„Es geht schon darum, dass wir die Technik beherrschen und nicht sie uns.“ – Interview mit Stefanie Remlinger, MdA

2. Oktober 2020

Nachdem ich in der letzten Zeit auf Instagram ein paar Mal auf die desolate Situation in Punkto digitale Bildung eingegangen bin (wie desolat, hat zum Beispiel diese Woche eine PISA-Sonderauswertung gezeigt), habe ich mir gedacht: ich rede mal mit einer Frau, die sich wirklich auskennt. Stefanie Remlinger ist für Bündnis 90/Die Grünen Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus und stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss für Bildung, Jugend und Familie. Sie weiß genau, woran es hapert – und was nötig wäre, um (mindestens die Berliner) Schulen auf den aktuellen Stand zu bringen…

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Fanfaren, Applaus, großes Hallo – viel Lärm um nichts? Gestern tagte der Bildungsgipfel zwischen Kultusminister*innen, der Bundeskanzlerin, Bundesbildungsministerin Karliczek und Kanzleramtschef Helga Braun. Das Ziel war, die Digitalisierung an Schulen voran zu bringen. Man kann es positiv sehen: immerhin tut sich was. Immerhin sollen alle 800.000 Lehrkräfte in Deutschland Dienstlaptops kriegen. Immerhin soll es für Kinder aus prekären Milieus einfacher werden, einen leistbaren Datentarif zu bekommen. Ohne Corona hätte das vermutlich noch Jahre gedauert. Mit Laptops und Datentarifen allein wird sich aber noch lange nichts verändern, ist meine Befürchtung. Mal im Ernst: es sind MONATE vergangen, in denen klar wurde: wir brauchen andere Fortbildungsangebote (83 Prozent aller Lehrkräfte wünschen sich die) und Medienbildung als Grundlage im Lehramtsstudiengang. Digital ist nicht unbedingt besser und sicher kein Ersatz für das persönliche Miteinander. Ohne die nötigen Kompetenzen und Skills im Bereich Medien aber, ist kein echter Fortschritt zu erwarten. Es darf nicht einfach nur darum gehen, die Folien statt an den Overhead Projektor ins Online Meeting zu klatschen. Es geht auch und vor allem darum, einen differenzierten Zugang zu dem Meer an Informationen im Netz zu bekommen, sich dort sicher (ich winke an der Stelle mal rüber zum @cyberkriminologe ) zu bewegen und aber auch die interaktiven Lernmöglichkeiten als zusätzliches Angebot zum persönlichen Austausch ausschöpfen zu können. Dafür braucht überhaupt mal jede Schule einen Breitbandanschluss. Der Bund will außerdem IT-Administrator*innen an Schulen mit finanzieren. Gute Idee – nur müsste erreicht werden, dass die Mittel aus dem Digitalpakt überhaupt mal abgerufen werden. Das passiert vor allem aus bürokratischen Gründen oder aufgrund von Personalmangel nicht. Über den Digitalpakt konnten Schulen theoretisch schon seit Sommer letzten Jahres Geld für Endgeräte bzw. digitale Arbeitsgeräte anschaffen. Aber Bedingung dafür war ein Medienkonzept (Personal- und Kompetenzdefizite als erste Hürde, Personalmangel in der Verwaltung als zweite Hürde) und der bestehende Anschluss ans Glasfasernetz. ⬇️⬇️⬇️ Weiterlesen:

Ein Beitrag geteilt von Mum & still me • Sabine Ponath (@mumandstillme) am

Digitale Bildung: “Ich stieß bei der Verwaltung auf taube Ohren und gab schon fast auf”

Mum & still me: Steffi, du arbeitest seit Jahren daran, die Berliner Schulen digital fit zu machen. Was sind in deinen Augen die größten Hürden gewesen? Und hat sich durch Corona jetzt etwas getan?

Steffi Remlinger: Ja, als ich 2011 ins Parlament einzog, lief bereits das Vorhaben, eine Schulverwaltungssoftware zu installieren. Ich habe immer wieder gefordert, die pädagogische Seite gleich mitzudenken und ein integriertes Schuldatenmanagement sowie ein Kommunikationswesen aufzubauen.

Ich stieß bei der Verwaltung auf taube Ohren und gab schon fast auf. Die ganze Gesellschaft diskutierte über die Digitalisierung, aber die Schulen waren still, oder man drehte sich kafkaesk im Kreis: was muss zuerst kommen, die technische Infrastruktur oder das pädagogische Medienkonzept?

Natürlich spielte auch das Geld eine Rolle. Leistungsfähiges Breitband legen, WLAN installieren für knapp 700 Schulen, das ist schon ein Brocken. Deshalb war es im Grunde entscheidend, dass der Bund mit in die Finanzierung eingestiegen ist. 

Corona war dann aber tatsächlich der entscheidende Katalysator aus meiner Sicht. Jetzt kann niemand mehr die Notwendigkeit bestreiten, sich endlich auf den Weg zu machen.  

“Corona war der entscheidende Katalysator”

Mum & still me: Beim letzten Schulgipfel wurde beschlossen, dass jede Lehrkraft in Deutschland einen Dienstlaptop kriegen soll – ist damit das Wichtigste geschafft?

Steffi Remlinger: Der erste, große Digitalpakt war schon ein wichtiger Schritt, und dass jetzt innerhalb kurzer Zeit noch zweimal  nachgebessert wurde, zeigt, dass der Knoten geplatzt ist. Sicher sind immer noch eine Menge Detailfragen zu lösen, und wir beginnen erst die Potenziale, die das alles bietet, zu erahnen.

Aber wenn Breitband und WLAN bereit stehen, wenn nicht nur die Schüler*innen Endgeräte bekommen, sondern endlich, endlich auch die Lehrkräfte einen Dienstlaptop, dann ist schon was geschafft. Dann haben wir ein völlig neues Niveau erreicht, hinter das es kein Zurück mehr geben kann und darf. 

“Das sind schon enorme Datenmengen, die da bewegt werden.”

Mum & still me: Wieso dürfen Schulen ohne Breitbandanschluss keine Mittel aus dem Digitalpakt abrufen? Beißt sich da die Katze nicht in den Schwanz? Und gäbe es keine Möglichkeit, den Mittelabfluss irgendwie unbürokratischer hinzukriegen?

Steffi Remlinger: Nun ja, die Vorgabe, dass nur 20 Prozent des Digitalpakts in die Endgeräte fließen darf, und das auch nur dann, wenn die technische Basisinfrastruktur – Breitband, WLAN – steht, hat der Bund gemacht. Das ist grundsätzlich auch richtig, das muss alles ineinander greifen. Man muss sich klar machen, wenn ganze Schulklassen auf einmal ins Netz gehen, Aufgaben, Filme, Präsentationen usw. up- und downloaden, das sind schon enorme Datenmengen, die da bewegt werden müssen, ob im Fernunterricht oder vor Ort. 

Ein riesiges Problem ist, dass Verwaltungen immer erst anfangen zu arbeiten, wenn das Geld da ist. Dann stellt man fest: Huch! Es ist ja gar nicht geklärt, wer was machen soll. Deshalb fließt das Geld so schlecht ab.

Hier haben meine Fraktion und ich in den letzten Monaten enorm Druck gemacht, haben ein detailliertes Konzept für die Arbeits- und Zuständigkeits(neu)verteilung zwischen den Behörden und Ebenen vorgelegt und tun alles, damit dieser Plan nun auch stringent abgearbeitet wird. Kern ist auch eine Entbürokratisierung, und eine Entlastung der Schulen. Bis das greift, wird es allerdings noch ein bisschen dauern. Es ist einfach unglaublich schwer, die Versäumnisse der letzten Jahre aufzuholen.

“Es wird hoffentlich nicht mehr lange möglich sein, durchs Lehramtsstudium zu kommen, ohne mit Fragen der Digitalisierung in Berührung gekommen zu sein.”

Mum & still me: Laut Bitkom haben 85 Prozent aller befragten Lehrkräfte großes Interesse an Fortbildungen im Hinblick auf Mediennutzung und -kompetenz. Wie kann es gelingen, das Fortbildungsangebot entsprechend anzupassen und vielleicht ja auch schon im Lehramtsstudium anzusetzen?

Steffi Remlinger: Danke, dass Du das so fragst, denn die viel gescholtenen Lehrkräfte sind viel besser als ihr Ruf, gerade bei der Frage der Fortbildungsbereitschaft. Es gibt auch eine ganze Menge Fortbildungsangebote.

Was fehlt, ist aus meiner Sicht eine Sortierung dessen, was gebraucht wird, und eine Qualitätssicherung.

Denn es geht ja um viel mehr als nur die Frage, ob man einzelne Tools beherrscht und einsetzen kann. Es geht auch um Veränderungen der Lernkultur, um das Wissen über Lernprozesse und wie diese mit unterschiedlichen webbasierten Instrumenten noch besser und individueller gefördert werden können. Auch hier gilt: wir stehen am Anfang, aber es ist spannend, was alles in Gang kommt im Moment. 

Das gilt vor allem für das Lehramtsstudium. Der Bund unterstützt auch hier. Im Rahmen der sogenannten Qualitätsoffensive Lehrerbildung hat er eine Förderrichtlinie aufgesetzt zum Schwerpunkt Digitalisierung in der Lehrerbildung. Zu den Universitäten, die dadurch sehr innovativ unterwegs sind, gehören zum Beispiel die Uni Potsdam und die Berliner Freie Universität. Potsdam behandelt das Thema als interdisziplinäre Fragestellung und hat die Stelle für Fragen der Digitalisierung und Medienbildung direkt an der Schnittstelle von Lehrerbildung und Bildungsforschung angesiedelt. Die FU arbeitet in ihrem Projekt Know how to teach mit Lehr-Lern-Laboren und kombiniert das mit dem Ansatz des forschenden Lernens. Es gibt also eine Reihe von vielversprechenden Angeboten und Ansätzen, und es wird hoffentlich nicht mehr lange möglich sein, durchs Lehramtsstudium zu kommen, ohne mit Fragen der Digitalisierung in Berührung gekommen zu sein. Was ich mir wünsche ist, dass auch bei der Fortbildung der Bestandslehrkräfte stärker mit den Universitäten zusammengearbeitet wird. 

Mum & still me: Digital ist nicht unbedingt besser, Unterricht ohne persönlichen Austausch und Kontakt quasi undenkbar. Trotzdem muss sich dringend was tun, um unsere Kinder fit für die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu machen. Was sind für dich die wichtigsten Aspekte im Hinblick auf Medienerziehung und die Nutzung von digitalen Geräten? Wie können Schulen da besser werden?

Das ist richtig und kann nicht genug betont werden: der Einsatz von Technik darf kein Selbstzweck bleiben.  Es muss nun nicht jede*r Informatik studieren, aber es geht schon darum, dass wir die Technik beherrschen und nicht sie uns. Dass sich die Kinder möglichst mündig und souverän durch die Welt der digitalen Möglichkeiten bewegen und bewusste Entscheidungen treffen können.

Ich denke, Schulen können einen großen Schritt nach vorn tun, wenn diese Reise in die Zukunft gemeinsam unternommen wird. Wenn im Team gearbeitet und von den Möglichkeiten des Austauschs und der Arbeitsteilung Gebrauch gemacht wird. Und wenn Lehrkräfte es zulassen, von Schüler*innen viel erzählt zu bekommen darüber, was es alles Neues gibt und was man damit machen kann. Und dass sie sich vielleicht auf Youtube eine Mathestunde angehört haben von jemandem, der das viiiel besser erklären konnte…

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2 Comments

  • Reply „Es geht schon darum, dass wir die Technik beherrschen und nicht sie uns.“ - Stefanie RemlingerStefanie Remlinger 2. Oktober 2020 at 16:32

    […] Lesen Sie das Interview auf mumandstillme.com […]

  • Reply #coronaeltern : Immer auf die Kleinen? - Mum & still me 14. Oktober 2020 at 19:44

    […] würde man meinen (warum vor allem die Digitalisierung an Schulen verschleppt wurde, habe ich im Interview mit Steffi Remlinger […]

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