Über das gesellschaftliche Klima. Und mich. Irgendwo dazwischen.

6. April 2021

Heute habe ich einen fulminanten Fehler gemacht. Ich habe einen Gedanken auf Twitter verfasst. Ziemlich spontan. einfach weil ich dankbar über das Warnnetz durch Schnelltests in Berlin bin.

Meine Aussage war: wenn wir dieses Auffangnetz haben und um regelmäßige Tests bei den Kiddies ergänzen würden, wieso dann auf systemrelevante Familien begrenzen (die in manchen Kitas ohnehin 80 Prozent der Belegung ausmachen). Vielleicht war der Gedanke naiv, jedenfalls kamen sogleich Verfechter*innen eines radikalen, harten Herunterfahrens des gesamtgesellschaftlichen Lebens umme Ecke und haben mir erklärt, wieso das Quatsch sei. Umgekehrt sprangen mir dankenswerterweise auch gleich die Forscherin Dr. Franziska Briest und die Twitter Userin @goldammerfeder bei. Immerhin: es ging recht gesittet zu. Es folgte in den Antworten eine ziemlich interessante Debatte über den (Un-)Sinn und Nutzen von Schnelltests. Darüber wollte ich hier aber gar nicht mehr so ausufernd schreiben. Sondern eher darüber, wie unwohl ich mich gerade fühle, zwischen verhärteten Fronten.

Wie gehen wir hier eigentlich gerade miteinander um?

Da wird dann schon einmal die in meinen Augen wirklich großartige Dr. Franziska Briest als “Stück Scheiße” bezeichnet, weil beim Thema Schließung von Bildungseinrichtungen eher kritisch äußert.

Umgekehrt dann Leute, die jede*n als Idioten bezeichnen, die sich nicht für ein sofortiges Ende des Lockdown und die Öffnung der Geschäfte und Kultur einsetzen.

Ich habe vor Kurzem schon einmal versucht, mein Unwohlsein in positive Worte zu verpacken. Weil ich es ja nachfühlen kann. Das klang dann so:

Unwohlsein bzw. Verdrossenheit bzw. ein Scheiß Gefühl

Inzwischen fühle ich mich total gehemmt, mich zu äußern. Weil ich es ohnehin nur falsch machen kann. Mir fehlt eine ausgewogene Mitte. So, wie wir uns im echten Leben eben auch an einen Tisch setzen würden und mal alles abwägen und ausdiskutieren würden.

Stattdessen sind da die einen, die eh vollkommen nix mehr mit dem Lockdown am Hut haben wollen, zum Beispiel, weil ihre Geschäfte gerade pleite gehen und sie privat in den krassen Ruin getrieben werden oder die, die diese Bildungsnachteile einfach nie nie nie wieder wirklich aufholen werden können, weil ihnen die privilegierte Elternschaft fehlt. Und ernsthaft: für diese Leute habe ich total Verständnis. Die bedanken sich schön, wenn dann einer um die Ecke kommt und sagt: ach ja, so ein ein paar Wochen (wer weiß schon wie lange, Hand aufs Herz) echt harten Lockdown müssen wir jetzt nochmal aushalten, dann isses vorbei. Ist es das? Ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube, dass die ganze Impfkampagne einfach ein echter Misthaufen ist und dass sich die Durchimpfung der Bevölkerung noch ewig ziehen wird.

Umgekehrt ist es für mich total klar, dass ich mich solidarisch verhalte. So, dass ich meine Familie zuletzt im Herbst 2020 gesehen habe. Das tut weh und das ist scheiße, aber so ist das eben momentan. So, dass im Zweifel die Buben eben wieder zuhause bleiben, wenn es irgendwie geht, auch wenn es ihnen einfach besser tut, unter Kindern zu sein, anstatt wochenlang nur mit Mama und Papa, die auf Bildschirme glotzen. So, dass ich in diesem Jahr exakt zweimal im Büro war, weil es beruflich notwendig und unumgänglich war bzw. ich einen Schnelltesttermin (don’t kill me again) hatte. Ich habe wirklich kein Verständnis für all jene, die in der jetzigen Situation meinen, wir bräuchten Lockerungen. Null null null.

Aber ich habe das Gefühl, bei all dem Frust, all den Ängsten, da bleibt gar kein Platz mehr um differenziert auf all das einzugehen. Es wird erwartet: bist du Crew “rotes Profilbild” und damit eine von den Guten oder bist du vollkommen crazy Querdenkerguy? Ich bin weder noch. Ich schreibe das jetzt einmal auf, weil es nicht nur mir so geht und weil es einfach kacke ist, dass wir so derbe in Schubladen unterwegs sind und uns gegenseitig haten, dass es nur so kracht.

Pauline Wiesel schrieb auf Twitter, es gäbe das Phänomen der psychischen Äquivalenz:

Die Lösung sei demnach, dass Wissenschaftler*innen sich in Ruhe (!) zusammen setzen und versuchen sich anzunähern. Meines Erachtens ist der Zug bedauerlicherweise abgefahren. Erstens haben wir seit Monaten keine Ruhe. Wir leben in pandemischer, hektischer Unruhe, in der jede Woche etwas anderes auf uns einprasseln kann. Und zweitens haben sich die Ansätze, die Denkweisen so dermaßen verfestigt, dass es kaum mehr gehen wird, dass eine*r sich da auch nur einen Fußbreit vom ursprünglichen Weg abbringen lassen würde.

Ich mach es wie die Schildkröte

Ich weiß auch selbst gar nicht, wie ich mir Extremen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umgehen soll (again: keine Querdenker oder sowas, nur extrem in der oben beschriebenen Weise). Viele dieser Menschen liegen mir so am Herzen, aber ich bin einfach nicht ihrer Meinung – auch wenn ich sie und ihre Situation verstehen kann – und wir reiben uns daran auf. Das tut weh und macht die ganze unerträgliche Situation noch unerträglicher.

Mein Fazit, auch wenn es nicht besonders mutig oder happy ist: ich mach weiter mein Ding. Versuche abzuwägen. Und zieh ein bisschen den Kopf ein, wie eine Schildkröte. Peace out, ich bin hiermit draußen, aus der Coronadebatte. Bis auf Weiteres.

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