Zu nah am Spiegel

25. November 2021

Nie zu nah an den Spiegel heran, am besten. Zu nah bedeutet: Du siehst die Zahnpastaspritzer, du siehst Schlieren, du siehst Arbeit, die du ignorierst zu erledigen, weil es Wichtigeres gibt. Du siehst Poren, an deiner Nase. Du siehst rote Stellen und so einen komischen Knubbel, bei dem du dich fragst, ob der eigentlich schon immer da war. Du siehst das Alter, dein Alter auf die 40 zugehend.

Also einen Schritt weg oder zwei. Halb beugst du dich dann aber doch wieder nach vorne, weil du die Kontaktlinsen schon heraus genommen hast und immer schlechter siehst. Dein Bauch hängt dabei leicht nach unten. Diese Woche hat das Kind wieder gefragt: “Ist da ein Baby drin, Mama?” Und du hast versucht möglichst locker zu sagen, neinnein nur Nudeln und das ist okay und jeder Mensch ist anders. Er hat es geschluckt, denkst du, aber du selbst noch nicht wirklich.

Eine Diät kommt nicht in Frage, du nimmst dich so an, aber gut findest du deshalb noch lange nicht alles an dir. Diäten sind ohnehin immer kurze, sehr ambitionierte Kapitel, in denen sich dir alles offenbart, plötzlich. So leicht, so fit, so wach. Im Moment bist du zu müde, um ernsthaft daran denken zu können und es bringt ja langsfristig offensichtlich auch nix. Dein Körper ist eben so und will immer wieder dahin zurück.

Neu ist nur das Ding mit dem Alter. Der Rücken! Du erinnerst dich an die alten Damen im Bus, wenn du morgens zur Schule gefahren bist. Die sich kopfschüttelnd ausschließlich über ihre Zipperlein ausgetauscht haben. Das Gejammer, das klagende Seufzen. Du hast dir geschworen, nie so zu werden. Jetzt weißt du: wenn deine Zipperlein so präsent sind und so sehr über deinen Tag und dein Befinden bestimmen, dann geht es nicht anders. Sie sind dein Inhalt. Dieser Rücken, trotz Yoga. Denn an Yoga hältst du fest. Dein Anker. Naja, Orthopädietermin ist gemacht, nächstes Jahr im Januar hat jemand Zeit für dich. So lange: Yoga, Wärmflasche, Yoga. Jedenfalls: du entschuldigst dich stumm bei den alten Damen und denkst etwas respektvoll an alle Beschwerden, die da wohl noch so kommen werden.

Alles wird schlechter und schwieriger, so rein körperlich. Denkst du, für einen Moment.

Dann erinnerst du dich: wie schön du warst, als junge Frau. Und es nicht klar sehen konntest. Irgendwas passte immer nicht. Die Silhouette. Der Leibesumfang. Die Haare. Irgendwas hat immer verhindert, dich so zu sehen, wie du bist. Du bist ein schöner Mensch.

Medien, Rollenbilder, Glaubenssätze. Der Spiegel, zu nah.

Die Moral müsste jetzt sein: du erkennst, was du alles an dir schätzt und liebst. Du siehst deine Falten, deine ersten weißen Haare in Liebe. Du dankst deinem Körper.

Aber so einfach läuft das nicht.

So einfach wirft man 37 Jahre nicht über Bord. Du setzt dich seufzend an den Rand der Badewanne, spürst deine Speckrolle am Bauch, wie sie sich vornüber wölbt. Seufztnochmal. Alles in allem bist du okay mit dir, mit dieser Phase, es war nur ein schwacher Moment, nur einmal zu viel nachgedacht, verkopft, du siehst Wäsche auf dem Boden. Sie ist dreckig, da fällt dir ein: längst überfällig. Also schiebst du alles beiseite, suchst deine Brille, sammelst mit geradem Rücken (!) Stück für Stück vom Fußboden auf, legst alles in die Waschmaschine.

Und bevor du weiter in Selbstkritik aufgehen kannst fallen dir hundert andere Dinge ein, die zu tun sind und plötzlich rennt das Kind um die Ecke umarmt deine Beine und drückt sein Gesicht ganz fest an dich. “Mama, du bist die Beste”, sagt es aus tiefster Brust.

Du lächelst.

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