Homeoffice mit Kindern – Schwimmen ohne Land in Sicht

26. März 2020

Mein Kopf: ein Strudel aus Gedanken, die ich nicht sortiert kriege. Ich kriege gerade gar nichts sortiert. Ich versuche diesen Text zu schreiben und abzulegen, was mich beschäftigt. Vielleicht hilft es. Nicht gegen meine Müdigkeit. Nicht gegen meine Erschöpfung. Aber vielleicht hilft es, für etwas Ruhe im Hirn. Sollte es klappen, werde ich euch berichten – denn es geht ja nicht nur mir so.

Wem geht es eigentlich wie?

Ich fühle mich schlecht, dass es mir schlecht geht. Schließlich gibt es genug Leute, bei denen die Probleme größer zu sein scheinen: Leute aus der Risikogruppe, die Angst haben vor diesem Virus und sich in freiwillige Quarantäne begeben. Leute, die einsam sind und so wie jetzt in Bayern noch nicht einmal mehr mit Freund*innen spazieren gehen können (dort ist das nämlich nur noch mit Menschen erlaubt, mit denen man zusammen wohnt). Leute, die in diesem Ausnahmezustand weiterhin in die Arbeit gehen, ihre Kinder wohlmöglich in die Notbetreuung geben um dann dabei zu helfen, dass das Fundament unserer öffentlichen Ordnung bestehen bleibt. Die, die in den Krankenhäusern täglich alles geben und versuchen, italienische und spanische Verhältnisse abzuwenden – und dabei ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen. Und auch Leute, die als Alleinerziehende die ganze Belastung, die auch ich jetzt verspüre, alleine tragen müssen.

Unsere Leben: Ausnahmezustand

Weil ich großen Respekt vor der Lebenslage all dieser Leute habe, wäre ich gerne stärker. Aber es liegt nicht in meiner Hand. Jeder Mensch hat sein eigenes Set an Widerstandskräften, sprich Resilienz gegenüber Stress. Es geht mir nicht gut. Was mich beruhigt: ich bin damit nicht allein.

Mein Tag ist ein Ausnahmezustand. Dabei bin ich noch nicht einmal alleine mit allem. Ich habe einen Partner, der auch im Homeoffice ist. Der mir den Rücken frei hält und selbstverständlich bei der Care Arbeit mitanpackt (außer er wird selbst krank, was natürlich gleich mal in Woche 1 des Ausnahmezustands passiert ist. Narf.). Aber trotz der Tatsache, dass ich nicht alleine mit allem bin:

Diese Tage sind irgendwie wie ein Schwimmen ohne an ein Ufer zu kommen.

Ist man gerade mit einer Mail fertig, fällt einem ein, dass da ja noch die Wäsche wartet (während ich schreibe, türmen sich neben mir Stapel gewaschener Wäsche, die darauf warten, in die Schränke eingeräumt zu werden). Die Kinder brauchen und verdienen auch zwischendurch Aufmerksamkeit. Sie sind erstaunlich rücksichtsvoll, wenn wir arbeiten müssen. Vor allem das große Kind hält sich zurück, flüstert, spielt für sich. Der Kleine klettert auf den Schoß und nimmt staunend an Videokonferenz. Aber auch nicht immer. Wir versuchen uns abzuwechseln, mal macht der eine mehr mit den Kindern, dann der andere. Während der Kleine mittags schläft, darf der Große inzwischen täglich 20 Minuten die “Sendung mit dem Elefanten” (Werbung ohne Auftrag) gucken – das wäre in unserem normalen Leben zuvor für uns nicht denkbar gewesen. Auch der “Alba Sport” (Werbung ohne Auftrag) ist eine schöne tägliche Entlastung für uns, auf die die Kinder sich echt freuen. Wenn man gerade nicht am Laptop sitzt, werden Mahlzeiten vorbereitet, aufgeräumt, durchgesaugt (es ist jetzt viel dreckiger als sonst, logo, wir sind ja ständig da).

Am Nachmittag versuchen wir mit den Kindern raus in einen Park oder in die Natur zu fahren (das Handy mit den Mails bleibt dabei). Sie rennen zu lassen, ohne Beschränkung. Wohl gemerkt: wir versuchen es. Dann Abendessen vorbereiten, essen, Kinderzeit, Bettgehritual. Während der Eine die Kinder hinlegt, räumt der andere Küche und Kinderchaos auf. Dann meist wieder an den Laptop, Recherche, Nachdenken, Schreiben.

Es ist nicht so, dass ich in meinem normalen Alltagsleben recht viel mehr Zeit für mich gehabt hätte. Aber doch: die Abende. Die Mittagspause. Das fehlt. Und mir fehlt, mal ohne Unterbrechung am Stück an etwas arbeiten zu können (auch dieser Text ist durch viele Zwischenspeicherungen und an mehreren Tagen entstanden). Ich vermisse die konzentrierte Atmosphäre meines Büros.

Es ist alles so viel

Dazu kommt: es ist nicht nur die faktische Arbeitslast. Es ist die ungeheure Masse an Informationen, die ich für mich beruflich bedingt sortiere. Die aber auch jeder andere mensch gerade für sich einordnen muss. Das alles ist neu für alle. Ich kann kaum noch an den Debatten und Diskussionen der Netzgemeinde teilhaben, weil ich dafür keinerlei Ressourcen übrig habe. Und obwohl ich Info mäßig quasi an der Quelle sitze: ich weiß immer noch nicht alles.

“Es geht mir nicht gut”, sagt auch Janine Dudenhoeffer – und ist damit nicht alleine…

Kann den Umfang, das Ausmaß und die Folgen dieser Krise nicht umfassen und einschätzen. Ich arbeite mich an Teilbereichen ab. Der Blick für das große Ganze, den krieg ich nicht zusammen und das stresst mich. Auch die Unsicherheit, die daraus erwächst. Was kommt da noch auf uns zu, die nächsten Wochen? Was wird die zu erwartende Wirtschaftskrise für unser Leben bedeuten?

Flashback: Was das mit der Toilette eines Cafés zu tun hat

Ich sitze mit Herzrasen auf dem geschlossenen Toilettendeckel. Eine dunkelrote Schürze umgebunden. Draußen warten zwanzig Leute auf mich. Also, genauer genommen warten sie auf ihr Mittagessen. Auf Cola, Fanta, Bier. Sie haben nicht viel Zeit. Unverhofft ist die Sonne rausgekommen. Jetzt haben im Café, in dem ich als Abiturientin jobbe, plötzlich nicht nur drinnen Platz, sondern alle wollen draußen sitzen und sofort bedient werden, weil sie danach wieder an den Schreibtisch müssen. Ich bin die einzige Servicekraft im Café, niemand ahnte, dass es so voll werden würde. Der Ton draußen ist rau. Ich weiß, ich kann das gar nicht alles so schnell schaffen. Meine Hände beginnen zu schwitzen, meine Backen sind rot, ich spüre mein Herz, wie es durch die Rippen heraus springen will. Also verstecke ich mich. Nur kurz. Und überlege: wenn ich jetzt einfach weglaufen würde, einfach raus. Die Leute Leute sein lassen. Mache ich aber nicht. Ich atme dreimal tief durch. Wasche mein Gesicht mit eiskaltem Wasser und weiter gehts. Irgendwie kriege ich diese Mittagszeit dann auch rum. Besser als gedacht.

Aber diese Stressexplosion, dieses Gefühl weglaufen zu wollen und alle Überforderung hinter mir lassen zu wollen, dass kenne ich immer noch. Von Zeit zu Zeit kommt es wieder, das Herzrasen. Nur: ich bin jetzt älter und mich beruhigt, dass diese Momente vorbei gehen. Funfact: auch Teile dieses Texts sind eingeschlossen im Bad, auf dem Toilettendeckel sitzend entstanden.

Kein Schatten, ohne Licht

Das ist alles schon ziemlich viel gerade. Es zieht extrem Kraft, physisch und psychisch. Wie zum Beweis prangt eine Herpesblüte in all ihrer Pracht auf meiner Oberlippe. Gäbe es keine Kontaktbeschränkungen, würde ich auch so keine Energie haben um mich mit Leuten zu treffen. Insofern: die verordnete Ruhe immerhin ist für mich persönlich in dieser Situation gut wegzustecken. Ich hab ja auch derzeit mehr als genug Nähe zu Menschen, meiner Familie. Dafür bin ich trotz aller Anstrengung auch sehr dankbar, dass ich diese tollen Menschen um mich habe. Ich spüre, dass die Zeit und wertvollen Momente mit meinen kleinen Buben mich erfüllt. Wenn ich Abends überlege, was ich an diesem Tag schön fand, dann sind es manchmal ruhige Arbeitsmomente, in denen ich voran gekommen bin. Manchmal Sonnenstrahlen an der frischen Luft. Immer aber sind es die guten, lustigen und innigen Momente mit meinen Kindern.

Und auch so ist nicht alles schlecht. Es gibt viel Solidarität. Viel Zusammenhalt. Es ist ein schönes Gefühl, dass in unserer Gesellschaft bislang Ruhe und positives Gemeinschaftsgefühl gegenüber Panik oder Argwohn dominieren. Vielleicht stimmt es und wir werden alle gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Das zumindest meint der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski:

“Jetzt bildet sich eine Selbsthilfegesellschaft aus der Einsicht, aufeinander angewiesen zu sein. (…) Die Politiker müssen aber für die Zeit danach wissen, dass die Bürger, die jetzt zur Selbsthilfe aufgerufen werden, anschließend das Steuer dieses Boots nicht so schnell mehr aus der Hand geben.”

Hoffen wir mal, dass der Mann recht behält. Bis dahin euch allen viel Kraft. Und Momente der Ruhe. Und: gesteht es euch ein, wenn es euch nicht gut geht. Das ist okay. Lasst uns füreinander da sein. Offen sein für verschiedene Lebensumstände. Einander helfen und zuhören.

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1 Comment

  • Reply Carolin Hartmann 27. März 2020 at 11:22

    Ach, ich verstehe dich so gut. Ich versuche auch immer wieder etwas zu schaffen, aber es gelingt mir nicht wirklich. Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn vor der Arbeitszimmertür ständig jemand nach mir schreit und der Papa genau in diesem Moment nicht der Richtige ist.
    Ich habe auch auf meinem Blog darüber geschrieben, wie es mir/uns gerade geht und habe versucht die positiven Seiten des Ganzen zu sehen. Denn die gibt es tatsächlich.
    Aber ja, du bist nicht alleine!

    Ich drück Dich,
    Caro

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