein Cyberstalker der Mutter so auch an das Kind herankommt. 

Auch sollte sich niemand etwas vormachen, gerade auch Sexualtätern reichen im Netz teilweise normalste Alltagsszenen von Kindern “zur Stimulation”. Da landen dann Bilder von Kindern schon auf entsprechenden Servern von Sexualtätern. Auf Youtube aber auch Instagram oder TikTok gibt es beispielhaft auch, dass bei Videos in den Kommentaren Minutenangaben auch mit entsprechenden Bemerkungen zu sehen sind. Das sind dann direkte Stellenangaben, wann aus Sicht der Person, dass Kind in einer “besonderen” anzuschauenden Position ist. Von klassischen Fragen wie die Bildung einer digitalen Identität für die Kinder, die diese kaum noch abändern können, über dem Risiko von Cybermobbing bis zur Frage der Persönlichkeitsrechte ganz zu schweigen. 

Mum & still me: Wie verhalten sich Eltern am besten, die am Handy ihres Kindes Dickpics oder Nacktbilder von Minderjährigen entdecken oder mitbekommen, dass was im Umlauf ist?

Thomas-Gabriel Rüdiger: Also zunächst ist es wichtig den Kindern keine Schuld zu geben, Schuld sind immer Täter. Ich würde Eltern natürlich immer raten zunächst mit dem Kind zu reden und dann zur Polizei zu gehen, eine Anzeige auch über sog. Internetwachen möglichen. Wer das nicht unbedingt möchte kann sich auch an Hilfstellen wie Juuport oder auch den Weißen Ring wenden. 

Mum & still me: Bei Jugendlichen wird es ja dann schwerer – haben wir als Eltern da überhaupt eine Chance, Cybergrooming irgendwie abzuwehren? Müssen wir im Grunde alle Chats „überwachen“ oder können wir unsere Kinder wirklich wappnen?

Thomas-Gabriel Rüdiger: Ganz ehrlich: der beste Schutz aus Elternsicht ist es, dass die Kinder auf diese Risiken vorbereitet werden. Dazu gehört auch, dass man offen über Themen auch wie Sexualtäter im Netz spricht und was dort passieren kann. Aber auch vermittelt was strafbar ist. 


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