#coronaeltern : Immer auf die Kleinen?

14. Oktober 2020

Ich würde mich eigentlich grundsätzlich als Optimistin betrachten. Das Gute im Menschen, das Glas halb voll und so weiter. Doch bleibt ein gewisser Ärger nicht aus: die steigenden Infektionszahlen kommen nicht überraschend. Wir hatten Monate Zeit, um uns darauf vorzubereiten und die Schulen und Kitas entsprechend auszurüsten. Vor allem in Punkto digitaler Unterricht müsste bis jetzt doch ein Konzept stehen, würde man meinen (warum vor allem die Digitalisierung an Schulen verschleppt wurde, habe ich im Interview mit Steffi Remlinger besprochen).

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts

Nun gab es in letzter Zeit so einige Aufreger. Man müsse die Kinder eben warm anziehen. Skiunterwäsche gehöre ab jetzt zur Grundausstattung für Schulkinder, damit ausreichend gelüftet werden könnte. Das jedenfalls hat der Verband der Philologen angemahnt und dabei kritisiert, dass es soweit nicht hätte kommen müssen.

Letzter Geniestreich: warum nicht einfach die Winterferien verlängern? Die Kinder sind ja dann weggesperrt und können niemanden nicht anstecken. Dafür könnte man ja dann die Sommerferien entsprechend verkürzen. Der Vorschlag kam von zwei Politikern der Union: dem Hamburger CDU-Chef Christoph Ploß und seinem bayerischen Kollegen Stephan Pilsinger. Die Welle der Empörung ließ nicht lange auf sich warten (zu recht).

Selten so wenig Praxisnähe erlebt. Klar. Wenn der Urlaub einfach mal ein paar Wochen länger dauern soll, freuen sich auch alle Arbeitgeber*innen. Aber hey. Zuhause mit den Kids arbeiten ist ja sowieso wie Ferien. Da können wir wenigstens unsere “Kinder mal wieder richtig kennenlernen” (ihr erinnert euch? https://www.rbb24.de/)

Aber gut, Ironie beiseite. Stellen wir fest: es gibt keine gesamtheitliche Strategie, kein Konzept, wie mit steigenden Infektionszahlen und deren Bedeutung für Schulen und Kitas umgegangen wird. Wurde verpennt. Dabei müssen wir uns doch zunächst einmal fragen: welche Rolle spielen Kinder eigentlich für das Infektionsgeschehen?

Sind Kinder Superspreader?

Wie bei allem, was mit Corona zu tun hat, gehen bei der Frage der Ansteckungsgefahr durch (kleine) Kinder die Meinungen auseinander. Auch die Studienlage war divers und zum Teil widersprüchlich. Grund genug, mal auf die aktuelle Studienlage zu schauen.

Stand der Dinge war und ist: Nach einer Studie rund um Christian Drosten gibt es keine Hinweise darauf, dass Kinder weniger ansteckend sind als Erwachsene. Kinder zeigen seltener Symptome und werden deshalb seltener getestet. Die Virus­last in den Atemwegen unterscheide sich bei verschiedenen Altersgruppen aber laut dieser Studie nicht. Auch Forscher*innen vom Massachusetts General Hospital (MGH) und Mass General Hospital for Children (MGHfC) haben diese These bestätigt. Kinder erkranken seltener, sind aber ansteckend.

Folgt man diesen Annahmen, müsste eine Kita und Schule nach der anderen inzwischen dicht sein. Aber jetzt wird es spannend…

Keine Hinweise auf Kinder als Treiber des Infektionsgeschehens

Sowohl die Baden-Württemberger Studie als auch die Berliner Corona Schulstudie BECOSS zeigten auf, dass Kinder untereinander sich kaum anstecken würden und dass Infektionen vor allem von außen in die Schulen getragen wurden, durch Erwachsene:

“Die Infektionen an Schulen gehen eher von Erwachsenen auf Kinder als von Schüler zu Schüler”, meinte etwa die Koordinatorin der Berliner Teststrategie an der Charité, Valerie Kirchberge

(Quelle: https://www.morgenpost.de/)

Ich persönlich nehme für mich daraus mit: Kinder spielen keine große Rolle im Infektionsgeschehen. So lange es irgendwie geht, müssen Schulen und Kitas geöffnet bleiben, damit sie gleichberechtigt lernen und sich entwickeln können. Aber klar: auch damit wir Eltern unserem Job nachgehen können. Scheinbar reflexhaft bei einem Anstieg des Infektionsgeschehens nach Einschränkungen des Kita- und Schulbetriebs zu rufen, entbehrt einer sachlichen Grundlage.

Trotzdem finde ich: “keine große” Rolle heißt nicht “keine” Rolle. Die Pädagog*innen, Kinder und alle, die durch Kita und Schule möglicherweise eben doch angesteckt werden könnten, haben den selben Schutz verdient, wie andere Menschen in anderen Bereichen eben auch. Dafür gibt es Lösungen und verantwortungsvolle Konzepte. Sie kosten halt zum Teil Geld (Lüftungsanlagen) oder sind nicht ganz einfach umzusetzen (hybride oder digitale Lernkonzepte). Aus Bequemlichkeit jetzt aber einfach darauf zu setzen, durch ein bisserl Lüften und längere Ferien sei das Problem kostengünstig gelöst, ist in vielfacher Sicht zu kurz gedacht.

#elterninderkrise werden wieder initiativ

Ich bleibe jetzt mal optimistisch. Klar, die Zeichen deuten nicht gerade auf eine entspannte Herbst- und Winterzeit. Aber ich habe Vertrauen darauf, dass die Elterninitiativen nicht noch einmal zulassen werden, dass Familien so unterm Radar verschwinden. Nicht umsonst wurden Schulen und Kitas vom RKI und von Bundeskanzlerin Angela Merkel höchste Priorität eingeräumt. Auch wenn sich das noch nicht in der Praxis widerspiegelt (hört dazu auch gerne mal in Folge 2 unseres Podcasts FAMILIEN politisch rein): dass nun den Bedürfnissen der Kinder und Familien zumindest symbolisch die selbe Dringlichkeit eingeräumt wurde, wie etwa der Wirtschaft, ist doch schon mal was.

Tatsächlich hat die Initiative “Eltern in der Krise” aktuell auch schon wieder was am Laufen: auf Facebook suchen sie bessere Ideen als Skiunterwäsche und Co und stimmen diese noch bis Freitag Abend ab. Ein Vorschlag etwa: Schnelltestvorräte und Pool-Testing für einzelne Klassenverbünde. DAS nenne ich lösungsorientiert und konstruktiv. Deshalb:

Ja, es gibt noch viel zu tun. Und ja: wir könnten uns jetzt einfach ärgern und resignieren. Aber noch ist das Glas halb voll. Da geht noch was.

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1 Comment

  • Reply #4 – Folge 4 – 16.10.2020 – familienpolitisch.de 16. Oktober 2020 at 16:53

    […] Den Blogpost von Sabine zu den neuesten Entwicklungen in Sachen Corona und Schule findet ihr hier. […]

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