Alles nur eine Phase

25. Februar 2021

Wer sagt, dass nur Babys oder kleine Kinder Entwicklungsphasen haben, der täuscht sich. Mal von Pubertät, Adoleszenzkrise und Co abgesehen hatte ich ebenfalls gerade mal wieder eine Phase. Einfach so kam sie angekrochen und setzte sich in meinem Kopf fest. Vielleicht, bei näherer Betrachtung, auch nicht einfach so, sondern vielleicht auch ein bisschen befeuert durch das Festsitzen. Den Lockdown und die verordnete Bewegungslosigkeit. Mein Radius, ach nicht nur meiner, unsere Bewegungsfreiräume sind klein. Eigentlich gar nicht einmal sehr verwunderlich, wenn dann die Gedanken Flügel bekommen.

Als mal wieder alles lärmte, der Puls pochte, die Enge erdrückend wurde, da tauchte das Fragezeichen auf: Was wäre gewesen wenn?

Was wäre gewesen wenn?

Was wäre gewesen, wenn ich damals nach dem ersten Versuch nicht hingeschmissen hätte, sondern ich mich ein zweites Mal an der Akademie der Bildenden Künste in München beworben hätte, um Kunst auf Lehramt am Gymnasium zu studieren? Ich kam damals frisch aus der Schule, meine Mappe unterm Arm, Zeichnungen, Schularbeiten, all das. Die Ablehnung kam mit Verweis darauf, ich müsse meine eigene Stimme, meinen roten Faden noch finden. Rückblickend klar. Was hatte ich mir nur gedacht? Dass das Talent allein reichen würde? Vielleicht – immerhin wurde ich ziemlich gepusht und unterstützt (und bin dafür vor allem auch meinem ehemaligen Kunstlehrer ewig dankbar), hatte schon eine kleine Ausstellung in meiner Geburtsstadt. Aber Hand aufs Herz: meine eigene Sprache, meine künstlerische Botschaft, die hatte ich noch lange nicht gefunden. Ich konnte oder wollte mir keine Wartesemester leisten, hakte die Kunst ab und entschied mich fürs Pädagogikstudium in Passau. Mein Leben, wie es heute ist, geriet in die Spur. Was aber wäre passiert, wenn ich weiter gekellnert und gemalt hätte und es noch einmal versucht hätte?

In meinem Stimmungs-Lockdown-Tief entstand eine schwärmerische Träumerei. Der Geruch von Farbe war mir in der Nase. Das Gefühl, wenn getrocknete Reste des Materials nicht ganz von den Händen, Fingern, Fingernägeln abgeht. Mein Malerkittel und diese entspannte Leichtigkeit, herumzukleckseln, Musik aufzudrehen. Ich würde in München leben, vielleicht, oder auch sonst wo in Bayern.

Dann stoppte das Gedankenspiel.

Nein. Das funktioniert so nicht, das “was wäre wenn”. Weil: ich will ja nicht aus meinem Leben raus. Ich hätte alle Menschen, die ich so liebe, nie kennen gelernt. Meinen Partner. Meine besten Freundinnen. Wer weiß, ob ich mich dann politisch so engagiert hätte? Nichts weiß man.

Die selbe Träumerei ereilt mich übrigens manchmal auch noch, wenn ich an Musik und meine kurze Zeit als DJane im Studium denke. Schön war das, aber wenn ich ich ehrlich zu mir bin auch ganz schön anstrengend. Wenn man selbst auflegt und die Herzen und Beine der Leute zum Tanzen bringt, dann verleiht das Hochgefühle sondersgleichen. Gleichzeitig kann man selbst gar nicht mittanzen und man muss sowieso bis zum Schluss, bis in die frühen Morgenstunden bleiben. In meinem Leben, so wie es jetzt ist, vollkommen undenkbar.

Ein Gedankenspiel ist schön, ein Schwelgen. In Wahrheit ging es aber nie um ein anderes Leben.

Ich will genau das Leben, das ich habe.

Aber im Kern blieb mir eine feine Sehnsucht. Nach Autonomie und Kunst und Freiheit und Leichtigkeit. Ich würde wetten, dass ich damit nicht die Einzige bin.

Ich setzte mich hin, an den Küchentisch. Die Kinder malten. Ich zeichnete einen Apfel. Es war wunderbar. Das war vor drei, vier Wochen. Seitdem habe ich wiederum nichts mehr gezeichnet, gemalt. Vielleicht also doch kein verkanntes Genie (ihr lest die Selbstironie raus, oder?)…

Was mir bleibt, von meiner Phase, meinem Tief, meinem Gedankenspiel: da ist etwas, was mir wichtig ist und immer wichtig war, aber wofür ich neben allem einfach nicht so viel Zeit habe: die Kunst. Weil ich mir andere Lebensschwerpunkte aufgebaut habe, ist das jetzt eben irgendwo, weit hinten. Weiter vorne in der Hobbythek sind die Politik, mein Blog, der Podcast.

Warum ging mir das plötzlich so nah, diese Frage, ob ich einen anderen Weg hätte begehen sollen?

Vielleicht eine beginnende Midlifecrisis? Zufall? Oder eben tatsächlich Lockdown Symptom? So oder so: Ich wachse daraus und habe für mich mitgenommen, dass ich dankbar bin genau dazu sein, wo ich bin und dass ich der Kunst bewusst wieder Raum geben will, in meinem Leben.

Eine Phase, eben.

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