Allein sein. Für mich sein.

18. Juli 2021

Ich dachte, ich müsse Kraft tanken und reglos wahlweise vier Tage im Hotelbett fläzen oder am Strand. Das dachte ich wirklich, als ich mich in den Zug setzte, raus aus Berlin. Weg von meinen Kindern, meiner Familie, meinem normalen Leben.

Schon öfter war ich ein paar Tage ohne sie, nur mit Freundinnen unterwegs. Weil es mir gut tat, einmal auch nur ich sein zu können. Natürlich bin ich auch ich, wenn ich gerade Wäsche wasche, Marmeladenmündchen abwische, Abendessen koche, dem Kind helfe das Klettergerüst hochzukommen, gemeinsam mit den Jungs im Bett zu liegen und vorzulesen. Das bin ich ja jetzt auch und das ist zu großen Teilen ziemlich wunderschön. Aber es ist eben auch anstrengend. Anstrengend ständig andere Bedürfnisse zu erfüllen. Sich zu kümmern, um alles außer sich selbst. Deshalb erlaubte ich mir schon früh, als die Jungs noch Babys waren, auch mal ein bisschen weg zu sein. Zu sehen: es geht auch anders. Du kannst deinen Cappuccino auch leertrinken, bevor er kalt wird. Du kannst in der Sonne sitzen und lesen. Oder dich ohne Unterbrechung am Stück mit jemandem unterhalten. Und gleichzeitig: du kannst deinem Partner bedingungslos vertrauen. Es ist alles gut, auch wenn du einmal gerade nicht da bist. Die kriegen das hin. Sehr gut sogar.

Diesmal aber war es anders. Es ist eben gerade alles anders. Die Coronapandemie hat sich für mich angefühlt, wie Druck auf dem Kessel sich vielleicht anfühlt. Eine Enge, kurz davor zu platzen. Immer laut, immer viel, immer Arbeit, immer nie allein.

Ich bin ein Landkind. Ich mag es, alleine durch die Wälder und Berge zu streifen. Niemanden zu treffen. Für mich zu sein. Da ist eine Stadt wie Berlin eh schon eine kleine Herausforderung.

Die Pandemie hat das Gefühl, allein sein zu wollen, verstärkt. Oder besser formuliert: bei mir sein zu wollen.

Die Tage hackten so dahin. Voll mit Gedanken, Aufgaben, einem harten Takt. Ein Takt, der nicht verzieh, wenn man einmal zwei Tage vergaß, die Wäsche zu waschen (es wird unendlich viel, diese Berge) . Voll mit Chaos und Lärm. Es blieb kaum Luft und Raum, mich treiben zu lassen. Nichts zu tun.

Ich wusste: diesmal will ich ganz für mich ein paar Tage wegfahren. Auch ohne Freundinnen. Ich will mich einmal nur nach meinem Bauchgefühl richten, nach meinem Rhythmus.

Was soll ich sagen: es war ein wunderbarer Entschluss. Ich kann es von Herzen nur empfehlen. Am Ende lag ich selten länger als ein Stündchen irgendwo herum. Mein Gefühl trieb mich an: ich wollte gehen. Einen Fuß vor den anderen, immer weiter. Die Luft, schwer beladen mit dem Duft nach Salzwasser und Kräutern. Zwischendurch setzte ich mich an den Strand. Tauchte ein in die Frische. Saß da und schaute. Mein Sound auf den Ohren: der Wind, die Wellen, Möwengekreisch.

Seit vielen Jahren packte ich einmal wieder ernsthaft meine Bleistifte und Aquarellfarben aus. Schaute. Skizzierte. Versuchte das Wesen der Dinge zu greifen. Und war von tiefer Ruhe erfüllt.

Vier Nächte. So lange war ich noch nie von zuhause fort.

Am letzten Morgen entschied ich, eine Stunde früher als geplant nach Hause zu fahren. Tief in mir eine wohlige Vorfreude, meine Lieben wieder in den Arm nehmen zu können, schon bald.

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