Cytotec: Ein tiefer Vertrauensbruch.

12. Februar 2020
Neugeborenes, Cytotec, Bildquelle: Pixabay (Mylene2401)

Es gibt ihn also doch noch, den investigativen Journalismus. Vor allem anderen also ein großes Danke an die Süddeutsche Zeitung und Katrin Langhans, die auf die Suche ging und Fürchterliches aufdeckte: bis heute wird an jeder zweiten Geburtsklinik das Medikament Cytotec zum Einleiten der Geburt angewendet. Cytotec birgt ein hohes Risiko, das Leben der Mutter und des Kindes zu gefährden und ist für die Geburtshilfe nicht zugelassen. Die Therapiefreiheit der Ärzt*innen macht es aber möglich, dass die billige Pille Frauen trotzdem verabreicht wird. Die Gefahr bei Cytotec sind die starken Wehen: in Einzelfällen kann die Gebärmutter der Frau bei der Geburt reißen, Wehenstürme wiederum setzen die Gesundheit des ungeborenen Kindes aufs Spiel. Ich empfehle euch sehr, da mal reinzulesen – auch wenn euch da vielleicht so flau wird, wie mir. Auch wenn die Debatte inzwischen differenzierter ist und Kliniken begründen, in welchen Fällen die Tablette Sinn machen kann, so bin ich sehr froh, dass das Thema überhaupt angestoßen wurde.

Schutzlos ausgeliefert

Eine Geburt ist einer der wenigen Momente im Leben, in dem wir vollkommen ausgeliefert und schutzlos sind. Wir müssen vertrauen. Wir müssen davon ausgehen, dass Ärzt*innen und Hebammen alle Entscheidungen sorgfältig abwägen und nach bestem Gewissen und Wissen fällen. Unter der Geburt kann es auf jede dieser Entscheidungen ankommen. Neubeginn und Ende des Lebens sind in dieser Extremsituation immer mit im Raum. 

Bei meiner letzten Geburt war klar: es muss eingeleitet werden. Daran gab es keinen Zweifel und ich bin dankbar, dass das rechtzeitig erkannt wurde. Das Winterbaby war zu leicht für sein Alter und seine Größe. Das deutete darauf hin, dass der Kleine nicht mehr ausreichend von der Plazenta versorgt werden konnte (tatsächlich kam er eine Woche vor Termin mit gerade mal 2700 Grämmchen auf die Welt). Ich stimmte also zu, als mir vorgeschlagen wurde, zwei Tage vor dem geplanten Entbindungstermin bereits mechanisch mit Dilapan-S den Muttermund zu öffnen. Ich stimmte zu, als mir vorgeschlagen wurde, den Wehentropf anzulegen. Ich nickte matt, als versucht wurde, die Fruchtblase zu eröffnen. Als im Finaler der Kristeller Handgriff angewandt wurde, war mir eh schon alles egal. 

Auch wenn vielleicht in meinem Fall nicht alles traumhaft lief: ich hatte weder die Zeit noch das fachliche Wissen, um die Vorschläge des medizinischen Personals ernsthaft zu hinterfragen. Ich wäre auch nicht darauf gekommen, das zu tun. Denn ich vertraute meiner Hebamme und dem Ärzteteam. Bei mir ging das am Ende gut aus.

Ein tiefer Vertrauensbruch

Was aber die Enthüllungen rund um Cytotec nun bedeuten, sind ein tiefer Riss in der Beziehung zwischen Patient*innen und medizinischem Personal. Mit dem von Katrin Langhans aufgedeckten Wissen im Hinterkopf könnte ich nicht mehr so leicht vertrauen.

Dass immer wieder diskutiert wurde, Kliniken würden aus Kostengründen schneller mal Kaiserschnitte durchführen als nötig, dass es immer wieder zu Gewalt unter der Geburt kommt, dass eine gute Betreuung unter dem gegenwärtigen Personalmangel kaum möglich ist und und und: all das war schon schlimm genug. Wer es sich leisten konnte, investierte in eine Beleghebamme oder eine Doula als Vertrauensperson. Andere fühlten sich unter all diesen Bedingungen zuhause wohler und sicherer. Diese Entwicklung könnte sich in Zukunft noch verstärken, ist aber sozial zutiefst ungerecht.

Gute und sichere Geburtshilfe darf keine Frage des Geldbeutels sein!

Zwar warnen sowohl die US-amerikanische als auch die französische Gesundheitsbehörde vor Cytotec. Die deutschen Behörden aber wissen “nur” von einem Todesfall. Der Vertriebsstopp in Deutschland als Medikament für die Geburtshilfe ist offiziell laut Hersteller auch nur deshalb erfolgt, weil die Studienlage nicht ausreichend sei und der Hersteller aus „ethischen Gründen“ davon absehe.

Dabei gibt es laut Süddeutscher Zeitung zahlreiche Fälle, in denen Kind und Mutter gesundheitlich geschädigt wurden oder gar verstarben. Peter Husslein, Professor für Geburtshilfe und Leiter der Universitäts- und Frauenlinik Wien erklärte der Süddeutschen Zeitung im Interview:

„Cytotec hat zahlreiche mütterliche Todesfälle verursacht.“

Wieso die deutschen Behörden davon nichts wissen? Wenn Ärzt*innen vor dem Hintergrund ihrer Therapiefreiheit (die unter gewissen Umständen auch durchaus Sinn machen kann, siehe Interview) ein Medikament verschreiben, müssen sie auch im Falle von Nebenwirkungen haften. Wieso also sollten sie den Zusammenhang den Behörden melden? 

Der Einsatz von Cytotec ist fahrlässig

Allerdings: wenn die Therapiefreiheit eigentlich für Ausnahmen gedacht ist, frage ich mich schon: wie kann es sein, dass Cytotec an jeder zweiten Klinik für die Geburtseinleitung verwendet wird? Ich will nicht glauben, dass wirklich nur die Kosten dafür eine Rolle spielen und Ärzt*innen mutwillig die Gesundheit ihrer Patient*innen aufs Spiel setzen. Vielleicht eher ein Mix aus „Das haben wir schon immer so gemacht“ und fehlende Rückschlüsse von der Intervention auf die Geburtskomplikation? Peter Husslein sagt der Süddeutschen Zeitung hingegen, all die Risiken seien sehr wohl bekannt.

So oder so: der Einsatz von Cytotec ist grob fahrlässig und ich als Patientin fühle mich beim Gedanken daran, dass mir so etwas hätte gegeben werden können, zutiefst verunsichert. Dabei ist das Problem vor allem die Darreichungsform und die scheinbare Schwierigkeit, das Medikament richtig justieren zu können.

Tiefes Misstrauen in das Gesundheitssystem

Die Cytotec Berichterstattung ist die drastische Spitze eines Eisbergs aus untragbaren Missständen. Ärztinnen und Ärzte, aber auch Hebammen und Geburtshelfer, die bislang diese Methode angewendet oder empfohlen haben, werden sich nun unbequeme Fragen gefallen lassen müssen, vielleicht auch mit juristischen Folgen rechnen. Was aber auch bleibt, ist ein tiefes Und gefährliches Misstrauen in das Gesundheitssystem. Professor Husslein empfiehlt, generell keine nicht zugelassenen Medikamente anzunehmen. Von diesem Rat wusste ich bis heute nichts. Wir alle nicht. 

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Cytotec erklärt Katrin Langhans hier: https://www.sueddeutsche.de/


Bildquelle: Pixabay.

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