Wie geht es mir – wirklich?

26. Juni 2020

Andrea vom Familienblog Runzelfüsschen hat da mal wieder etwas losgetreten, was sehr viele Leser*innen bewegt hat. Auch mich. Nachdem ich ihren Beitrag gelesen hatte (“Jammer nicht soviel! – So sieht mein Familienalltag wirklich aus“), habe ich mir die Frage gestellt: wie geht es mir – wirklich?

Es ist okay, aber…

Ich sitze im Garten, der Lavendel duftet dezent – wie ich diesen Duft liebe. Neben mir: eine Tasse Kaffee. Ich habe Ruhe. Und Zeit.

Heute ist Freitag, mein “freier” Tag, den ich mir fürs Schreiben genommen habe. Den ich so lange nicht hatte, weil ich für Blog- und Schreibarbeit die Notbetreuung nicht in Anspruch nehmen wollte. Hauptberuflich arbeite ich ja in einem Abgeordnetenbüro. Damit ich der Tätigkeit nachgehen konnte, waren die Kinder schon länger vier Tage die Woche wieder in der Kita.

Ein Glück, immerhin. Denn wie es mir vorher ging, hatte ich euch ja mal aufgeschrieben. Beruf und Kinderbetreuung plus die gestiegenen Aufgaben im Haushalt unter einen Hut kriegen zu wollen, das war wie Schwimmen ohne Land in Sicht.

Jetzt aber sitze ich hier. Es ist ziemlich okay. Der Normalbetrieb an Kitas in Berlin ist gerade wieder angelaufen und nachdem ich noch ein paar Kleinigkeiten für meinen Hauptberuf erledigt habe, sitze ich nun hier und hab sie wieder: Ruhe.

Darf ich trotzdem müde sein?

Heute war bislang ein wirklich guter Tag. Darf ich trotzdem sagen, dass ich erschöpft bin? Dass mein Kopf voll ist. So voll mit Gedanken.

Bloß nicht vergessen.

Darum musst du dich noch kümmern.

Da ist dieser Termin.

Willst du nicht wieder einen Wochenplan fürs Einkaufen machen, anstatt täglich in den Laden zu gehen?

Es sind keine großen, schlimmen Dinge. Wirklich nicht. Sogar meine Steuererklärung habe ich kürzlich letztens erledigt. Vor allem hat dieser volle Kopf nicht mehr so viel mit meiner individuellen Lebenssituation oder -belastung zu tun. Derzeit können die Kinder ja in die Betreuung. Die Coronapandemie ist an meinem Gedankenstrudel aber trotzdem ein wenig schuld.

Viele Fragen, viele Aufgaben – ein Umbruch

Dieser kleine Virus hat das Leben von Menschen auf der ganzen Welt auf den Kopf gestellt. Mehr als je zuvor muss drängen sich Fragen in meine Gedankenwelt. Fragen wie:

Wie kann es sein, dass unser Wohlstand so eng mit dem Kauf von Dingen verknüpft ist?

Wie kann es sein, dass das, was wir plötzlich systemrelevant nennen, größtenteils vergleichsweise schlecht entlohnt wird?

Wenn Frauen aufgrund der Mehrfachbelastung und weil sie überproportional häufig in eben diesen systemrelevanten Jobs arbeiten als “Verliererinnen” der Pandemie gelten – wieso klappt es dann nicht, daran endlich einmal etwas zu ändern?

Warum kriegt unser Bildungssystem es so schlecht auf die Reihe, nach Monaten des Ausnahmezustands einen sinnvollen, verlässlichen digitalen Unterricht anzubieten?

Wie schaffen wir es, dass in Zeiten gesellschaftlicher Herausforderungen gerade die Schwächsten nicht komplett untergehen?

Und wieder einmal fühle ich mich überwältigt, weil ich das Gefühl habe, dass immer noch so Vieles schief läuft. Vieles, nicht alles. Großartig zum Beispiel, dass wir in Deutschland vergleichsweise wenig Tode durch Corona zu beklagen haben. Danke, danke, danke…. Aber dennoch habe ich das Gefühl, dass es so viele Baustellen gibt, an denen ich vielleicht einen kleinen Beitrag leisten könnte. Wie mit der gemeinsamen Elterninitiative von Janik Feuerhahn, Camilla Rando, Kitakrise Berlin und mir – das ist glaube ich eine wichtige Arbeit, die wirken kann.

Viele kleine Schritte

Vielleicht ist das genug. Mein Kopf darf sich doch damit begnügen, sage ich mir. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, mich selbst auch davon zu überzeugen. Und immerhin: wenn ich mit den Kindern bin, bin ich wieder ganz bei Ihnen, mit meiner Aufmerksamkeit. Und immerhin: es gibt Inseln der Ruhe. Pausen. Oh, Pausen – wie ich sie vermisst hab. Wie es mir also wirklich geht?

Es ist okay.

Aber.

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