Hallo Gesundheitsministerium, wir müssen reden.

6. Januar 2021

“Das Gesundheitsministerium ist grundsätzlich der Auffassung, dass ein Arbeitnehmer zuhause arbeiten und auf seine Kinder aufpassen kann.”

9 Monate Coronavirus in Deutschland und jetzt das. Wow.

Als ich gerade diese Zeilen auf tagesschau.de (via https://www.instagram.com/mareike_aue/ ) gelesen habe, fühlte ich mich vage an den Sommerferien-Spruch des Brandenburger Wirtschaftsministers Jörg Steinbach (SPD) erinnert:

“Ich würde mich freuen, wenn zum Teil die Eltern auch mal wieder ihre Kinder richtig kennengelernt haben.”

Quelle: rbb

Wie wenig kann jemand dazu gelernt haben. Wie wenig Einfühlungsvermögen und Sachkenntnis kann jemand haben.

Arbeiten und Kinderbetreuung: geht nicht!

Nur nochmal um es klar zu machen. Natürlich kann ich mit dem Laptop am Schreibtisch sitzen. Aber ich kann nicht so arbeiten, wie ich es für gewöhnlich tue und Ruhe habe. Heute war mein erster Arbeitstag nach dem Urlaub, kleiner Ausschnitt:

Ich, mit dem Laptop seit 10 Minuten am Küchentisch sitzend.

Kind 1 (3 Jahre): Mama, iss will jetzt Joghurt. Jetzt.

Das Kind darf sich Joghurt ins Schälchen schaufeln, Kind 2 (5 Jahre) will jetzt auch Joghurt mit Banane, ich schnibble kurz.

Zurück am Laptop.

Wenige Minuten später. Kind 1 ist langweilig. Er wird quengelig. Kind 2 will ein Hörspiel hören. Ich merke, dass mein Puls steigt. Ich würde so gerne diesen einen Text fertig bearbeiten. Aber die Kinder sind eben auch da. Also Kind auf den Arm nehmen. Wir machen zusammen eine Flasche Sprudelwasser, dann hole ich Papier und Stifte, damit der Kleine malen kann.

Zurück am Laptop. Gut 10 Minuten klappt konzentriertes Arbeiten.

Der Kleine hat am Filzstift einen Deckel angemacht, ihm läuft Farbe über die Hand. Also Hände waschen, aufwischen.

Zurück am Laptop.

Die Stifte kullern auf den Boden. Er hat keine Lust mehr zu malen und will jetzt Alba Sport machen. Das geht nicht. Der große Bruder will in Ruhe sein Hörspiel zuende hören. Riesengeschrei.

Ich bin gestresst und würde zum ersten Mal an diesem Tag gerne mitweinen.

Ein paar Minuten später steht ein Videocall an. Mein Partner und ich tauschen Zimmer und damit Ruhe. Bis Kind 2 reinkommt, verkündet, dass er ein Geschäft machen muss und demnächst abgeputzt werden muss.

Man wird niemandem gerecht

Das ist etwa eine halbe Stunde und nicht immer ist es ganz so unruhig, zumal ich das Glück habe, dass mein Partner ebenfalls hier im Homeoffice ist und wir uns entlasten können. Ich kann arbeiten, aber bei Weitem nicht so konzentriert und fokussiert wie nötig. Gleichzeitig werde ich auch meinen Kindern nicht gerecht, die natürlich auch Kümmer-Bedarf haben. Vor allem der Kleinere braucht noch viel Betreuung und findet nicht so leicht ins eigene Spiel. Mir tut mir dann auch leid, wenn ich nicht ganz für sie da sein kann und das stresst zusätzlich. Und: es gibt keine Pausen für uns Erwachsene. Mittagspause heißt jetzt: Essen für die Kleinen vorbereiten und gemeinsam am Tisch sitzen. Es ist den ganzen Tag ein Offensein für Signale aus den unterschiedlichsten Richtungen und Kanälen. Die Signale müssen verarbeitet und zum Teil parallel gehandelt werden. Es ist unfassbar anstrengend. Das schafft man für ein paar Tage. Aber grundsätzlich ist es zehrend und kaum machbar, wenn man halbwegs Wert auf seine psychische und physische Gesundheit legt.

Der Staat schiebt die Verantwortung auf uns Eltern ab

Nun wurde ja einiges an Entlastungsversprechen verlautbart. Nicht alle kommunizieren so ungeschickt, wie die Verantwortlichen im Gesundheitsministerium. Man nehme Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, die noch heute meinte:

“Homeschooling und Homeoffice gehen nicht zusammen”

Quelle: https://www.fr.de/

Was aber bringen die Ankündigungen und bereits beschlossenen Maßnahmen tatsächlich? Die Antwort ist leider: zu wenig. Meine liebe Bekannte Bahar bringt es in der taz perfekt auf den Punkt: Viel zu viele Familien sind von den Leistungen ausgeschlossen. Ein Beispiel: Da die Kitas Notbetreuung anbieten, obliegt es ja den Eltern, ob sie diese in Anspruch nehmen. Es besteht also theoretisch eine Option zur Kinderbetreuung, so dass kein Anspruch auf Entgeltersatzleistung besteht. Nehmen die Eltern aber die Notbetreuung in Anspruch, tragen sie wohlmöglich zu einem erhöhten Infektionsgeschehen bei. Hier hat Bundesfamilienministerin Giffey heute immerhin angekündigt, dass der Anspruch künftig auch für Eltern gelten solle, die ihre Kinder freiwillig zuhause lassen wollen. Beschlossen ist das noch nicht, aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

An der Stelle ist es mir aber wichtig nochmals zu betonen: das bei uns bislang verbreitete Virus wird von Kindern unter 10 Jahren kaum verbreitet. Der Berliner Senat vermeldete noch am Freitag vor dem Lockdown gar, das Infektionsgeschehen an Kitas habe sich auch im Zuge der insgesamt erhöhten Infektionszahlen in der Gesellschaft nicht verändert sprich erhöht. Bei der Mutation des Virus, die zuerst in England festgestellt werden konnte, kann die Gemengelage hingegen anders liegen. Bisherige Beobachtungen deuten darauf hin, dass auch kleine Kinder dort eine Rolle für das Infektionsgeschehen spielen:

Einen Überblick über alle möglichen (Nicht-) Rechte für Eltern in der Coronazeit erhaltet ihr HIER oder bei Sandra Runge.

Was jetzt wichtig wäre

Soweit, so schlecht.

Was mir persönlich – und sicherlich vielen anderen Eltern helfen würde: Klarheit und Planungssicherheit. Sprich: ist es noch in Ordnung, die Kinder in die Kita zu bringen?

Wenn ja, dann sollte den Eltern dabei kein schlechtes Gewissen gemacht werden.

Wenn nein, dann sollten die Einrichtungen tatsächlich schließen.

Wenn schon eine Notbetreuung, dann nach klaren Leitlinien (so wie es zum Beispiel Eltern in der Krise vorschlagen).

Beim Thema Schulen ist es ähnlich, wobei da noch hinzu kommt, dass nach all den Monaten immer noch in der Breite KEINE tragfähigen Unterrichtskonzepte stehen, der digitale Unterricht weitestgehend katastrophal oder nicht läuft und so etwas “fancy” wie Hybrid- oder Wechselunterricht nach wie vor in weiter Ferne zu liegen scheinen.

Mit absoluter Prio würde ich mir also wünschen, da die Studienlage und das Monitoring voran zu treiben und zu prüfen: ist die Mutation schon hier? Wenn ja: wo? Und wenn nicht: angemessen und differenziert nach Alter und individuellem Bedarf Angebote für Kinder, bzw. deren Bildung und Betreuung zu machen. Was nämlich bei all der Debatte nicht vergessen werden darf ist, was die Schulschließungen für benachteiligte Kinder anrichten können. Es muss also schon sehr, sehr genau abgewägt werden.

Was aber gar nicht geht: die Verantwortung individuell auf die Eltern abzuschieben!

Im Zweifelsfall machen wir vielleicht kurzzeitig alles dicht, geben aber dann auch allen entsprechend die Entschädigungsansprüche frei und sorgen dafür, dass die benachteiligten Kinder dabei nicht untergehen. Bahar schlug ergänzend in ihrem Text ja Sonderurlaub für Eltern vor. Das kann für manche Familien sicher passen (für mich wäre es keine Lösung). Hier müsste dann aber sichergestellt werden, dass dessen Finanzierung nicht an den ohnehin geplagten Unternehmen hängen bliebe.

Es kommen raue Wochen auf uns zu

Es wird die nächsten Wochen sicher weiter hart. Für die Kinder, die ihre Erzieher*innen, Lehrer*innen und Freund*innen vermissen. Für Eltern, die im Stressstrudel gefangen sind. Immerhin: um mit dem Stress halbwegs klar zu kommen, habe ich einen kleinen, hoffentlich hilfreichen Guide für euch vorbereitet und es wird ein Webinar zur Stressbewältigung geben.

Ich wünsche euch alles Gute und viel Kraft!

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2 Comments

  • Reply Paula 6. Januar 2021 at 17:31

    Liebe Sabine,

    vielen Dank für deinen Text. Bei uns klappt es mit Kinderbetreuung und Homeschooling gerade nur, weil mein Mann in dieser Woche seine Überstunden abbaut und dann sehen wir weiter. Mein Horizont reicht gerade nur von Woche zu Woche. Krass eigentlich.

    Zur Übertragbarkeit bei Kindern möchte ich aber noch was sagen. Ich bin keine Virologin und fand die Erzählung, dass Kinder sich untereinander nicht anstecken, auch immer toll. Bis die Lehrerin unseres Sohnes (1. Klasse) erkrankte und im Verlauf die Hälfte der Klasse, mehrere Eltern und Geschwisterkinder (u. a. wir vier) positiv getestet wurden und teilweise erkrankten. Und dazu kommen dann noch die, die nicht getestet wurden.

    Natürlich kann das ein Einzelfall sein, aber da das vom Gesundheitsamt, nach dem was ich mitbekommen habe, nicht als Cluster wahrgenommen und behandelt wurde, wird darüber natürlich auch nicht gesprochen. Meine Befürchtung ist seit dem leider, dass das mit der Ansteckung bei Kindern gerne gesagt wird, aber total unklar ist, ob das wirklich so ist.

    Ich wünsche dir viel Kraft für die nächste Zeit,
    Paula

    • Reply Sabine Ponath 6. Januar 2021 at 17:36

      Hey Paula, danke dir und viel viel Kraft! Zu der Studienlage zu Kids unter 10 gibt es einiges an belastbaren Daten. Ich hab das im Artikel „Immer auf die Kleinen“ gesammelt. Aber klar ist auch: es heißt nirgends, die Kids seien NICHT ansteckend. In der Abwägung ist die Wahrscheinlichkeit nur äußerst gering. Mit der Mutation sieht das wohlmöglich wieder ganz anders aus… 🙁
      Alles Liebe!

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